Pressemitteilung zur Veröffentlichung "Bahnkunden stehen unter freiem Himmel" (Ostthüringer Zeitung / Thüringer Landeszeitung vom 07.08.2008)
Mit großem Interesse und einiger Überraschung hat die Ortsgruppe Gera des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) die o. g. Veröffentlichung und die darin enthaltene Aussage eines Vertreters der DB AG zur Kenntnis genommen, dass Gera Hbf der "bedeutendste Nahverkehrsknoten Thüringens" ist.
Das Erstaunen hat seine Ursache in einem Gespräch mit Herrn Tucholka (Bahnhofsmanagement Gera), das Vertreter des VCD im April 2008 geführt hatten. Vorausgegangen war ein umfangreiches Schreiben der VCD-Ortsgruppe, in dem zahlreiche Kritikpunkte zu den Stationen Gera Hbf und Gera Süd angesprochen wurden. An erster Stelle hatte die Ortsgruppe dabei die Haltepositionen der Züge an den Bahnsteigen angesprochen, die insbesondere für umsteigende Fahrgäste zu langen Wegen führen. Weitere Aspekte waren die inzwischen zumindest teilweise ergänzten Ausschilderungen, die Aktualität des aushängenden Stadtplans sowie die Fahrkartenautomaten. In dem o. g. Gespräch teilte Herr Tucholka unter anderem mit, dass Gera Hbf lediglich ein Bahnhof der Kategorie 5 gemäß der Richtlinie 813 wäre. Nach dieser Einstufung, die für alle 5.400 Stationen in der Bundesrepublik vorgenommen wird, richten sich die jeweiligen baulichen Vorgaben für die Ausstattung eines Bahnhofes. Unter der Kategorie 5 werden dabei so genannte "Nahverkehrssystemhalte" verstanden. Das sind Stadtteilbahnhöfe, die größtenteils von Pendlern genutzt werden. Zitat DB AG: "Diese rund 1.300 Bahnhöfe sind weniger belebt, weshalb auf eine robuste Ausstattung geachtet wird, die auch Vandalismus standhält. Weniger ist hier oft mehr: Statt in nicht benötigte Ausstattung zu investieren, werden finanzielle Mittel wirkungsvoller für Reinigung und Instandhaltung eingesetzt." Zu der nicht benötigten Ausstattung gehören dann auch diverse Schilder, die den Reisenden den richtigen Weg weisen würden, Überdachungen, die trockene Wege gestatten usw.
Nicht nur vor dem Hintergrund der zitierten Einschätzung zur Bedeutung Geras als Nahverkehrsknoten in Thüringen stellt sich aber die Frage, warum Gera Hbf nicht der Kategorie 3 zugeordnet wird: Zu diesen "Regionalknoten mit möglichem(!) Fernverkehrshalt" gehören vor allem Hauptbahnhöfe mittelgroßer Städte. Meist gibt es ein Empfangsgebäude, wo Reisende ihren Bedarf bis spät abends problemlos decken können. Aus Kostengründen wird an den 250 Bahnhöfen dieser Kategorie 3 auf eine permanente Kundenbetreuung durch eigene Mitarbeiter weitestgehend verzichtet. Nichts anderes ist momentan in Gera Hbf zu beobachten. Oder kennt die DB AG ihre eigenen Bahnhöfe nicht? Übrigens: Gera Süd wird in der aktuellen Einstufung als Kategorie 4 geführt. Hier handelt es sich immerhin um einen hoch frequentierten "Nahverkehrssystemhalt/Nahverkehrsknoten", der sich zumindest theoretisch schon etwas besser ausgestattet fühlen darf.
Was der VCD-Ortsgruppe aber bei allen Aspekten und auch in dem Gespräch mit Herrn Tucholka aufgefallen ist: Kundenservice ist für die DB AG offensichtlich abseits der großen Fernverkehrsbahnhöfe ein Fremdwort und auch nicht notwendig. Aus Sicht des VCD ist aber gerade dieser Service ein wichtiger Ansatzpunkt, wenn wieder mehr Menschen die Bahn nutzen sollen. Und das fängt eben auch bei der Ausstattung der Bahnhöfe und bei der Hilfestellung für die Fahrgäste an, die persönliche Ansprechpartner und nicht nur anonyme Automaten vorfinden möchten. Denn der DB-Nahverkehrs-Fahrkartenautomat in Gera Hbf kann dem Fahrgast nicht erklären, warum er ihm kein Ticket nach Wünschendorf anbieten kann. Der benachbarte Automat für den Fernverkehr verkauft aber eben diesen Fahrschein verblüffender Weise ohne Probleme.
Die Stadt Gera benötigt ein Nah- und Fernverkehrsangebot, dass für die Fahrgäste akzeptabel ist. Den passenden Bahnhof sowie weitere attraktive Verknüpfungspunkte zum öffentlichen Nahverkehr gibt es bereits. Es ist an der Zeit, dass beispielsweise auf der Mitte-Deutschland-Verbindung wieder Fernzüge fahren, die von Dresden kommend bis ins Ruhrgebiet rollen. Hier ist auch die Politik in der Pflicht, die allerdings mit ihren Entscheidungen die Entwicklungen bei der DB AG begünstigt hat, die gerade dazu führen, dass sich die Bahn zunehmend auf die gewinnträchtigen ICE-Trassen zurückzieht, während die Länder mit Nahverkehrsverbindungen die Lücken schließen müssen. Für Gera muss es kein ICE sein. Ein Angebot, dass mit dem bewährten InterRegio – einer leider inzwischen abgeschafften Zugkategorie - vergleichbar ist, würde nach Auffassung der VCD-Ortsgruppe Gera ausreichen. Und dann wären die Kunden am Zuge. Hoffentlich im wahrsten Sinne des Wortes!
Gera, am 10. August 2008
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