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Autobahnplanungen und Wirtschaft
Gerne wird behauptet, neue Straßen seien gut
für „die Wirtschaft”, damit brächten sie Arbeitsplätze und das dürfe
niemand kritisieren.
Das deutsche Straßennetz ist bereits
sehr gut ausgebaut. Trotz vieler millionenschwerer Gutachten
gibt es keinen unstrittigen Hinweis darauf, dass noch mehr
Straßen der Gesamtwirtschaft nutzen. So gehen die meisten
theoretischen Begründungen des Straßenbaus von einem idealen
Markt aus, der unendlich viele Anbieter und Abnehmer hat.
Tatsächlich führt der Straßenbau aber über eine
Zentralisierung zu Konzentrationsprozessen.
Die gerne zitierten
„Nutzen/Kosten-Bewertungen” der Bundesverkehrswegeplanung
werden auf der Seite des Nutzens einseitig durch (nicht
immer realistische) Fahrzeitverkürzungen geprägt, jede
„eingesparte” Minute werde für Arbeit mit durchschnittlicher
Produktivität verwendet; dabei wird als „Naturgesetz” ein
weiteres Verkehrswachstum zugrunde gelegt. Der
Bevölkerungsrückgang in den meisten ländlichen Regionen ist
den Planern hingegen unbekannt. Auf der Seite der Kosten
werden hingegen sehr niedrige Ansätze verwendet. Kosteten
die 2001 und 2002 fertig gestellten Autobahnen im Schnitt
10 Mio. €/km, so sind
A 20 und A 22
mit etwa 8 Mio. €/km angesetzt, die
A 39 nur mit 5 Mio. €/km, obwohl weder Marsch noch Moor
als guter Baugrund gelten. Die sehr gut ausgestatteten
Straßenbauverwaltungen haben ein natürliches Interesse
daran, möglichst viele Projekte planen und umsetzen zu
dürfen; nur das garantiert Planstellen, Sachmittel, Einfluss
und Karrierechancen. Daher sind die meisten Bewertungen für
Projekte sehr wohlwollend. Eine umfassende Analyse dieser
Bewertungen finden Sie u. a. in der
Stellungnahme des BUND.
T&E, die
Dachorganisation der europäischen Verkehrsverbände, sieht
die Alternative zwischen
„The Myths and the Facts”.
Die Transportkosten spielen nur noch
bei Roh- und Baustoffen eine wichtige Rolle. Bei kleinen und
mittleren Sendungen, die allein keinen Lkw füllen, ist das
Einsammeln, Sortieren und Verteilen weit aufwändiger als der
eigentliche Ferntransport. Bei den hochwertigen Waren (z. B.
Elektronik), deren Produktion qualifizierte Arbeitsplätze
schafft und sichert, liegen die Transportkosten im unteren
Promillebereich des Warenwerts.
Gleichzeitig treiben die Bau- und
Unterhaltungskosten eines wuchernden Straßennetzes die
Steuerlast nach oben, belasten die externen Kosten (Lärm-,
Schadstoff- und
Unfallschäden) die Wirtschaft, im Straßenverkehr
deutlich stärker als z. B. bei der Bahn. Der VCD setzt sich
deshalb für eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die
Schiene und eine Schwerverkehrsabgabe ein (mehr
dazu).
Da die Transportpreise bereits niedrig
sind, sind auch nur noch geringe Einsparungen möglich. Auch
Transportzeiten lassen sich nur sehr begrenzt senken,
schließlich dürfen Lkws auf Autobahnen genauso wie auf
Landstraßen nur 80 km/h fahren.
Klaus von Dohnanyi schreibt in einem
lesenswertem
Essay in der
ZEIT zum
Aufbau in den neuen Ländern:
Das lässt sich ohne weiteres auf
„strukturschwache Gebiete” in Niedersachsen übertragen.
... Und jedes Wachstum, auch von
Wirtschaft oder Verkehr, ist begrenzt und kein Wert an sich.
Natürlich gibt es Gruppen, die
Interesse am Bau einer Autobahn haben, meist Baufirmen und
Spediteure. So setzen sich z. B. Vertreter eines Betonwerkes
bei Itzehoe intensiv für die A 20 („Westumfahrung
Hamburg”) ein. Einige Interessen im Zusammenhang mit der
A 39 (Wolfsburg—Lüneburg) hat die
BI Ebensberg zusammengestellt. Viele angebliche
„Bürgerinitiativen” pro Straßenbau werden offen oder
indirekt von der Auto- oder Bauindustrie eingerichtet und
unterstützt –
Der SPIEGEL
21/2003 schreibt von 150 eindeutigen aktuellen Fällen eines
indirekten Fördersystems, bei dem Geld von Bauunternehmen
verteilt und dessen Herkunft über zwei „neutrale”
Zwischenstufen verschleiert wurde. Auch niedersächsische
Freunde des Straßenbaus bedankten sich.
Zudem bietet eine angeblich „schlechte
Verkehrsanbindung” manchen Vertretern aus Politik und
Wirtschaft die Möglichkeit, von anderen Problemen und
Versäumnissen abzulenken. Und wie unabhängig wohl Politiker
entscheiden, die
eng mit einem Autokonzern (einem Bauunternehmen, der
Ölindustrie ...) verbunden sind?
Laut
Deutschem Chapter von Transparancy International ist
gerade die
Vergabe von öffentlichen Bauaufträgen besonders
korruptionsanfällig; ausdrücklich auch „bei der Planung und
der politischen Entscheidung über ein Projekt”.
Lesetipp dazu: Alain Grenier: „Die
Interessenwahrer des Straßenbaus” in: T. Leif, R. Speth (Hrsg):
„Die Stille Macht - Lobbyismus in Deutschland”,
Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-14132-5.
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