EXPO kann Motto “Mensch - Natur - Technik” nicht einlösen!”

 


Pressemitteilung 19/2000 vom 27.04.2000

Deutliche Kritik an der Verkehrspolitik im EXPO-Land Niedersachsen

Hannover. Auf deutliche Defizite auf dem Wege zu einer tragfähigen Verkehrspolitik macht der Verkehrsclub Deutschland (VCD), Landesverband Niedersachsen, anlässlich der EXPO in Hannover aufmerksam. “Sowohl aus Sicht des Landes als auch der Stadt Hannover kontakariert die EXPO ihren anspruchsvollen Titel Mensch - Natur -Technik” aufs äußerste!”, erklärte der VCD-Landesvorsitzende Michael Frömming in einer heutigen Pressekonferenz.

Vom Motto der EXPO “Mensch – Natur – Technik” erwartete der VCD, dass nun endlich auf eine neue umweltschonende und integrative Mobilität hingearbeitet wird. Dabei sollte der öffentliche Personennah- und Fernverkehr, das Fahrrad und natürlich die eigenen Füße mehr in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt werden. “Leider wird diese Erwartung enttäuscht. Statt die Chance zu nutzen, die Attraktivität neuer Busse und Bahnen zu verdeutlichen, erscheint das Auto auch weiterhin als vermeintlich bequemstes und günstigstes Verkehrsmittel.”, so Ulrich Wilk, Vorstandsmitglied vom VCD-Kreisverband Großraum Hannover. Schon der massive Ausbau des Straßennetzes zur EXPO, z.B. der Ausbau der Pferdeturmkreuzung, sei kontraproduktiv für eine notwendige Verlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsmittel.

Zur EXPO droht die Bahn AG mit Zuschlägen für den ICE, während das günstige Wochenendticket, das Niedersachsen-Ticket und Schülergruppentarife ausgesetzt werden. Bahnkunden aus dem Raum Hannover trifft dies besonders. Der günstige Wochenendausflug nach Norddeich kann dann nicht mehr mit dem Wochenendticket erfolgen. Wer nach Hannover reist, aber nicht die EXPO besuchen will, bezahlt nach Angaben des VCD ungerechtfertigterweise einen Strafzoll. Damit demontiert die Bahn nach Meinung des VCD ihr mühsam aufgebautes positives Image selbst. Beim Kunden entsteht die Haltung “Die Bahn kommt – aber ohne mich”.

Im Großraumverkehr Hannover werden Kunden zudem durch die unpersönlichen Tix-Säulen vergrault. Fahrkarten können nicht mehr beim Stadtbahnfahrer gekauft werden, sondern sind über Automaten erhältlich. Bevorraten mit Fahrscheinen entfällt, da die sogenannten Tickets immer gleich entwertet sind. Wer mit Bargeld zahlen will, muss sich schon eine Tix- mit beigeordneter Müx-Säule suchen. Wer bar zahlt, zahlt dann drauf, denn über den Chip einer EC-Karte ist das Ticket billiger. Wechselgeld gibt die Müx-Säule sowieso nicht zurück. Ob und wie Ortsfremde oder gar ausländische Gäste mit diesen Servicesäulen klar kommen, bleibt abzuwarten.

Bezogen auf die Expo verhärtet sich der Eindruck, dass die Technik im Mittelpunkt steht. Mensch und Natur sind nur nettes Beiwerk. Alle Probleme sind angeblich technisch lösbar. Vorreiter auf diesem Gebiet ist das Auto, dem das Verkehrsleitsystem “Move” Vorrang einräumt. Auch der Ausbau der Autobahnen und der Messe-Zuwegungen weist in diese Richtung. Die Hinzuziehung der Standstreifen auf der Autobahn A 7 als Fahrspur sieht der VCD auch unter dem Gesichtspunkt der Verkehrssicherheit als fragwürdig an. Liegenbleibende Pkw oder Lkw stellen eine erhebliche Unfall-Gefahrenquelle dar.

Dass die EXPO außerhalb des Großraums Hannover sogar für eine rückwärtsgewandte Verkehrspolitik sorgt, zeigen die vernachlässigten Investitionen in den Ausbau des flächenhaften Nahverkehrs in Niedersachsen. Während fast alle umliegenden Bundesländer Gelder in die Wiederbelebung von Bahnhöfen und Strecken investieren, fehlt in Niedersachsen der ernsthafte Wille zu einer nachhaltigen Strukturpolitik. So endet beispielsweise die EXPO-Vorzeigestrecke Bielefeld - Dissen Bad Rothenfelde an der niedersächsischen Landesgrenze. Während die Bahnverlängerung nach Osnabrück derzeit verödet, plädiert das Land Niedersachsen mit Nachdruck für den Neubau der parallelen Autobahn A 33 nach Osnabrück. Auch die längst überfälligen Reaktivierungen der Bahnstrecken Emden- Aurich, Rinteln - Stadthagen, Bremervörde - Osterholz-Scharmbeck für den Regelverkehr bleiben unberücksichtigt.

Unter Berücksichtigung der Entwicklungen in Hannover und im Land Niedersachsen muss die EXPO aus Sicht des umweltorientierten VCD als Rückschritt auf dem Weg zu einer tragfähigen Verkehrspolitik für das nächste Jahrtausend angesehen werden. Den Anspruch “Mensch - Natur - Technik” kann die Weltausstellung in Hannover nicht einlösen.

Rückfragen: Michael Frömming, Tel. 0511 7000522/ 0173 9330629
Ulrich Wilk, Tel. 0511 7000522

 

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