Bonn und der Schienengüterverkehr
Pressemitteilung des VCD-Kreisverbands zur Fachtagung Bonn und der Schienengüterverkehr am 22.02.2007
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"Die Lebenslüge, dass Schienengüterverkehr keine Konkurrenz für den LKW-Güterverkehr sein kann, ist widerlegt"
Dr. Martin Henke vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) schilderte in seinem verkehrspolitischen Vortrag im Rahmen der Fachtagung "Bonn und der Schienengüterverkehr" am 22.02.2007 die Entwicklung des Gütertransports in den letzten Jahren und zeigte den Aufwärtstrend für die Eisenbahnverkehrsunternehmen. Die Fachtagung wurde vom Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg/Ahr des Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Bonn veranstaltet und konnte neben kompetenten Referentinnen und Referenten einen illustren Teilnahmekreis aus Politikerinnen und Politiker mit verschiedenen Parteibüchern, Vertreterinnen und Vertreter von Gewerkschaften, politischen Verbänden, Verkehrsunternehmen und Anwaltskanzleien sowie Angehörige unterschiedlicher Behörden wie Bundeskartellamt, Stadtplanungsamt oder Bundesnetzagentur vorweisen.
DER SCHIENENGÜTERVERKEHR NIMMT ZU "Als Bürger freue ich mich, wenn man seine Behörden auch mal nutzen kann", wurde Kristina Walter vom Statistischen Bundesamt durch Rainer Bohnet, den Vorsitzenden des veranstaltenden VCD-Kreisverbands und Geschäftsführer der Rhein-Sieg-Eisenbahn GmbH (RSE), begrüßt. Frau Walter hatte sich zur Fachtagung angemeldet und sich spontan bereit erklärt, in einem Kurzreferat das Wachstum des Schienengüterverkehrs mit statistischen Daten zu untermauern.
BONN IM LÄRMTAL Sich mit Schienengüterverkehr zu befassen, ist nicht nur Marktwirtschaft oder Verkehrspolitik, es ist zuvorderst Umweltpolitik: Mehr Bahn heißt weniger Immissionen als beim LKW-Transport, aber auch mehr Lärm für Anwohnerinnen und Anwohner an Schienenstrecken. Daher bot sich Bonn als Tagungsort an, wie ein Versprecher, der während der Veranstaltung aus dem Rheintal das Lärmtal machte, zeigte. "Wir haben angefangen, Bonn als erstes zu sanieren." Mit diesem Leitsatz schilderte Constantin Vogt von Bahn-Umwelt-Zentrum der Deutsche Bahn AG das Lärmschutzprogramm der DB AG und kündigte verstärkte Dialogbereitschaft der Deutschen Bahn mit den Bonnern und Bonnerinnen sowie mit den regionalen Eisenbahnverkehrsunternehmen vor Ort an.
STICHWORT K-SOHLE Dirk Flege, Geschäftsführer von Allianz pro Schiene zeigte in seinem Vortrag die Symbiose von Schienengüterverkehr und Umwelt deutlich auf. "Der Güterverkehr auf der Schiene erlebt weltweit eine Renaissance und Europa steht erst am Anfang", wies Flege auf die steigenden Marktanteile hin. Mit dem erhöhten Zugaufkommen steige auch der Lärm. Abhilfe empfiehlt Flege als Sprecher eines Lobbyverbands für die Eisenbahnunternehmen durch Umrüstung der Güterwagenbremsen auf eine weiterentwickelte Kunststoffbremse, die K-Sohle. Da diese Umrüstung mit zusätzlichen Kosten für die Unternehmen verbunden ist, müsse eine staatliche Förderung her, die Wettbewerbsnachteile zum LKW-Verkehr für die Privatbahnen im Güterverkehr auffängt.
DRUCK AUF DIE POLITIK BELEBT Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für Veränderungen, die allen Beteiligten - Eisenbahnverkehrsunternehmern wie Anwohnern und Anwohnerinnen, Aktiven in Kommunalpolitik wie im Umweltschutz - zu Gute kommt. Denn die Diskussionen in der Bevölkerung haben dafür gesorgt, dass sich betroffene Bundesministerien und die großen Parteien dem Thema angenommen haben. "Raus aus dem Wohnzimmer und rein die Verbände und Parteien", empfiehlt deshalb Rainer Bohnet. Als Verband von Ehrenamtlichen hat der VCD mit der Veranstaltung dieser Fachtagung gezeigt, dass mit einigem Arbeitsaufwand und dem Opfer je eines Urlaubstages pro Mitglied der VCD-Organisationsgruppe, auf hohem Niveau etwas bewegt werden kann. "Druck auf die Politik belebt!" ermunterte der bayerische Bürgermeister Gascher, Tagungsteilnehmer und CSU-Mitglied, alle Anwesenden, weiter zu machen.
GÜTERZÜGE UND GLOBALISIERUNG Über die internationalen Zusammenhänge des Schienengüterverkehrs referierte Arthur-Iren Martini vom Netzwerk Privatbahnen e.V. "Der Schienengüterverkehr profitiert von der Globalisierung", so Martini. Dabei sei der Seeweg "die Quelle Nr. 1 für Schienentransporte". Für große Mengen auf langen Landstrecken sei die Schiene die attraktivste Lösung, insbesondere in Deutschland durch seine geographische Lage als Transitland. "Verkehrspolitik heißt vordergründig erst einmal, den Verkehrskollaps auf der Straße zu verhindern." Aus wettbewerbspolitischer Sicht sei die Trennung der Schieneninfrastruktur von der Deutschen Bahn AG die geeignetste Lösung. Sie fördert den Wettbewerb, die Kostentransparenz und die Innovationen.
LÄRMSCHUTZ IST UNTERNEHMERISCHE VERANTWORTUNG Wolfgang Groß, TX Logistik AG, schilderte die Schwierigkeiten für Eisenbahnunternehmen, wenn die Nutzung der Schieneninfrastruktur nicht für alle gleich ist. Ein Rabattsystem der Deutschen Bahn AG als Betreiber eines Großteils des Schienennetzes kommt nur dem einzigen großen Güterverkehrsunternehmen zu Gute, und das ist die ebenfalls zur DB gehörende Raillion Deutschland AG mit 85 % Marktanteil. Den kleinen Unternehmen nutzen die Rabatte nichts. Groß überschrieb seinen Vortrag mit "TX - Der steinige Weg". Neben Kostenfragen ist auch das Verfahren zum Zugang auf das Schienennetz der DB ein Wettbewerbshemmnis. "Man muss ungeheures Fachwissen und eine große Dickfälligkeit haben, um die vielen vielen vielen Regelungen der DB Netz erfolgreich durchdringen zu können." Groß, als Anwohner der Weberstraße in Bonn, einer Straße mit großem Protest gegen Güterverkehrslärm, selbst betroffen, reduziert die Eisenbahnverkehrsunternehmen nicht nur auf das schnöde erzielen von Gewinn. "Wir haben die Verantwortung, dass nichts klappert!" Instandhaltungsmaßnahmen ordentlich durchzuführen, sei grundsätzlich aber die einzige Möglichkeit für Unternehmen. TX Logistik erprobt zusätzlich noch neue Bremstypen, so auch die oben erwähnte K-Sohle, und leistet hier einen weiteren Beitrag zu Lärmvermeidung und Umweltschutz. Auch die Bewirtschaftung von für die DB AG unattraktiven Nebenstrecken, so wie es sich die Rhein-Sieg-Eisenbahn GmbH aus Bonn-Beuel erfolgreich auf die Fahnen schreibt, gehört zum Umweltschutz, den Schadstoffausstoß und Lärmquelle der Schiene sind immer bessere Lösungen für die Umwelt als LKW-Transporte.
KOSTEN DER LÄRMVERMEIDUNG Matthias Pippert, Projektleiter Umweltvergleich der Allianz pro Schiene e.V., schilderte den Teilnehmenden die Kosten und Möglichkeiten, die es gibt, wenn Schienengüterverkehr leiser werden soll. Durch systematisches Akustik-Management können lärmarme Lokomotiven konstruiert werden. "Die Fertigung solcher Lokomotiven ist nicht wesentlich teurer, aber die Konstruktion. Die tatsächlichen Mehrkosten hängen somit von der Stückzahl ab." Auch Pippert favorisiert die Umrüstung der Bremsen von Güterwagen auf die K-Sohle als nächsten Schritt. Aus anderen Ländern gibt es bereits Zahlen für vergleichbare Maßnahmen. Letztendlich muss Lärm vermieden werden, bevor er entsteht. Gelingt dies, muss weniger Geld in Lärmschutz (Schallschutzwände u. ä.) investiert werden. In der Schweiz wurden Kosten für Lärmschutzmaßnahmen durch Maßnahmen zur Lärmvermeidung am Fahrzeug halbiert. Durch neue Grenzwerte der Europäischen Union im Regelwerk TSI Lärm sind die Bahnen in der Bundesrepublik nun auch zum Handeln gezwungen. Aber: "Als Anwohner kann davon ausgehen, dass die TSI Lärm den Lärm in 10-14 Jahren spürbar gemindert hat", so Pippert. Dafür sei aber neben dem Engagement der Eisenbahnen und Bahnindustrie auch politische Unterstützung nötig.
LÄRMVERMEIDUNG SOFORT! "Der Schalter, der einfach umgelegt werden muss, damit Güterverkehr leiser wird, den gibt es nicht. Aber wir arbeiten dran." zeigte Rainer Bohnet auf. Damit Eisenbahnverkehrsunternehmen auch einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz und zur Lärmvermeidung leisten können, müssen aber Gesetzgebung und Wettbewerb passen. Regelungen des Staates, die Nachteile des Schienengüterverkehrs gegenüber dem LKW-Transportwesen bewirken, sind genauso kontraproduktiv, wie erschwerende Bürokratie der Deutschen Bahn AG gegenüber privaten Mitbewerbern bei der Nutzung des Schienennetzes. "Unter Umweltgesichtspunkten ist Schienengüterverkehr zweifellos die Nummer Eins in der Transportbranche", so Bohnet. Der Nachholbedarf beim Lärm sei aber erst noch zu bewältigen. Während für die Straße schon seit 30 Jahren staatliche Förderprogramme zum Lärmschutz existieren, stehe man bei der Schiene hier erst am Anfang. Nur Eisenbahnunternehmen, die gerechte Wettbewerbsverhältnisse vorfinden, können auch umweltpolitisch aktiv werden und somit Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen.
GEMEINSAM FÜR BONN "Potential für Schienengüterverkehr in Bonn ist reichlich vorhanden", so Bohnet. "Während der Kölner Raum überlastet ist, liegt das Potential in Bonn brach, obwohl der Güterbahnhof in Beuel Betriebsmöglichkeiten und Infrastruktur bieten würde, die Sie anderswo wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen." Dies nehme die Bonner Kommunalpolitik nicht wahr, sondern arbeite teilweise genau in die entgegengesetzte Richtung. So lange sich das nicht ändert, werden die lärmenden Güterzüge Bonn nur zum Durchgangsverkehrs nutzen und niemandem im Bonner Raum wird Gehör geschenkt, wenn er sich über den Lärm beklagt. Ziel des VCD ist es, dass Güterzüge wieder in Bonn halten und dort be- und entladen werden. Nur dann wird in Bonn wieder ein ernstzunehmender Dialog zum Thema möglich sein. Erst eine aktive Kommunalpolitik pro Güterverkehr wird daran etwas ändern. "Heute gähnt der Briefkasten vor Leere. Jeder wurschtelt vor sich hin", beklagt sich Bohnet über den fehlenden Runden Tisch, der dafür sorgt, dass Politik, Einzelhandel, Verbände und Eisenbahnunternehmen sich wieder austauschen.
DOKUMENTATION ZUM WEITERMACHEN Über die Ergebnisse der Fachtagung wird der VCD-Kreisverband eine Dokumentation erstellen, um die Zusammenhänge zwischen Güterverkehrslärm und freiem Wettbewerb auf der Schiene, über Probleme und Lösungen, über Kosten und Umweltrelevanz für jeden zugänglich zu machen. Sobald die Dokumentation verfügbar, wird dies vom VCD bekannt gegeben. Was die Dokumentation der Lärmvermeidung bringen wird, liegt an Ihnen als Anwohnerinnen und Anwohner, Politikerinnen und Politiker, Unternehmerinnen und Unternehmer.

