Verkehrsclub Deutschland kritisiert drastische Fahrpreiserhöhungen zum Fahrplanwechsel am Sonntag: Große Koalition bittet Fahrgäste zur Kasse
Pressemitteilung 30/2006
Kassel, den 8. Dezember 2006
Die Fahrpreiserhöhungen, die in den hessischen Verkehrsverbünden zum Fahrplanwechsel am Sonntag in Kraft treten, stoßen beim Verkehrsclub Deutschland (VCD) auf scharfe Kritik. „Ab Anfang nächster Woche greift die große Koalition in Berlin den Bürgerinnen und Bürgern in die Tasche“, sagte Guido Spohr, hessischer Sprecher des Umwelt- und Verbraucherverbandes.
„Durchschnittlich fast sechs Prozent höhere Ticketpreise und Verschlechterungen beim Angebot sind genau das falsche Signal“, kritisiert Spohr. „Statt die umweltverträgliche Alternative zum Auto attraktiver zu machen, gehen CDU und SPD genau in die andere Richtung.“
Zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember müssen der Rhein-Main-Verkehrverbund (RMV), der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) und der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) die Fahrpreise erhöhen und gleichzeitig das Angebot einschränken. Das liegt an den von der schwarz-roten Bundesregierung beschlossenen Kürzungen der Zuschüsse für den Nahverkehr, die vom Land Hessen nur zum Teil ausgeglichen werden.
Der VCD nennt Beispiele, wo die Fahrgäste zur Kasse gebten werden:
· Eine RMV-Jahreskarte der Preisstufe 5, beispielsweise für Fahrten von Frankfurt nach Wiesbaden, verteuert sich um 79 Euro und kostet künftig 1422 Euro. Damit werden nach Ansicht des VCD Stammkunden verprellt.
· Im NVV schlägt die Jahreskarte der gleichen Preisstufe, beispielsweise für Fahrten von Hofgeismar nach Kassel, künftig mit 70 Euro zusätzlich zu Buche. Das Ticket von Helsa nach Kassel kostet statt 4 Euro nun 4,20 Euro.
· Das von den Verbünden herausgegebene Hessenticket kostet statt 25 Euro nun 29 Euro – eine Steigerung um 16 Prozent.
· Der NVV schafft das erfolgreiche MultiTicket ab und ersetzt es durch das Tagesticket, dass für einen vergleichbar höheren Preis eine geringere Geltungszeit hat. Nur im KasselPlus-Gebiet gelte noch das Multi-Ticket.
Trotz dieser steigenden Fahrpreise werden auf einigen Strecken Züge gestrichen und die Fahrpläne ausgedünnt. Betroffen davon ist im NVV-Gebiet insbesondere die R 7 von Göttingen über Eichenberg Richtung Bebra und Fulda. Hier habe die neue Betreibergesellschaft Cantus mit ihren FLIRTS gleich einen schlechten Start, so der VCD.
Ähnliches gilt für die R 39 von Kassel Hbf nach Bad Wildungen, die beispielsweise am Sonntag quasi Betriebsruhe hat. Hier bezweifelt der VCD die Wirtschaftlichkeit des Konzeptes und befürchtet den schleichenden Tod der Strecke, die vor kurzem erst gründlich modernisiert wurde und nun montags bis freitags nur noch mit 4 Zugpaaren bedient wird. Dem Rotstift der großen Koalition fiel teilweise auch die RegioTram zum Opfer, ein verkehrspolitisch vorbildliches Projekt im Raum Kassel. Betroffen ist die Verbindung Kassel-Warburg, RT 3 sowie die RT2, die trotz großer Einweihungsfeier Anfang des Jahres nun zum Großteil wieder durch die gewöhnliche Tram ersetzt wird. Der VCD lobt den NVV jedoch, trotz dieser Streichungen das dieser das RegioTram-Projekt und das Nordosthessenkonzept durchführe, was insbesondere bei den Fahrzeugen heute bereits und zukünftig eine deutliche Qualitätssteigerung für alle Nutzergruppen bedeute.
Im RMV-Gebiet müssen vor allem Rhönbahn und Vogelsbergbahn unter den Kürzungen leiden. Licht und Schatten sieht der VCD beim Mittelhessen-Konzept des RMV. Zu begrüßen seien die neu entstehenden umsteigefreien Direktverbindungen aus dem Lahn-Dill-Kreis und aus Marburg-Biedenkopf nach Frankfurt. Auch zwischen Gießen und Siegen bzw. Köln verbessere sich das Angebot deutlich. Auf einzelnen Abschnitten gebe es allerdings weniger Züge. Kritisch zu sehen ist nach Ansicht des VCD der Einsatz neuer Triebwagen, in denen zum Teil deutlich weniger Sitzplätze zur Verfügung stehen als in den bisher eingesetzten Zügen. Aus Sicht des VCD gibt es aber auch erfreuliche Änderungen: So steigt der RMV mit zwei Linien am Wochenende in den Nachtbusverkehr ein. „Damit wird jugendlichen Nachtschwärmern eine Alternative zum Auto geboten“, freut sich Spohr. „Dieses Angebot ist ausbaufähig. Während der Fußball-WM hat sich ja gezeigt, dass auch die S-Bahn die ganze Nacht hindurch fahren kann.“
Als ärgerlich bezeichnet der VCD den Wegfall des Fahrplanbuchs im NVV-Gebiet.
„Während der RMV sich dieses als Gesamtübersicht gerne leistet, müssen die Fahrgäste in Nordhessen zum Fahrplanwechsel auf dieses wichtige Medium leider verzichten und Einzelinformationen sammeln." Die Informationspolitik des NVV im Vorfeld lasse hier sehr zu wünschen übrig. Auch seien die Änderungen im Fahrplan in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar gewesen.

