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An den Landkreis Hildesheim
OE 909 - Kreisentwicklung und Infrastruktur
31132 Hildesheim

28.07.2007

 

Fortschreibung Nahverkehrsplan

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Übersendung des Entwurfs zum aktualisierten Nahverkehrsplan. Als Verband, der u.a. die Interessen der Nutzer des ÖPNV vertritt, nehmen wir dazu wie folgt Stellung:

 

Gesamteinschätzung

Der Plan bildet u.E. eine sehr gute Grundlage für die Weiterentwicklung des öffentlichen Personnennahverkehrs im Landkreis Hildesheim (mit Ausnahme des Stadtgebiets, s.u.). Der Text ist gut lesbar und verständlich und behandelt alle wichtigen Fragestellungen. Wir begrüßen die Verbesserungen, die in den letzten 5 Jahren beim ÖPNV im Kreisgebiet erzielt wurden, insbesondere Lammetalbahn, Weserbahn und Metronom, Knoten Elze, Durchbindung der Züge in Lehrte sowie den S-Bahn-Vorlaufbetrieb Hildesheim-Hannover und vor allem auch die Einführung des Hildesheim-Tarifs des GVH.

Unklar und unbefriedigend ist allerdings die Einbindung der Stadt Hildesheim in den Nahverkehrsplan. Auf S. 9 heißt es, der Stadt Hildesheim wurde die Aufgabenträgerschaft des ÖPNV in eigene Verantwortung übertragen. Offensichtlich stellt sie jedoch keinen eigenen Nahverkehrsplan auf (was auch nicht sinnvoll wäre). Im vorliegenden Entwurf des Nahverkehrsplan für den Landkreis wird ab S. 79 das Stadtgebiet als ein eigener Teil im Nahverkehrsplan behandelt, allerdings recht kurz und oberflächlich. Da zwischen einer Stadt von 100.000 Einwohnern und ihrem Umland starke verkehrliche Verflechtungen bestehen, halten wir die stärkere Berücksichtigung der Stadt Hildesheim im Nahverkehrsplan des Landkreises für wichtig. Im vorliegenden Entwurf reichen die Aussagetiefe sowie Leitbild, Ziele und Maßnahmenvorschläge für die Stadt Hildesheim nicht aus.

Bei den Zielen (Kap. 5.2 des Plans) stimmen wir in fast allen Aussagen mit dem Planentwurf überein. Allerdings sollte das Ziel der Verkehrsvermeidung und –verlagerung nicht von vornherein als wenig praktikabel abgetan werden. Der Landkreis ist nicht nur Träger des ÖPNV, sondern auch der Regionalplanung und sollte hier seinen Einfluss auf eine nachhaltige Siedlungs- und Verkehrsentwicklung – wenn nötig, auch gegen die Partikularinteressen einzelner Gemeinden – geltend machen. Der Landkreis ist auch nicht durchweg ländliches, dünn besiedeltes Gebiet: Der Nordkreis gehört zum Einzugsgebiet Hannovers, und mehr als ein Drittel der Einwohner lebt in der Stadt Hildesheim, die immerhin eine Großstadt von 100.000 Einwohnern ist. Zudem hat sich die Stadt Hildesheim in ihrem Ratsbeschluss vom 14. Mai 2007 zum Stadtentwicklungskonzept explizit für das Leitbild Integration und den Vorrang der Innenentwicklung vor der Außenentwicklung ausgesprochen. Dies ist ein klares Signal für Verkehrsvermeidung und –verlagerung, und das muss sich auch im Nahverkehrsplan niederschlagen. Nahverkehrsrelevante Aussagen des Stadtentwicklungskonzepts Hildesheims sollten in den Nahverkehrsplan aufgenommen werden.

 

Angebot und Nachfrage

Im Planungszeitraum werden einerseits durch den demographischen Wandel (S. 20 des Plans), andererseits auch durch die Klimadiskussion und steigende Kraftstoffpreise vermutlich erhebliche Änderung in der Kundennachfrage zu erwarten sein. Wir schlagen vor, darauf verstärkt durch bedarfsorientierte Systeme zu reagieren und die Fahrgastwünsche sowie Verkehrspotenziale durch geeignete Instrumente zu erfassen.

Die Darstellung im vorliegenden Plan geht ausschließlich von der Angebotsseite aus. Ohne Informationen über die Nachfrageseite (Kundenwünsche) sind Aussagen über Potenziale zur Verlagerung von Verkehr auf den ÖPNV aus kreisweiter Sicht kaum möglich. Wir regen an, künftig alle eingehenden Wünsche, Beschwerden, Leserbriefe u.a. systematisch für die Fortschreibung des Nahverkehrsplans auszuwerten. Fallweise könnten auch Befragungen, eine Internetplattform oder sonstige Instrumente, evtl. auch ein Fahrgastbeirat genutzt werden, um das Interesse an neuen oder veränderten Angeboten zu erkunden oder die Akzeptanz von Veränderungen festzustellen (s. Aussagen zum Marketing).

Wenn auch das Rückgrat des ÖPNV der Pendler- und Schülerverkehr ist, darf der Freizeitverkehr nicht ganz vernachlässigt werden (S. 24 des Plans). Attraktive Ausflugsziele sollen auch am Wochenende ohne Auto erreichbar sein. Eine Bestandsaufnahme und ein Konzept dafür wäre wünschenswert; Stichworte: Ausflugs-Linie mit jahreszeitlichen besonderen Angeboten (z.B. Winter: Harz; Frühling: Sieben Berge; Sommer: Badeseen); Disco-Busse ...

 

Kooperation und Marketing

Vordringlich für die Nutzer des ÖPNV sind ein abgestimmter Fahrplan und ein Tarifverbund. Die Verknüpfung von Bus und Bahn (S. 55 des Plans) muss unbedingt überall optimiert werden. Besonderer Handlungsbedarf besteht für die Abendverbindungen von und nach Hannover und ihre Anschlüsse am Bahnhof Hildesheim.

Der Nahverkehr des Landkreises funktioniert nur unter Einbindung der Stadt Hildesheim. Leider muss festgestellt werden, dass die Stadt hier eine wenig rühmliche Rolle spielt. Nach wie vor fehlt ein Tarifverbund zwischen Stadt und Umland, die Situation am ZOB ist desolat und der innerstädtische Busverkehr wurde in den letzten Jahren erheblich verschlechtert (s.u. Busverkehr).

Die Kooperation zwischen Bahnbetreibern, Landkreis Hildesheim, Stadt Hildesheim und den benachbarten Regionen muss dringend verbessert werden. Der VCD appelliert im Interesse der Fahrgäste und des Klimaschutzes an alle Beteiligten, sich fortschrittlichen Lösungen nicht zu verweigern. Wenn Einigungen nicht zu Stande kommen, sollten externe Moderatoren eingeschaltet werden. Der VCD könnte – falls gewünscht – durch Vermittlung von Experten oder guten Beispielen diesen Prozess unterstützen.

Das Marketing für den ÖPNV muss verbessert werden. Pendlerportal und Mobilitätszentrale werden begrüßt, ebenso alle weiteren Ideen des Kap. 7.4. (S. 75). Die Entwicklung einer professionellen Marketingstrategie sollte verbindlich in Angriff genommen werden.

 

Bahnverkehr

Das Zugangebot zwischen Hildesheim und Braunschweig muss mindestens auf den alten Stand gebracht, besser noch weiter verdichtet werden (Metropolregion als Ziel des Landes-Raumordnungsprogramms, S. 16 des Plans). Ein zusätzlicher Halt in Schellerten und die bessere Verknüpfung mit den Busstrecken (z.B. in Hoheneggelsen) können die Strecke attraktiver machen.

Der „Harz-Express“ ist nicht nur störanfällig und die Neigetechnik funktioniert bis heute nicht, sondern das Fahrzeugmodell ist auch hinsichtlich des Komforts ungenügend (Abstand zur Bahnsteigkante, schmale Türen und Gänge, Vibrationen und Lautstärke im Wagen, enge Bestuhlung und schlechte Klimatisierung); der Landkreis sollte sich für den Einsatz besserer Fahrzeuge einsetzen. Im Berufsverkehr reicht keine Doppeltraktion, sondern es sind immer drei Einheiten erforderlich (Plan S. 70).

 

Bahnhöfe und Bushaltestellen

Im Stadtgebiet Hildesheims sollten neue Bahn-Haltestellen nicht nur in Hi-Himmelsthür (Strecke Hi-Hannover), sondern mittelfristig auch in Hi-Marienburg (Strecke Hi-Bodenburg; Einzugsgebiet Ochtersum und Itzum) und Drispenstedt (Strecke Hi-Lehrte; Einzugsgebiet Drispenstedt, Bavenstedt, Flugplatz und Gewerbegebiet Nord) gebaut werden, um den Haupt- und Ostbahnhof und somit die Innenstadt Hildesheims von erheblichen Teilen des Pendlerverkehrs zu entlasten. (Kap. 7.1)

Die Reaktivierung des Bahnhof Mehle sowie Haltepunkte in Schellerten und Egenstedt werden unterstützt (Ziel des RROP, S. 17 des Plans).

Die Problematik der Bahnhöfe ist in Kap. 4.1.2 (S. 27) und 6.1.2 (S. 59) sehr gut und zutreffend analysiert; die Zielsetzung in Kap. 5.2 wird vollauf geteilt. Die Maßnahmenentwicklung bleibt jedoch zu vage (Kap: 7.1 und 7.2). Wir schlagen vor, ein spezielles Bahnhofs- und Haltestellenentwicklungskonzept für den Landkreis Hildesheim mit konkreter Maßnahmen- und Kostenplanung zu erstellen.

Bei Tab. 9 auf S. 59 sollten folgende zusätzliche Kriterien ergänzt werden: Barrierefreiheit; Sicherheit; Park und Ride (für Kfz); Bike & Ride (Fahrradabstellanlagen). Auf S. 60 unten ist zu ergänzen, dass beim Hbf Hildesheim die Zuwegung für mobilitätseingeschränkte Personen nicht geeignet sowie keine ausreichende B&R-Anlage vorhanden ist.

Auf frauenfreundliche Gestaltung (Vermeidung von Angsträumen) muss verstärkt geachtet werden; dies gilt vordringlich für die Bahnhöfe Hildesheim, Nordstemmen, und Elze (S. 15).

Besonderes Augenmerk muss auf Fahrradabstellanlagen gelegt werden (zum Plan S. 47). Bei der Stadtgröße Hildesheims und in den Orten mit Bahnanschluss ist die Verknüpfung von Fahrrad und Bahn für viele Verkehrszwecke die ideale Lösung. An den Bahnhöfen und an allen wichtigen Bus-Haltestellen brauchen wir genügend sichere Fahrrad-Abstellplätze in unmittelbarer Nähe der Bahnsteige bzw. Haltestellen. Dies ist eine zentrale Forderung in § 2 Abs. 4 Nr. 2 NNVG, und im RROP (S. 17 des Plans). Wir schlagen deshalb vor, ein Bike&Ride-Programm durchzuführen, und im Nahverkehrsplan festzulegen, wie viele Abstellplätze, wo, mit welchen Qualitätsanforderungen, von wem, bis wann erstellt werden.

Zentrale Bedeutung hat der Bereich Hauptbahnhof/ZOB Hildesheim. Wichtig ist, dass hier die unbefriedigende Situation bald verbessert wird. Unbedingt zu vermeiden ist, dass durch eine falsche Prioritätensetzung zugunsten eines Einkaufszentrums die Zukunft des Bahnhofs im Wortsinne verbaut wird. Hierzu verweise ich auf die Checkliste des VCD zum Bahnhof als Drehscheibe für den umweltfreundlichen Verkehr.

Auf S. 70 des Plans wird der S-Bahn-Verkehr für den Fahrplanwechsel 2008/2009 angekündigt. Wir vermissen hier die Aussage, dass damit auch barrierefreie Gleiszugänge am Hbf Hi. gebaut werden. Dies wurde uns im Zusammenhang mit der Diskussion um den Hildesheimer Bahnhof mehrfach zugesichert.

 

Busverkehr

Bei der linienbezogenen Bestandsaufnahme (Tab. 7, 11, 12) wäre es wünschenswert, die Entwicklung der Fahrgastzahlen gegenüber einem Vergleichszeitraum mit aufzunehmen.

Für den Stadtverkehr Hildesheim (Tab. 11, 12) muss ergänzt werden, auf welchen Zeitraum sich die Fahrgastzahlen beziehen. Interessant wären Informationen darüber, wie sich die Ausdünnung des Busverkehrs im Stadtgebiet seit 2004/05 sowie die Änderungen auf der Linie Hildesheim-Diekholzen auf das Fahrgastaufkommen ausgewirkt haben.

Der VCD teilt nicht die Auffassung, dass das ÖPNV-Angebot im Stadtgebiet Hildesheim als insgesamt gut bezeichnet werden kann. Die Einschätzung, der 15-Minuten-Takt auf den stärksten Relationen könne durchaus befriedigen (S. 87), wird nicht geteilt, auch nicht, dass die Linien 17 und 7 die Arbeitsplatzschwerpunkte Hi-Nord / Flugplatz und Bavenstedt bedarfsgerecht erschließen (S. 86), denn diese Busse fahren selten und sind extrem lange unterwegs. Dies alles, die fehlenden Anschlüsse im Abendliniennetz sowie der frühe Wechsel auf einen Stundentakt am Abend und das dürftige Wochenendangebot sind einer Großstadt nicht angemessen. Traurige Tatsache ist, dass in Hildesheim fast nur die Personengruppen Bus fahren, für die ein anderes Verkehrsmittel nicht in Frage kommt. Angesichts der zunehmenden Bedeutung des Klimaschutzes und damit auch der Notwendigkeit, vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, fordern wir ein Konzept, wie jedenfalls für das Stadtgebiet Hildesheim der Teufelskreislauf aus schlechtem Angebot und geringer Nachfrage durchbrochen und ein Aufwärtstrend für den ÖPNV in Gang gesetzt werden kann.

 

An weiteren Planungen werden wir uns gern beteiligen.

Mit freundlichen Grüßen

Doris Schupp

 

Vorsitzende des VCD – KV Hildesheim

Tel. (05121) 102545

 

Dokumente

Website Landkreis Hildesheim: Nahverkehrsplan 2003, Entwurf Nahverkehrsplan 2008

Website Landkreis Hildesheim: Regionales Raumordnungsprogramm (RROP)

Website Landesministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Niedersächsisches Nahverkehrsgesetz (NNVG)

 

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