Radverkehr
Stadt Tübingen
Der Radverkehrsanteil im Binnenverkehr liegt in Tübingen bei rund 23 Prozent. Zum Vergleich: Die Fahrradstadt Münster hat einen Radverkehrsanteil von 38, Stuttgart dagegen nur sechs Prozent.
Es mag die Vermu
tung nahe liegen, dass Tübingen besonders radfreundlich sei und/oder der Radverkehr besonders gefördert würde. Tatsächlich sind die äußeren Umstände aber vergleichsweise bescheiden. Weder ist der städtische Etat für die Radförderung mit 150.000 Euro (2009) besonders hoch, noch begünstigt die lokale Topographie das Radfahren: Die Höhendifferenz zwischen der Talstadt und den auf den umliegenden Anhöhen liegenden Ortsteilen beträgt ca. 150 Meter und es gibt im Stadtgebiet einige Strecken mit deutlich über 10 Prozent Steigung.
Diesen widrigen Verhältnissen zum Trotz wird in Tübingen erstaunlich viel Rad gefahren. Dies mag einerseits mit der Aufgeschlossenheit in ökologischen Fragen zu tun haben; andererseits ist das Fahrrad schlichtweg das praktischste Verkehrsmittel in der Innenstadt.
Infrastruktur
Die Radwegesituation ist dem hohen Verkehrsanteil nicht angemessen: Es gibt keine durchgängigen Hauptachsen für den Radverkehr; von einem Radwegenetz kann nicht die Rede sein. Es gibt keine Fahrradstraßen, die meisten Radwege sind kurz, nicht miteinander vernetzt und enden in Fußwegen mit „Radfahrer frei“ oder unvermittelt auf der Fahrbahn. Das Fahren in der Fußgängerzone ist untersagt und wird auch überwacht. Die Räumung der Radwege bei Schnee und Eis ist nicht zufriedenstellend, auch wenn seit kurzem ein Räumplan für die wichtigsten Radweg-Verbindungen besteht.
Die Beschilderung in die Nachbarorte ist lückenhaft, wird jedoch sukzessive verbessert. Dagegen fehlt die Ausschilderung innerstädtischer Ziele völlig. Die Ampelschaltungen sind in der Regel nicht für den Radverkehr angepasst.
Positiv lässt sich sagen, dass die meisten Einbah
nstraßen in Gegenrichtung für den Radverkehr freigegeben sind. Es gibt zahlreiche Abstellanlagen hoher Qualität in und um die Altstadt, sowie im Umfeld der Universität. Die Anzahl der Abstellmöglichkeiten am Bahnhof ist dagegen völlig unzureichend und qualitativ größtenteils mangelhaft. Zur Höhenüberwindung kann auch die Mitnahmemöglichkeit im Stadtbus genutzt werden. Allerdings gibt es keine Mitnahmegarantie (Kinderwägen haben natürlich Vorrang), so dass diese Möglichkeit zur Hauptverkehrszeit nicht wirklich zu empfehlen ist.
Kreis Tübingen
Das Radwegenetz im Kreis Tübingen kann als gut bezeichnet werden. Allerdings klafft westlich Rottenburgs bis zur Kreisgrenze eine rund acht Kilometer lange Radweg-Lücke im oberen Neckartal. Diese ist besonders gravierend, da es sich um einen für den Radtourismus bedeutenen Streckenabschnitt handelt und die zahlreichen Familien, welche dem Neckartal-Radweg folgen, gezwungen sind mit ihren Kindern auf der Straße zu fahren. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Straße vor wenigen Jahren ausgebaut und begradigt wurde, was Autofahrer zu schnellerem Fahren verleitet.
Die Radwegführung erfolgt überwiegend auf landwirtschaftlichen Wegen mit den dadurch bedingten Vor- und Nachteilen: Zwar ist positiv hervorzuheben, dass die Wege fast durchgängig asphaltiert sind, aber häufig werden sie von eiligen Autofahrern als Abkürzungs-/Ausweichstrecken missbraucht.
Verschmutzungen durch Traktoren sind vor allem im Herbst und Winter zu beklagen. Ausserdem führen die Wege oft entlang viel befahrener Straßen, was ihre Attraktivität in Folge von Lärm, Abgasen und Blendung bei Nacht deutlich verringert
Die Beschilderung ist im großen und ganzen in Ordnung, wenngleich mitunter wichtige Ziele fehlen bzw. die Routenführung suboptimal ist. Die Wegweiser sind fast durchweg zu klein und häufig fehlen Ziel- und Entfernungsangaben.
In den Städten Rottenburg und Mössingen ist die Radinfrastruktur - unter Berücksichtigung der Stadtgröße und Bedeutung des Radverkehrs - vergleichsweise gut.
Forderungen
Das fordert der VCD:
- Schließen der Lücken im Radwegenetz (besonders innerorts).
- Gut sichtbare Wegweiser (mit Kilometerangabe) an jeder Kreuzung. Schilder, die wieder auf die ursprüngliche Route zurückfühen, falls man diese verlassen hat.
- Ampelgesteuerte Straßenquerungen sollten die gegenüber Fußgängern höhere Geschwindigkeit des Radverkehrs berücksichtigen.
- Hinweise auf radfreundliche Herbergen (Bett&Bike), touristische Attraktionen, Infozentren, Gaststätten, Vesperplätze an Radrouten, Fahrradwerkstätten.

- Abstellanlagen mit Gepäck-boxen (gegen Pfandgeld-Einwurf) an zentralen Punkten.
- Haltegriffe an Ampelmasten, damit man bei "Grün" sofort fahrbereit ist.
- Übersichtskarten für Radtouren in die Umgebung.
- Radfreundliche Herbergen für Kurzaufenthalt (eine Nacht), mit abschliessbaren Abstellanlagen, Reparaturmöglichkeiten und Gepäcktransport.
- Arbeitgeber: Duschen, Umkleiden und Abstellanlagen bei Arbeitgebern, Kostenübernahme durch Arbeitgeber, da keine Kosten für Parkplatz entstehen.
- Bessere Räumung der wichtigsten Radrouten bei Schnee und Eis.

