Öffentlicher Nah- und Regionalverkehr
Bahnen und Busse sollen als verträglichere Verkehrsmittel gegenüber dem Autoverkehr bevorzugt werden. Eine gleichmäßig gute Qualität des öffentlichen Verkehrs muss als soziale Aufgabe politisch garantiert werden, darüber hinaus kann durch betriebliches Marketing die Kundenfreundlichkeit der Verkehrsunternehmen erheblich verbessert werden. Marketing ersetzt aber Verkehrspolitik nicht.
Im ganzen Land sollen Verkehrsverbünde/-gemeinschaften gemeinsame Fahrscheine und abgestimmte Fahrpläne für alle Verkehrsmittel einschließlich aller Eisenbahnstrecken bieten. Gemeinden und Nutzer (z. B. über Fahrgastbeiräte) müssen an den Verbundplanungen entscheidend beteiligt sein. Das Personenbeförderungsrecht muss die integrierte politische Planung des öffentlichen Verkehrs in der Region erleichtern.
Das Angebot des öffentlichen Nah- und Regionalverkehrs kann eine echte Alternative zum Auto sein, wenn es ein dichtes Netz und attraktive Fahrpläne bietet, wobei Mindeststandards politisch vorgegeben werden müssen. Ausreichende Verbindungen müssen auch nachts und am Wochenende verfügbar sein. Ein attraktiver Verkehr erfordert mehrere Qualitätsstufen:
besondere Schnellverkehre, möglichst auf der Schiene
für attraktive Reisezeiten zwischen allen größeren Orten und Ortsteilen: Schnellbahnen und Schnellbusse …
Orts- und Nahbereichsverkehr auf Schiene und Straße für eine flächendeckende Erschließung
Bedarfsverkehr als Ergänzung bei schwacher Nachfrage
Unterirdische Strecken von U-Bahnen sind aus ökologischen und sozialen Gründen abzulehnen. Moderne Straßenbahnen (evtl. auch O-Busse) mit schnellen, bevorrechtigten aber stadtverträglichen Fahrwegen, modernen Wagen und vorbildlichen Haltestellen sind vorteilhafter: Sie sind kostengünstiger und umweltfreundlicher als Busse, haben dichtere Netzte, die Haltestellen sind besser zu erreichen u. a. m. Die Straßenbahnnetze sollten zügig erweitert werden, vor allem in neuere Siedlungsgebiete und in Nachbarorte, die Mitbenutzung von zwischenörtlichen Eisenbahnstrecken kann dabei vorteilhaft sein. Für den Verkehr in Vor- und Nachbarorte sind die S-Bahn-Netze auszubauen, sofern nicht Regionalbahnen ausreichen.
Die Gesamtreisezeit im öffentlichen Verkehr einschließlich Wartezeiten, Zugangswegen etc. muss unbedingt vermindert werden, wobei betriebliche Maßnahmen mindestens so wichtig sind wie Bauprojekte. Ein integriertes Beschleunigungsprogramm umfasst: dichte Taktfolge und besondere Schnellverkehre, viele Direktverbindungen bzw. optimierte und technisch gesicherte Anschlüsse, ein dichtes Netz gut erreichbarer Haltestellen, niedrige Einstiege, Schienenverkehr auf eigenen (oberirdischen) Trassen mit Vorrang an Kreuzungen, Verkehrsregelnde Maßnahmen, Rückbau von Straßen, flächendeckende Verkehrsberuhigung, Reduzierung und Verteuerung von Parkflächen, Busspuren, Rückbau von Busbuchten, weniger Abfertigungsaufwand durch gute Zeitkartenangebote u. a. m.
Bedarfsverkehre, die nur nach Anmeldung verkehren (Rufbusse, Sammeltaxen), sind eine sinnvolle Ergänzung dort, wo für Linienverkehr die Nachfrage zu dünn ist. Sie sind aber kein Ersatz für Linienverkehr und müssen in das öffentliche Verkehrs- und Tarifsystem integriert sein. Nachfrage steigernde Sonderangebote im abendlichen Linienverkehr wie Billigtarife, Disco- und Theaterbusse u. ä. können aber die bessere Alternative sein, um den abends besonders unfallträchtigen Autoverkehr zu vermindern. Auch der Taxiverkehr ist besser mit dem sonstigen öffentlichen Verkehr zu verknüpfen.
Die Qualität des öffentlichen Verkehrs und die Zugangsmöglichkeit, vor allem für Bewegungsbehinderte, sind verbesserungsbedürftig. Es fehlen noch vielerorts
moderne Fahrzeuge mit bequemen Einstiegen (Niederflurwagen)
eine flächendeckend gute Haltestellenausstattung (Wetterschutz für alle Wartenden, Sitzplätze, Beleuchtung, vollständige Information, regelmäßige Wartung …), eine optimale Lage der Haltestellen direkt an den Zielpunkten (auch in beruhigten Zonen) und ein bequemer Zugang ohne Umwege und Treppen
komfortable Umsteigepunkte mit kurzen Wegen, einem guten Orientierungssystem, Warteräumen, großzügiger Überdachung, Gepäckschließfächern u. a. m.
eine optimale Fahrgastinformation und Kundenberatung
ein brauchbarer "öffentlicher Güternahverkehr" (allgemeine Aufbewahrungs- und Botendienste, Lasttaxi) für Einkäufe, Reisegepäck, Gewerbe
Niedrige Fahrpreise sollen die Benutzung des öffentlichen Verkehrs fördern und belohnen. Ferner sollte der Einzelhandel veranlasst werden, seinen Kunden in bestimmtem Umfang den Preis für die An- und Abfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erstatten. Am wichtigsten ist ein Angebot billiger, übertragbarer Monatsnetzkarten ("Umweltkarten") als Anreiz zur Dauernutzung. Darüber hinaus sind einfache und kinderfreundliche Tarifsysteme anzustreben.
Straßenbahnen und Busse müssen gut in das Fuß- und Radwegenetz integriert werden. Für Fahrräder müssen diebstahlsichere und wettergeschützte Abstellmöglichkeiten vorgesehen werden. Der Zugang zu den Haltestellen sollte ebenerdig sein. Der VCD lehnt die Anlage von Park+Ride Anlagen generell ab und fordert stattdessen den Ausbau der Zubringerlinien. Als Ausnahmen sind nur kleine P+R Anlagen im sehr dünn besiedelten Raum vorstellbar, wenn die Nutzung auf KundInnen beschränkt wird, die im nicht durch ÖPNV erschließbaren Raum wohnen.
Die Entwicklung neuer Technologien (neue Verkehrssysteme, EDV-Einsatz) darf nicht auf Kosten bewährter Systeme gehen, und der nachweisbare Nutzen für die Fahrgäste bzw. die Umwelt muss im Vordergrund stehen.
Der VCD hat nichts gegen effizientere Unternehmensformen oder neue Beteiligungsmodelle, er wendet sich aber gegen eine "Privatisierung", deren Wirtschaftlichkeit auf der Einschränkung der Leistungen oder der sozialen Bedingungen für die Beschäftigten beruht.
Zu einem nahverkehrsfreundlichen Klima gehören die Verteilung Ortsteilbezogener Fahrplanblätter an alle Haushalte, die Angabe von Bahn- und Busverbindungen in allen Stadtplänen, Veranstaltungshinweisen und Briefköpfen; Sonderaktionen wie Nulltariftage zum Probieren; regelmäßige Kontakte zwischen Kunden und Verkehrsbetrieben; Vergünstigungen für Zeitkarteninhaber bei öffentlichen Einrichtungen wie Bädern, Theater, VHS u. a. m.

