Eine verkehrspolitische Fiktion für Warendorf

(Ein Brief aus dem Jahr 2026 auf die andere Seite der Erde)

Warendorf, den 25.10.2026

Liebe Schwester,

viele Grüße aus der fernen Heimat! Vielleicht hast du auch daran gedacht, dass es morgen genau 31 Jahre her sind, dass du von Warendorf aus auf die andere Seite der Weltkugel übergesiedelt bist. Kannst du dich noch daran erinnern, wie ich dich zum Bahnhof gebracht habe, oder besser zu dem Ort, wo nach einem Großbrand einmal der Warendorfer Bahnhof gestanden hat. Du bist an einem Sonntagvormittag mit dem ersten Zug nach Münster gefahren. Ich weiß noch, wie du dich geärgert hast, nicht eher fahren zu können. So hattest du nämlich in Münster eine bessere Zugverbindung verpasst und musstest ungefähr anderthalb Stunden auf den nächsten Zug warten. Diese Probleme hättest du jetzt nicht mehr. Mittlerweile sieht es auf dem Verkehrssektor in Warendorf und in der ganzen Europäischen Union völlig anders aus. Den Bahnhofsbereich würdest du nicht wiedererkennen: Es ist ein belebtes Verkehrszentrum in Warendorf geworden. Mindestens im Halbstundentakt kommt man mit dem Zug nach Münster und Bielefeld! Wenn ein Zug (Er heißt jetzt Citybahn!) ankommt, strömen die Leute zu dem überdachten Fahrradhaus mit Servicestation (an der früheren Esso-Tankstelle) oder steigen direkt auf der anderen Seite des Bahnsteigs in Elektrobusse um, die z.B. in Richtung Freckenhorst oder Sassenberg fahren. So kommt man in einer halben Stunde von Münster nach Sassenberg. Mit dem Auto würde es ca. eine Stunde dauern, da Fahrräder und Fußgänger an den Kreuzungen bevorrechtigt sind und man sowieso per Tempobegrenzer nicht schneller als 60 km/h fahren kann. Aber Autos sieht man kaum noch. Es ist zu teuer geworden, und Busse und Bahnen sind komfortabel, schneller und natürlich preiswerter. Ich kenne übrigens keinen mehr, der die heutige Situation bedauert. Mittlerweile hat jeder eingesehen, dass der Abschied vom Auto keinen Verzicht bedeutet, sondern mit dem neu geschaffenen System auch persönliche Vorteile verbunden sind. Von den gesellschaftlichen ganz zu schweigen!

Vielleicht weißt du auch noch, dass in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Klimagipfel in Rio und Berlin tagten!? Man hatte schon damals erkannt, dass der Kohlendioxid-Ausstoß unbedingt vermindert werden müsste. Aber politische Änderungen - dafür hatte die Politik keinen Mut.

Kannst du dich eigentlich noch daran erinnern, dass einige Politiker 1995 in der Zeit des Bahnhofsbrands sogar eine Streckenstilllegung erwogen haben? Unglaublich aus heutiger Sicht! Der damalige Oberkreisdirektor, den Namen habe ich vergessen, meinte, die Kosten würden für die Kommunen und den Kreis zu hoch. Was die Kommunen und der Kreis erst hätten bezahlen müssen, wenn die Bahnlinie dichtgemacht worden wäre! Und dann noch die Folgekosten! Heute siedelt sich kein Unternehmen mehr ohne Bahnanschluss irgendwo an. Die meisten Waren werden computergesteuert per Container angeliefert. Die Firmen, die keinen eigenen Bahnanschluss haben, holen die Container mit eigens für diese Zwecke konstruierten Klein-LKWs ab.

Du wunderst dich vielleicht, dass die Verkehrswende, von der vor 30 Jahren nur einige wenige sprachen, schon so weit vollzogen ist. Aber es ist kein Wunder! Ungefähr vor 20 Jahren wurden auch die letzten verantwortlichen Politiker und Verwaltungsbeamten wach: Klimaveränderungen waren auch bei uns unstrittig, die Atmosphäre erwärmte sich immer mehr, die Welterdölreserven gingen rapide zur Neige, das Waldsterben nahm immer bedrohlichere Formen an, allergische Erkrankungen und vor allem Hautkrebs häuften sich beängstigend, und die Ozonproblematik wurde im wahrsten Sinne immer brennender. Die Menschen merkten, dass dringend etwas getan werden musste, und machten Druck auf die Politiker. Die meisten wollten natürlich gerne wiedergewählt werden und haben sich sehr schnell umgestellt. Nur einige Betonköpfe gab es, die zum Auto keine Alternative sahen; sie verschwanden spätestens bei den nächsten Wahlen in der politischen Versenkung. Aus der Rückschau ist es schon erstaunlich, was auf einmal alles machbar war.
An die Kursbuchstrecke 406 von damals erinnert heute kaum noch etwas, nicht einmal das schrille Pfeifen, das dich werktags um kurz vor sechs aus dem Schlaf riss. Es gibt keine unbeschrankten Bahnübergänge mehr!
Du siehst, es hat sich eine ganze Menge Positives getan, die Menschen sind wohl doch flexibler, als ich in jungen Jahren gedacht habe.
Dir das Beste und bis bald!

Dein Bruder T.