Unabhängig vom eigenen Pkw

Chancen der Digitalisierung nutzen

Apps und Algorithmen ermöglichen Mobilitätsformen, wie Ridepooling, Sharing-Angebote und autonomes Fahren. So öffnen sie das Tor in eine Zukunft, in der wir unabhängig vom privaten Pkw sind.

| / Digitalisierung

Elektrifizierung und Digitalisierung sind keine neuen Entwicklungen. Das erste Elektrofahrzeug gab es bereits im 19. Jahrhundert. Computergestützte Verkehrssteuerung im Rahmen des Verkehrsmanagements gibt es seit den 1970er Jahren. Auch Navigationssysteme, Echtzeitanzeigen und Ticketbuchungen für die Bahn am Desktopcomputer gibt es schon seit vielen Jahren. Doch erst, seit fast jede*r ein Smartphone in der Hosentasche hat, wirkt sich die Digitalisierung auf unsere alltäglichen Mobilitätsentscheidungen aus. Sie sorgt so für die größte Veränderung unserer Mobilität, seit sich das Flugzeug zum Massentransportmittel entwickelt hat. Und es ermöglicht uns, Wege mit verschiedenen Verkehrsmitteln zu planen, zu verknüpfen und zu vergleichen, Fahrpläne zu checken, Tickets zu kaufen, das nächste Leihrad zu finden oder das Carsharing-Auto aufzuschließen.

Eine App für alles

Die perfekte App, die alle Verkehrsmittel verknüpft und die schnellste, billigste oder umweltfreundlichste Reisekette anzeigt und diese durchgängig bucht, lässt zumindest in Deutschland noch auf sich warten. Hierzulande kommt die App Jelbi der Berliner Verkehrsbetriebe diesem Ideal am nächsten. Allerdings kommen nur Menschen in der Bundeshauptstadt in den Genuss, sie zu nutzen. Als weltweites Vorbild gilt die App Whim der finnischen Firma MaaS Global. Die Abkürzung MaaS steht für Mobility as a Service – ein Konzept, das Mobilität als Dienstleistung versteht. Seit Oktober 2016 ermöglicht die App verkehrsmittelübergreifende Navigation und Buchung in Helsinki. Inzwischen ist sie aber auch in anderen Städten wie Antwerpen, Singapur, Tokyo und Wien verfügbar. MaaS Global bietet neben der App auch Mobilitätsflatrates an.

Die komplizierten Tarifsysteme im öffentlichen Verkehr sind für viele Menschen ein Einstiegshindernis. Auch erfahrene Fahrgäste stellen sich Fragen wie: „Lohnt sich mein Monatsticket?“ oder „Darf ich mit meinem Ticket auch noch in der Nachbarstadt fahren?“ Auch hier kann die Digitalisierung Abhilfe schaffen. Es gibt beispielsweise Systeme, bei denen über das Smartphone oder eine Chipkarte und entsprechende Infrastruktur in Bussen, Bahnen oder an Bahnhöfen alle Fahrten einer Person erfasst werden. Die Abbuchung vom Konto erfolgt dann am Monatsende zum günstigsten Tarif.

Teilen statt besitzen

Doch nicht nur das Informationsangebot und der Zugang zu traditionellen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn ändert sich durch die Digitalisierung. Es entstehen auch neue Mobilitätsangebote. Autonome Autos, Ride- und Carsharing-Angebote bieten heute die Möglichkeit, Verkehrssysteme deutlich effizienter zu gestalten. Theoretisch könnte bei einer vollständig geteilten Flotte, die zum Ridesharing eingesetzt und durch einen hochleistungsfähigen öffentlichen Verkehr (ÖV) ergänzt wird, der Mobilitätsbedarf der Stadt mit nur noch zehn Prozent der heute vorhandenen Fahrzeuge bedient werden. Das ergibt eine Einschätzung zu den Potenzialen für Portugals Hauptstadt Lissabon. Der Stellplatzbedarf würde dabei um bis zu 80 Prozent sinken. So entsteht Platz für Menschen zum Radfahren, Flanieren, für Grünflächen und Spielplätze.

Beim Ridesharing oder -pooling geben die Fahrgäste ihr Ziel in eine App ein, ein Algorithmus führt Menschen, die auf ähnlichen Routen unterwegs sind, zusammen, sodass ein Fahrzeug sie einsammeln kann. Dadurch, dass mehrere Menschen in dem Shuttle sitzen, werden weniger Autos benötigt und die Fahrt ist günstiger. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Angebote so attraktiv werden, dass Menschen von noch umweltschonenderen und platzsparenderen Verkehrsmitteln wie Fahrrad, Bus und Bahn aufs Ridesharing umsteigen. Das gilt es zu verhindern. In Deutschland gibt es Ridesharing-Angebote bislang vor allem in Metropolen wie München, Hamburg und Berlin. Bei den Prominentesten Angeboten Clevershuttle, Ioki und Moia handelt es sich um Pilotprojekte großer Konzerne, wie der Deutschen Bahn und Volkswagen. Prinzipiell sind ähnliche Angebote aber auch in deutlich kleineren Städten denkbar. Uber ist das erste Unternehmen, das auch im ländlichen Raum solche neuen Formen erprobt, zunächst in Bayern und Brandenburg.

Autonome Autos sind schon lange ein Menschheitstraum. Im ländlichen Raum werden sie bereits heute vielfach getestet. Dort können sie in Zukunft als Zubringer zu Überlandbussen fungieren, die dann nicht mehr mühselig jeden Ortsteil der Dörfer anfahren müssen. Die Busse wären dann schneller am Ziel und deutlich attraktiver. Zudem können autonomen Fahrzeuge Menschen helfen, mobil zu bleiben, die wegen ihres Alters oder ihrer Gesundheit nicht mehr in der Lage sind, ein Fahrzeug zu führen.

Allerdings bedarf es nicht zwingend teurer High-Tech-Maßnahmen, um die Zahl der benötigten Autos zu reduzieren. Einfache Carsharing-Konzepte lassen sich heute ohne viel Aufwand und auch auf dem Land bereitstellen. Im Landkreis Barnim bei Berlin gibt es beispielsweise ein Carsharing-System, bei dem die Nutzer an zahlreichen Stationen Elektroautos per Smartphone ausleihen können.

Die Digitalisierung verändert nicht nur die Art, wie wir uns bewegen. Sie kann Wege auch überflüssig machen. Etwa wenn Menschen in Zukunft nicht mehr per Flugzeug und Taxi zu Konferenzen reisen und sich stattdessen per Video zuschalten. Oder wenn Arbeitnehmer*innen im Homeoffice arbeiten und sich so den Weg zur Arbeit sparen und die Straßen entlasten. Das hat sich in der Corona-Krise gezeigt.

Die Gestaltung unserer Städte sollte sich an den Bedürfnissen aller Menschen orientieren statt nur an den Bedürfnissen von Autofahrer*innen. Wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen und gleichzeitig ihre Herausforderungen meistern, können wir uns unabhängiger vom privaten Pkw machen und so das Tor zur lebenswerten Stadt ein Stück weit aufstoßen.

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