Jutta Allmendinger ist Professorin der Soziologie und seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung.

Soziologin Jutta Allmendinger im Interview

"Gemischte Teams sind besser"

Die Soziologin Jutta Allmendinger plädiert für Teams, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt arbeiten, damit gesellschaftlicher Fortschritt und Geschlechtergerechtigkeit möglich werden.

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fairkehr: Wie emanzipiert sind wir in Deutschland? Wie schneiden wir im internationalen Vergleich ab?

Jutta Allmendinger: Emanzipation steht für die selbstbestimmte Entscheidung, aus einem breiten Set von Optionen frei wählen und das eigene Leben gestalten zu können. Auf dem Papier haben Frauen und Männer die gleichen Optionen. Faktisch stehen Frauen aber noch viele kulturelle und strukturelle Hürden im Weg. Um Optionen ergreifen und verwirklichen zu können, müssen Frauen also gegen den Strom schwimmen. In vielen anderen Ländern sind die Hürden sehr viel niedriger. Deutschland nimmt im internationalen Vergleich nur einen mittleren Platz ein, gemessen an Frauen in Führungspositionen, dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle und dem Gender Care Gap.

Machen Frauen mehr Care-Arbeit, weil sie sich von Natur aus gerne kümmern oder weil sie so sozialisiert wurden?

Ich sehe keine guten Belege für eine genetische Legitimation von Unterschieden. Männer wie Frauen werden in ihre Rollen hinein sozialisiert und in diesen immer wieder unterstützt. Strukturen tun das ihre. Man denke nur an das Ehegattensplitting.

Wir unterscheiden zwischen biologischem und sozialem Geschlecht. Liegt die Benachteiligung darin, dass Frauen per se bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden?

Frauen wie Männern werden ständig bestimmte Rollen zugeschrieben, auch von mir selbst. Man kann sich schlecht davon lösen. Diese Zuschreibungen verengen die Wirkungs- und Handlungskorridore von Männern wie von Frauen. Eine Benachteiligung von Frauen besteht aber sicher darin, dass die weiblichen Rollen bei weitem schlechter bezahlt werden, eine niedrigere Reputation haben und Abhängigkeit erzeugen.

Männer, die Straßen, öffentlichen Nahverkehr oder öffentliche Räume planen, sehen ihre Arbeit als geschlechtsneutral an. Wie gefährlich ist es, die weibliche Hälfte der Gesellschaft zu ignorieren?

Man braucht nur das wunderbare und mit dem NDR Sachbuchpreis ausgezeichnete Buch „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez zu lesen, dann weiß man, was all das bedeutet. Auch Untersuchungen über den Erfolg homogener und gemischter Teams sprechen eine deutliche Sprache. Gemischte Teams sind besser als rein männliche oder rein weibliche.

Sie haben gesagt, dass Frauen ihr Denken und Handeln viel stärker auf die nächste und übernächste Generation ausrichten. Sind es deshalb die Frauen, die Veränderungen herbeiführen?

Es geht nur gemeinsam. Ich halte nichts davon, von Frauen als den besseren Menschen zu reden. Manche Punkte werden zwar in der Tat eher von Frauen oder eben Männern vorgebracht, Fortschritt sehe ich aber nur in deren Verflechtung. Am Beispiel der Vermächtnisstudie, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die Wochenzeitung „Die Zeit“ und das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) 2019 gemeinsam veröffentlicht haben, lässt sich zeigen: Frauen stehen oft für Ökologie, Männer für die Wirtschaft. Was wir brauchen, ist ein nachhaltiges Wirtschaften.

Anne Hildalgo, die Bürgermeisterin von Paris, hat begonnen, die autozentrierte Mobilität in der Stadt aufzubrechen, und dafür ein starkes Team aufgebaut. Weil sie zu wenige Männer beschäftigt, muss die Stadt eine Geldbuße zahlen. Ist das nicht absurd nach jahrhunderterlanger Vorherrschaft der Männer?

Ich finde das alles andere als absurd und sehr folgerichtig. Reine Frauenteams sind nicht besser oder schlechter als reine Männerteams. Warum sollten wir Männerteams aufbrechen, um Frauenteams zusammenzustellen? Diversität heißt immer das Miteinander von Jung und Alt, von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Konfessionen, von Männern und Frauen.

Uta Linnert

ist Chefredakteurin des fairkehr-Magazins.
uta.linnert@fairkehr.de

Sie habe im Mai letzten Jahres in der Talkshow bei Anne Will gesessen und eine gefühlte
Stunde vergebens versucht, zu Wort zu kommen, während die Herren Habeck, Scholz und Söder ausgiebig mit VDA-Präsidentin und Autolobbyistin Müller über die Abwrackprämie diskutierten. Als die Moderatorin sie unver mittelt fragte, ob die Corona-Krise Frauen zurückwerfe, sei ihr
die Idee zu diesem Buch gekommen, schreibt die Soziologin Jutta Allmendinger.

Anhand ihrer eigenen Biografie erklärt die Autorin, was hierzulande schief läuft. Allmendinger ist Verfechterin der 32-Stunden-Woche, die es ermöglichen soll, unbezahlte Arbeit im Haus und mit Kindern gleichmäßig zwischen Männern und Frauen aufzuteilen. Von der Politik fordert sie, staatliche Anreize, die bezahlte Frauenarbeit gering halten, zurückzufahren. Dem Ehegattensplitting setzt sie ein Splitting für Familien entgegen, die Elternzeit müsse unter Vätern und Müttern gleich verteilt sein.

Für ein Ziel hat sich Allmendinger gemeinsam mit Frauenorganisationen öffentlich erfolgreich engagiert: Die Regierung setzt die Initiative einer Quote für Frauen in Führungspositionen um. Zukünftig muss eine Frau im Vorstand sein, wenn dieser mindestens aus drei Personen besteht.

Jutta Allmendinger: Es geht nur gemeinsam. Ullstein Taschenbuch, 144 Seiten, 12 Euro

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