Politik | VCD-Magazin 03/2025
ÖPNV: In die Zukunft investieren
fairkehr-Magazin 03/2025 Bahn Klimafreundliche Mobilität ÖPNV Soziale Aspekte der Verkehrswende
Wir schreiben das Jahr 2040: Lennart Meyer wohnt im 500-Seelen-Dorf Wiesenacker. Diese Woche hat er Frühschicht. Täglich nimmt er um 6 Uhr den Bus an der Haltestelle „Dorfmitte“ und fährt ins Mittelzentrum Neustadt, gelegen an einer Bahnstrecke. Dort arbeitet er in einem Supermarkt. In der folgenden Woche hat Lennart Spätschicht bis 20 Uhr. Auch um diese Zeit fährt noch ein Bus, der ihn nach Wiesenacker bringt. Am Freitag geht er nach der Arbeit mit seiner Freundin in Neustadt ins Kino. Während noch die Werbung über die Leinwand flimmert, bucht Lennart das autonome On-Demand-Shuttle Neustadt-Flitzer, das die beiden nach der Vorstellung um halb eins nach Hause bringt.
Ein Auto hat und braucht Lennart nicht. Von dem Geld, das er dadurch spart, fährt er lieber mit der Bahn in den Urlaub. Den Bahnhof in Neustadt kann er mit Bus oder Neustadt-Flitzer problemlos erreichen. Der Busfahrplan orientiert sich am integralen Taktfahrplan der Züge, dem Deutschlandtakt, und es gibt eine Anschlussgarantie für das On-Demand-Shuttle. Daher muss Lennart beim Umsteigen auch nie lange auf den Zug warten.
Das Beispiel zeigt, wie positiv sich die Mobilität auf dem Land entwickeln könnte, wenn die VCD-Forderung nach einer Mobilitätsgarantie im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) umgesetzt werden würde.
Zahlen und Fakten zum ÖPNV und Deutschlandticket
Soziale Gerechtigkeit beginnt beim Ticket
Mobilität ist wichtig für die soziale Teilhabe – um Freunde und Verwandte zu besuchen, oder wie in Lennarts Fall, um abends in die benachbarte Stadt ins Kino und wieder nach Hause fahren zu können. Doch so sieht es heute aus: Für Menschen ohne Arbeit, mit niedrigem Einkommen oder kleiner Rente ist Mobilität Luxus. Die Gruppe der Betroffenen dürfte sich durch die hohe Inflation in den letzten Jahren vergrößert haben. Der VCD fordert deshalb ein kostenfreies Angebot für Kinder unter 14 Jahren und ein Sozial- und Jugendticket zum Preis von maximal 29 Euro monatlich im Nah- und Regionalverkehr. Auch das Deutschlandticket soll dauerhaft gesichert werden – sowohl in seiner Existenz als auch in seinem Preisniveau. „Der Bund hat das Deutschlandticket eingeführt – jetzt muss er es auch langfristig mitfinanzieren“, betont VCD-ÖPNV-Vorstand Thomas J. Mager.
Ein zukunftsfähiger ÖPNV muss zudem inklusiv sein. Der barrierefreie Zugang zu Haltestellen, Fahrzeugen, Informationen und Dienstleistungen muss bundesweit zum Standard werden. Das Ziel des VCD: verlässliche Mobilität für alle – unabhängig von Einkommen, Wohnort oder körperlicher Verfassung.
Während auf dem Land Busse zu selten fahren und On-Demand-Verkehre vielerorts noch nicht etabliert sind, leiden die Fahrgäste in Metropolregionen wie Köln/Bonn unter ganz anderen Missständen: Vor allem Bahnen und Straßenbahnen sind zu Stoßzeiten völlig überfüllt. Verspätungen, Zugausfälle und Ersatzverkehre sind quasi an der Tagesordnung. Unter solchen Voraussetzungen ist es nicht realistisch, dass Menschen vom Auto auf Bahnen und Busse umsteigen. „Damit mehr Menschen den ÖPNV nutzen, müssen die Kommunen das Angebot deutlich ausbauen, bewerben, Parkplätze verteuern und Geduld mitbringen, denn die Leute ändern ihre Mobilitätsgewohnheiten nicht von heute auf morgen“, sagt VCD-ÖPNV-Vorstand Mager.
Zwei Wege in die Zukunft
Wie Kommunen und Verkehrsverbünde den ÖPNV weiterentwickeln können, hängt vom Geld ab, das Bund und Länder bereitstellen. Der ÖPNV deckt seine Kosten nur zu circa einem Drittel aus Fahrgasteinnahmen, und die Kassen der zuständigen Kommunen sind leer.
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat im Gutachten „Das Deutschlandangebot“ zwei Zukunftsszenarien für das Jahr 2040 entwickelt. Das teurere zweite Szenario, ist auf den Deutschlandtakt ausgerichtet und stimmt zu großen Teilen mit den VCD-Forderungen überein.
Szenario 1 beschreibt die „Pflichtaufgaben“: Die bestehende Infrastruktur wird modernisiert, Fahrzeuge werden erneuert, Werkstätten ausgebaut und der Busverkehr schrittweise elektrifiziert. Auch Digitalisierung und Barrierefreiheit werden verbessert. Dafür steigt der Ausgleichsbedarf von derzeit rund 26 Milliarden Euro schrittweise auf etwa 49 Milliarden Euro jährlich im Jahr 2040.
Szenario 2 geht weiter: Es sieht den flächendeckenden Ausbau des ÖPNV mit dichten Takten, neuen Linien, besseren Anschlüssen, mehr Personal und deutlich mehr Fahrgästen vor. Die Finanzierungskosten lägen hier bei rund 80 Milliarden Euro jährlich.
VCD-Forderung: Mobilitätsgarantie
- Deutschlandweit abgestimmter Taktfahrplan für Busse und Bahnen mit kurzen, garantierten Umsteigezeiten
- Orte ab 200 Einwohner*innen werden von 6 bis 22 Uhr mind. stündlich vom ÖPNV bedient
- Zusätzliche Nachtfahrten an Wochenenden und in Ferienzeiten
- 80 Prozent der Menschen laufen maximal 300 Meter zur nächsten Haltestelle
- Max. ein Umstieg mit sicherem Anschluss auf dem Weg zum einem Mittel-/Oberzentrum
- Per Telefon oder App bestellbare Rufbusse oder On-Demand-Shuttles für kleinere Orte oder Zeiten mit geringer Nachfrage
- Durchgehende buchbare Tickets für die gesamte Reisekette
ÖPNV ist Standortfaktor
Ohne neue Finanzierungszusagen von Bund und Ländern wird es hingegen nicht einmal möglich sein, das derzeitige Angebot aufrechtzuerhalten. Steigende Betriebskosten, Personalmangel und marode Infrastruktur machen den Verkehrsunternehmen zu schaffen. Laut VDV müssen bis 2030 rund 70?000 Fachkräfte ersetzt werden, die in Ruhestand gehen. Will man die Fahrgastzahlen verdoppeln, werden noch einmal 90?000 weitere Busfahrer*innen und Lokführer*innen gebraucht.
In beiden Szenarien aus dem VDV-Gutachten muss der Staat sehr viel Geld in die Hand nehmen. Woher das Geld kommen soll, sagt das Gutachten nicht. Die Modernisierung der Infrastruktur könnte zumindest bis 2030 zum Teil aus dem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen der Bundesregierung finanziert werden. Aus dem Topf erhalten die Länder 100 Milliarden Euro, die sie unter anderem in die ÖPNV-Infrastruktur investieren können. Zudem fordert der VCD vom Bund seit Jahren, klimaschädliche Subventionen im Verkehrsbereich abzuschaffen. Hier kostet beispielsweise die steuerliche Entlastung von Diesel-Pkw rund 7,3 Milliarden Euro und das Dienstwagenprivileg etwa 5,5 Milliarden Euro im Jahr.
Das viele Geld für den ÖPNV zu investieren, lohnt sich: Laut einer Studie im Auftrag der Deutschen Bahn bringt jeder verausgabte Euro drei Euro Nutzen für die Volkswirtschaft – bei Fahrzeugherstellern, den Verkehrsunternehmen, im Einzelhandel oder im Tourismussektor. Der ÖPNV ist ein zunehmend wichtiger Standortfaktor.
Eine gute ÖPNV-Anbindung erhöht die Attraktivität einer Region für Unternehmen und Einwohner und wirkt sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Lebensqualität aus. Den Regierungen von Bund und Ländern bietet sie aber noch eine weitere Chance: Verbesserungen im ÖPNV sind für die Menschen im Land direkt spürbar. Sie können helfen, Vertrauen in den demokratischen Staat und seine Institutionen herzustellen. Bleibt die Lage hingegen unverändert oder verschlechtert sich weiter, verfestigt sich bei ÖPNV-Nutzer*innen der Eindruck, dass es mit dem Land bergab geht.
Autorin

Benjamin Kühne
ist seit 2014 als Redakteur beim VCD-Magazin fairkehr tätig. Davor studierte er Politikwissenschaft in Gießen und absolvierte einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst in Bangladesch.









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