VCD/Marcus Gloger

Ohne Auto mobil sein: Herausforderungen und Chancen in und nach der Corona-Krise

Die Corona-Pandemie hat unser aller Leben vollkommen auf den Kopf gestellt. Mit der bundesweiten Kontaktsperre, die zurzeit nur das Nötigste erlaubt, wie zur Arbeit, zum Einkaufen oder spazieren gehen, hat sich auch unser Mobilitätsverhalten komplett geändert.

| / Auto / Soziale Aspekte der Verkehrswende

Zum einen wird vermehrt das Fahrrad genutzt, zum anderen werden Busse, Bahnen und auch Car-Sharing-Angebote momentan eher gemieden und wieder stärker auf das das eigene Auto gesetzt. Aber was ist mit denjenigen, die kein Auto haben? Gerade auf längeren Strecken sind sie weiter auf Busse und Bahnen angewiesen. Der VCD fordert daher, dass der öffentliche Nahverkehr mindestens nach dem Samstagsfahrplan fährt, um die mobile Grundversorgung zu sichern. Denn mobil sein zu können, bedeutet nicht nur, am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Wenn der ÖPNV, wie stellenweise geschehen, zu stark runtergefahren wird, können Menschen ohne Auto nicht mehr ihren Arbeitsplatz oder den Arzt erreichen. Das trifft oft diejenigen, die ein geringeres Einkommen und deswegen kein eigenes Auto haben. Sie würden in dieser ohnehin schwierigen Zeit noch mehr belastet und ausgegrenzt werden. Auch viele Mitarbeiter*innen in systemrelevanten Berufen, die keinen Pkw besitzen, können ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen, wenn sie nicht mit dem Bus, der Bahn oder mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen können. Das zeigt deutlich: Auch Mobilität bereitzustellen ist systemrelevant! 

Gute Mobilität ist aber nicht nur eine Frage des Angebots, sondern auch der Kosten. Wenn Menschen Bus und Bahn nicht nutzen, weil das Sozialticket ihrer Stadt oder Region zu teuer ist, wird ihr Aktionsradius klein.  Das kostengünstige Radfahren ist für Menschen mit geringerem Einkommen oft die beste Möglichkeit, von A nach B zu gelangen – zumindest für kürzere und mittlere Strecken, etwa in der Stadt. Vorausgesetzt, es gibt genügend Platz, um sicher mit dem Rad unterwegs zu sein. In der aktuellen Lage ist es daher richtig, dass Fahrradläden öffnen dürfen und damit auch soziale Fahrradläden, die Reparaturen günstiger oder kostenfrei durchführen oder Fahrräder preiswert verleihen können. Aber ob gerade die sozialen Fahrradläden in dieser Zeit offen haben? Viele ehrenamtliche Reparaturtreffs, in denen Fahrräder oft (selbst) repariert wurden und nur die Materialkosten zu decken waren, sind zurzeit wegen des Infektionsrisikos nicht aktiv. Da kann guter Rat teuer sein, wo ein Fahrrad für wenig oder kein Geld repariert werden kann. Es zeigt sich: Wer wenig Geld hat, hat in der Realität oft ganz andere Mobilitätsbedürfnisse als möglichst günstig Auto fahren zu können. Diese Bedürfnisse müssen wir aufgreifen und Ideen entwickeln, wie wir sozial gerechte Mobilität für alle schaffen und damit auch das Klima schützen. 

Chancen des mobilen Arbeitens 

Die aktuelle Krise beschleunigt aber auch Möglichkeiten, die bereits verfügbar sind. Unternehmen bieten verstärkt mobiles Arbeiten an. Auch wenn das für die meisten nicht einfach zu organisieren ist, hat es einen Aspekt, der zur Verkehrswende beiträgt: Es hilft, Verkehr zu vermeiden. Wer morgens nicht ins Büro muss, muss auch nicht ins Auto steigen. Der beste Verkehr ist der, der gar nicht erst entsteht und somit auch keine Emissionen produziert. 

Diese Chancen der Digitalisierung werden bisher noch nicht ausgereizt und sind auch nicht überall nutzbar. Viele in der Corona-Krise systemrelevanten Tätigkeiten können nur vor Ort erledigt werden. Aber für diejenigen Berufe, in denen keine physische Anwesenheit im Büro oder Betrieb erforderlich ist, liegen im mobilen Arbeiten große Chancen. Dabei muss allerdings klar geregelt sein, wann jemand erreichbar sein muss und wann nicht. Wir erleben gerade auch, wie gut wir mittlerweile auf einem gewöhnlichen Computer eine Videokonferenz abhalten können. Damit stellt sich die Frage nach dem Sinn von Dienstreisen: Muss ich wirklich morgens zu meinem Kunden oder dem Meeting hin- und abends wieder zurückfliegen? Sollte die Corona-Krise unser Denken in diesem Punkt erweitern, so dass danach Kurzstreckenflüge wegfallen, wäre einiges gewonnen. Zwar stellt sich hier das Problem, dass wir statt Kerosin dann mehr Strom verbrauchen. Aber Strom kann längst emissionsfrei mit erneuerbaren Energien erzeugt werden. Wenn wir weiter an der Energieeffizienz arbeiten und sparsame Geräte verwenden, können wir gleichzeitig Energie und Geld sparen, und Umwelt und Klima schonen.  

Aber damit das alles geht und wir überall arbeiten können, ohne direkt vor Ort zu sein, brauchen wir die entsprechende digitale Infrastruktur und ganz dringend die Anbindung insbesondere des ländlichen Raums. Hier hat das Hochtechnologieland Deutschland Aufholbedarf. Im EU-weiten Vergleich der Europäischen Kommission, dem The Digital Economy and Society Index (DESI) von 2019, ist Deutschland mit Platz zwölf gerade mal im Mittelfeld. Der raschere Ausbau des Netzes wird auch der Wirtschaft zu Gute kommen. Denn ein bundesweit gutes Netz ist eine wesentliche Grundlage für ein gutes Wirtschaften im ländlichen Raum und eröffnet auch hier die Potenziale mobiler Arbeit.  Damit wird zugleich der ländliche Raum attraktiver. Wenn ich etwas digital zu mir holen kann, muss ich dafür nicht in die Stadt fahren oder ziehen. Behördengänge, Arztbesuche - vieles kann sehr gut auch online umgesetzt werden – wenn es angeboten würde. Im Moment erleben wir, dass viele Dinge plötzlich sehr schnell gehen, weil es einfach gehen muss. Für eine bessere Mobilität, und um unnötigen Verkehr zu vermeiden, können wir diese Chancen nutzen. 

Alexander Kaas Elias

Sprecher für klima- und sozialverträgliche Mobilität
Kontakt: alexander.kaaselias@vcd.org

Quelle: VCD/Katja Täubert

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