Martin Randelhoff

Interview

Wohnungswirtschaft und nachhaltige Mobilität

Was können Wohnungsunternehmen tun, um klimafreundliche Mobilität zu fördern? Wir haben bei Alexander Rychter, Verbandsdirektor des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland Westfalen e.V., nachgefragt.

| Wohnen und Mobilität

Klimafreundliche Mobilität wird vermehrt ein Thema auf der Agenda von Wohnungsunternehmen. Sie können dafür sorgen, dass vielfältige Mobilitätsangebote direkt im Wohnumfeld etabliert werden können. Was können Wohnungsunternehmen tun, um kurz- und langfristig Maßnahmen für intelligente Mobilität umzusetzen? Und welche Verantwortung haben sie im Mobilitätsbereich überhaupt?

 

Mieter*innen ohne eigenes Auto – kann es das in Zukunft geben?

»Wir hoffen, dass es sie weiter geben wird, denn schon heute besitzen längst nicht mehr alle Mieterinnen und Mieter ein eigenes Auto. Gerade in stark verdichteten Quartieren in innerstädtischen Lagen sind Fahrräder und der ÖPNV mindestens gleichwertige Alternativen, wenn es darum geht, schnell und umweltfreundlich unterwegs zu sein. Wer in solchen Quartieren noch ein eigenes Auto besitzt, ist entweder überwiegend mit der Suche nach einem halbwegs legalen PKW-Parkplatz beschäftigt oder nutzt den Wagen für Fahrten ins Umland der Stadt, wo der ÖPNV weniger gut ausgebaut ist oder die Länge der Fahrt mit dem Fahrrad realistisch betrachtet nicht mehr zurückzulegen ist. Rund 60% der Bundesbürger wohnen übrigens jenseits der Metropolen, dort ist das eigene Auto Stand heute noch fast eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Hier eine Abschaffung anstreben zu wollen, ist unrealistisch. Aber es muss ja nicht der Verbrenner sein.«

Welche Maßnahmen für intelligente Mobilität würden Sie Einsteigern in das Thema empfehlen?

»Schaut man sich die möglichen Maßnahmen im Bereich der wohnstandortnahen Mobilität an, unterscheiden sie sich für Wohnungsunternehmen und -genossenschaften im Wesentlichen im Hinblick auf ihren konzeptionellen Anspruch und die Notwendigkeit der Integration von Kooperationspartnern. Für Einsteiger empfehlen sich aus unserer Sicht solche Maßnahmen, die sich niedrigschwellig, ohne großen Aufwand und in Eigenverantwortung umsetzen lassen. Es muss ja nicht gleich eine ganze Mobilitätsstation mit Car- und Bikesharing-Angebot sein. Das Thema diebstahlgeschütztes und wettergeschütztes Fahrradparken im eigenen Neubau oder Bestand lässt sich beispielsweise in der Regel gut umsetzen und sorgt bei Radfahrenden für spontane Begeisterung. Ausgangspunkt der Überlegungen kann eine aufmerksame Begehung des Quartiers sein, bei der ich eine Vielzahl verzweifelter „Laternenparker“ sehe. Oder ich erfahre in Gesprächen mit Mieterinnen und Mietern, dass das ein oder andere Rad schon einmal abhandengekommen ist.«

Wohnen wird immer teurer. Was kann ein intelligentes Mobilitätskonzept hier leisten?

»Das Wohnen wird immer teurer, weil vor allem das Bauen immer teurer wird. Das beginnt häufig schon mit den Kosten für das Grundstück, das bebaut werden soll. Hinzu kommen dann die Baukosten, also die Kosten für die Errichtung des Gebäudes. Wenn man die Kostentreiber im Wohnungsbau sucht und hinterfragt, landet man schnell mitten in der Stellplatzdebatte. Wohnungsunternehmen und -genossenschaften sind durch die künftige Stellplatzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen oder kommunale Satzungen wie Bebauungspläne oder Stellplatzsatzungen verpflichtet, eine gewisse Anzahl Stellplätze je Wohnung nachzuweisen. Aber ruhender Autoverkehr verursacht in Errichtung und Betrieb erhebliche Kosten. Der Bau einer Tiefgarage kann beispielsweise bis zu 35 % der gesamten Baukosten ausmachen.

Aus unserer Sicht gibt es aber Hebel, um das Bauen und damit auch das Wohnen an diesem Punkt bezahlbar zu halten. Stellplätze sollten in den entsprechenden kommunalen Satzungen bedarfsgerecht und nach der Devise „so viele wie nötig, so wenig wie möglich“ gefordert werden. Weitere Absenkungen könnten dann über Mobilitätskonzepte realisiert werden, also den Nachweis von PKW-reduzierenden Mobilitätsangeboten im Quartier wie Car- oder Bikesharing, anbieterübergreifende Paketboxen oder qualitativ hochwertige Fahrradabstellplätze.«

Ein Ausblick zum Schluss zum Spekulieren & Träumen: Wie werden wir in 20 Jahren wohnen – in der Stadt und auf dem Land?

»Megatrends wie der Klimawandel und die Digitalisierung werden das Wohnen in den kommenden beiden Dekaden maßgeblich beeinflussen. Das ist weniger Spekulation und Traum als jetzt schon Realität. Der Gebäudebestand in den Städten der Zukunft wird klimaneutral werden. Über Dach- und Fassadenbegrünung wird sich das Stadtklima und die Aufenthaltsqualität verbessern. Energieerzeugung gleich am Gebäude wird eine Selbstverständlichkeit werden. Durch die Corona-Pandemie stehen viele innerstädtische Gewerbeflächen zur Disposition. Hier liegen Potenziale für die gesamte Stadtentwicklung, auch was die Sortierung und Priorisierung von innerstädtischen Verkehren angeht.

Doch auch die Regionen jenseits der Metropolen stehen vor Veränderungen. Wir sehen steigende Kaufpreise für Immobilien in vormals weniger begehrten Lagen, der nachvollziehbare Wunsch nach mehr Abstand voneinander macht es ebenso möglich wie die von vielen Firmen etablierten Angebote für mobiles Arbeiten. Statt jeden Tag pendeln viele dann vielleicht nur noch zwei oder dreimal die Woche an den Arbeitsplatz und nehmen dafür einen längeren Anfahrtsweg mit dem Auto, der Bahn oder dem E-Bike in Kauf. Neben Wiesen und Weiden freuen sich dann alle, die dort wohnen, aber vor allem über schnelles und leistungsfähiges W-LAN.«

Das gesamte Interview steht am Ende der Seite zum Download bereit. Erfahrt mehr über unsere Arbeit auf unserer Online-Plattform.

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