Die Wahrsagerinnen

Greta Thunberg (16) und Luisa Neubauer (23) sagen nichts Neues zur Klimakrise. Sie sprechen nur mutig aus, was alle verdrängen.

Jede Gesellschaft braucht Menschen, die ihr schonungslos den Spiegel vorhalten. Das gilt besonders für die Klimakrise. Seit Jahren warnen Experten in immer dringender werdendem Ton vor der Erderhitzung und den katastrophalen Folgen, die unsere nonchalante Reaktion auf diese historisch einmalige Herausforderung haben wird. Und was passiert? Business as usual.

Die schwedische Schülerin Greta Thunberg hat diesen Zustand der kollektiven Verdrängung durchbrochen. Nach den Sommerferien 2018 begann sie ihren Schulstreik für das Klima. Wenige Monate später schlossen sich deutsche Schülerinnen und Schüler dem Streik an. Anfang 2019 war aus #fridaysforfuture eine gut organisierte Bewegung geworden. Und im Mai sorgte das Thema Klima für eine Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse bei der Europawahl.

Wie hatte Greta das erreicht? Mit passivem Widerstand, den sie über die sozialen Medien verbreitete. Aber Schulstreik und Twitter waren für die junge Schwedin nur Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im Zentrum stand etwas anderes. Wie das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern beharrte sie auf einer Wahrheit, die alle kannten, aber niemand wahrhaben wollte: Die Zeit für Absichtserklärungen ist vorbei. Es geht jetzt ans Eingemachte, und auf allen Politikfeldern muss der Klimaschutz Priorität haben.

„Ich möchte, dass Sie in Panik geraten“, so Greta in ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament, die sie mit einer Mischung aus entwaffnender Kindlichkeit, ungefilterter Emotion und schonungsloser Sachkenntnis hielt. Für einen Augenblick wurden aus Parlamentariern Schüler und aus der Schülerin eine Lehrerin.

Die Politik reagierte prompt oberlehrerhaft. Man solle doch samstags demonstrieren, empfahl Peter Alt­maier; und Christian Lindner meinte, den Klimaschutz solle man den Profis überlassen. Beide versuchten instinktiv, die freigelassene Wahrheit wieder einzuhegen. Die selbstgefällige Gegenreaktion bewies, wie mächtig eine klare, mutig ausgesprochene Wahrheit sein kann.

Ein weiteres Beispiel: Als Luisa Neubauer – Geografie-Studentin aus Göttingen und Sprecherin der deutschen #fridaysforfuture Bewegung – bei der RWE-Aktionärsversammlung Anfang Mai in Essen den Aktionären vorwarf, sie verkauften ihre Verantwortung für die Rendite, drehte man ihr kurzzeitig das Mikrofon ab. Sie fasste in klare Worte, was alle Anwesenden wussten. Hören wollten sie es trotzdem nicht.
Wer den Schülerstreik also als nächste Episode im ewigen Kampf zwischen idealistischer Jugend und Alterspragmatismus abtun will, liegt falsch. Ohne den Mut zur Wahrheit der Jugendlichen sind pragmatische Lösungen unmöglich.

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Tim Albrecht

schreibt seit 2018 für das fairkehr-Magazin über Mobilitäts- und Umweltthemen. Er ist ein optimistischer Europäer mit transatlantischem Einschlag und liebt Fahrräder, Literatur und Basketball.
Tim.Albrecht@fairkehr.de

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