VCD Verkehrswende Blog

Der nachhaltige Lebensstil von Familie Holland

Die Hollands leben ihre Vision: weniger Autoverkehr, weniger Konsum, dafür viel Engagement und Initiative für den gesellschaftlichen Wandel und die Stadt der Zukunft.

Einmal im Jahr fährt Familie Holland für zwei Wochen nach Holland. Das hat inzwischen Tradition. Früher machten sie diese Reise im Frühjahr, doch seit die ältere der beiden Töchter zur Schule geht, fahren sie in den Sommerferien. Dafür mieten sie sich ein Auto oder nehmen das von Oma. Um vor Ort mobil zu sein, für die Einkäufe und die täglichen Touren zum Strand und durch die Dünen, leiht die Familie sich ein Lastenrad.

„Sonst sind wir nicht so reiselustig“, sagt Mutter Antonia (38). Wir haben gar nicht das Bedürfnis und die Zeit, häufig wegzufahren. Warum auch? Wir haben hier eine tolle Nachbarschaft mit vielen Kindern und sind in zahlreiche Projekte eingebunden, bei denen wir gerne mitwirken – alles direkt vor der Haustür“, sagt Vater Raphael Holland (39). Den Hollands geht es um die Verwirklichung eines fairen und nachhaltigen Lebens. Da lassen sich Arbeit, Urlaub und Freizeit nicht voneinander trennen.

Zu Hause in Bonn geht alles ohne Auto. Die beiden Töchter Johanna (7) und Frida (4) gehen zu Fuß zur Schule und zur Kita im Viertel. Die Große darf schon ohne elterliche Begleitung mit ihren Freundinnen zur Grundschule in der Altstadt laufen, auch wenn sie dabei eine vielbefahrene Straße überqueren muss. „Wir können unserer Tochter das zutrauen, sie ist von klein auf daran gewöhnt, hier im Viertel alle kurzen Wege zu Fuß zu machen“, sagt Antonia. Nachmittags, wenn Freunde in einem anderen Stadtteil besucht werden oder Bratschenunterricht in der Musikschule auf der anderen Rheinseite ansteht, nehmen Antonia und die Mädchen das pink lackierte Tandem mit dem leuchtend roten Trailer. „Das Rad haben wir von Freunden geerbt, den Trailer nachträglich angehängt“, sagt Raphael.

Glitzerndes Fotomotiv

Wenn das Gespann mit den im Fahrtwind wehenden Glitzerpuscheln an den Lenkergriffen durch Bonn fährt, bleiben die Leute stehen und schauen. Erwachsene machen Handyfotos, Omas winken, Kinder staunen. Wenn sie bei der Critical Mass mitfahren – und das tun die Hollands eigentlich immer – quatscht Johanna, die hinten sitzt, mit den Leuten am Straßenrand oder an der Ampel, verteilt nebenbei Flyer und macht Öffentlichkeitsarbeit für die Fahrradbewegung in den Straßen der Stadt.

Natürlich hat jedes Familienmitglied noch sein eigenes Fahrrad. Antonia braucht es während des Semesters für die tägliche 10-Kilometer-Strecke zum Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Nach der Geburt der Kinder hat sie das Studium Nachhaltige Ingenieurwissenschaft aufgenommen, das Maschinenbau und Elektrotechnik mit Aspekten der Nachhaltigkeit vereint. Sie möchte als Ingenieurin die Welt verändern und verbessern und fängt auf ihrem Weg zum Campus direkt damit an. Raphael ist Geograf und arbeitet in einer Firma für Geophysik in Bonn-Endenich. Für diese kurze Strecke ist das Fahrrad sowieso das beste Verkehrsmittel.

Raphael ist Vollblutaktivist

Raphael ist Vollblutaktivist und abends meistens unterwegs. Dann arbeitet er ehrenamtlich in einer der vielen Initiativen und Vereine. Er ist Mitglied im ADFC und engagiert sich im VCD als Beisitzer im Kreisverband.

Und dann ist da noch die Initiativ­gruppe „Bonn im Wandel“, für die Raphael Holland Vorstandsarbeit macht. Die Gruppe versteht sich als Ideenlabor und unterstützt Projekte für den gesellschaftlichen Wandel. Raphaels Schwerpunkt ist nachhaltige Mobilität: „Wir wollen die Verkehrswende nicht nur fordern, sondern sie anpacken“, ist sein Credo. Als einer der Initiatoren der „Bonner Velowerft“ hat er kürzlich mit fahrradverrückten Handwerkern sowie beteiligten Initiativen und Nachbarschaften acht Lastenräder aus Holz gebaut. Diese werden jetzt gemeinschaftlich genutzt und sparen kräftig Autokilometer ein. fairkehr hat in der letzten Ausgabe berichtet und eines der Räder für die vorangehende Seite (14) fotografiert.

Reparieren statt wegwerfen

Beim gesellschaftlichen Engagement sind sich die Eltern einig: „Wir pflegen einen konsumkritischen Lebensstil“, sagt Antonia. „Wir verschwenden kein Geld für Klamotten oder technischen Schnickschnack, den wir nicht brauchen, und reparieren, was kaputtgeht“. Wenn es kompliziert wird, lassen sich die Hollands im „Repair-Café“ helfen oder helfen anderen, wenn sie es können – zum Beispiel bei der Fahrradreparatur. „Wir kaufen, wenn möglich, lokal und regional ein“, sagt die junge Mutter. Die Hollands gehören deshalb auch zur Bonner Gruppe der „Solidarischen Landwirtschaft“, die ihre Mitglieder mit saisonalem Bio-Gemüse von Feldern, die unmittelbar an der Stadtgrenze Bonns liegen, versorgt. Manchmal helfen Antonia, Johanna und Frida beim Ernteverteilen, Bohnenpflücken oder Beikrautjäten.

Bei so viel Umtriebigkeit könnte einem schwindelig werden, doch die Hollands stehen mit beiden Beinen fest auf Bonner Boden. Das Netzwerk fordert sie und hält sie fest. Dass keine Zeit für Reisen durch die Welt bleibt, versteht sich bei dem ehrenamtlichen Arbeitspensum aber von selbst.

Und wenn es doch auf Tour ins Ausland geht, dann für die gute Sache: Zweimal im Jahr nimmt Raphael Urlaub für die „Schokofahrt“. Die Idee dahinter: Ein Segelschiff hat nachhaltig und unter fairen Arbeitsbedingungen angebaute Kakaobohnen aus der Dominikanischen Republik nach Amsterdam gebracht, wo sie eine kleine Schokoladenfabrik weiterverarbeitet. Die Schokofahrt-Initiativen, private, dezentral organisierte Gruppen von Lastenradfahrerinnen und -fahrern, sorgen für den Weitertransport der Schokotafeln – zum Beispiel nach Bonn.

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Uta Linnert

ist Chefin vom Dienst beim VCD-Magazin fairkehr.
Uta.Linnert@fairkehr.de

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