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Fahrradloft Lichtenberg: Mit dem Rad direkt auf den Balkon

Bewohnerinnen und Bewohner des Fahrradlofts in Berlin-Lichtenberg gelangen mit ihrem Fahrrad über einen ebenerdigen Fahrstuhl direkt auf ihren persönlichen Balkon.


In den Lift fahren die Bewohnerinnen und Bewohner des Fahrradlofts Lichtenberg sowohl mit dem Fahrrad vorwärts in den Fahrstuhl hinein als auch vorwärts wieder hinaus. Elektrische Türöffner vereinfachen den Transport des Fahrrades durch das Wohnhaus.
Der Bewohner Tobias Klein erzählt vom Entstehungsprozess des Fahrradlofts und wie umweltverträgliche Mobilität im Wohnumfeld gefördert werden kann.

Herr Klein, wie ist die Idee eines Fahrradlofts entstanden?

Unserem Architekten Lars Göhring fiel auf, dass in Berlin viele Menschen ihr Fahrrad die Treppen hinauftragen, es durch die Wohnung schleppen und dann auf einem viel zu kleinen Balkon abstellen. Vor allem für teurere Räder sind in den meisten Häusern keine zufriedenstellenden Abstellanlagen vorhanden. Zudem ist die Hemmschwelle, das Rad zu nutzen, sehr gering, wenn es direkt vor der eigenen Wohnungstür steht. Aus diesem Grund entwickelte er die Idee eines fahrradfreundlichen Wohnhauses. Der Name Fahrradloft ist übrigens eine Anspielung auf das Kreuzberger Carloft.

Wie groß war die Baugruppe am Anfang?

Die erste Kerngruppe entstand 2010 und bestand nur aus wenigen Mitgliedern. Meine Familie und ich stießen erst 2012 zur Gruppe, zu dem Zeitpunkt bestand die Gruppe aus 6 oder 7 Familien. Nachdem 2013 dann ein Grundstück gefunden und reserviert werden konnte, stieg die Zahl schnell auf die finale Anzahl von 42.

Welche Schritte haben Sie im Umsetzungsprozess durchlaufen?

Alle einzelnen Schritte des Prozesses hier zu nennen würde den Umfang des Interviews sprengen. Von der ersten Idee bis zum Einzug sind schließlich fünf Jahre vergangen. Aber um mal ein paar wichtige Punkte zu nennen: Es mussten Mitstreiter*innen, ein Grundstück und eine Bank, die allen (!) Eigentümer*innen einen Kredit anbietet, gefunden werden. Neben der herkömmlichen Bauplanung und -ausführung mussten wir uns auch Gedanken über einen GbR-Vertrag (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) machen und überlegen, wie wir die gemeinsamen Flächen nutzen wollen. In der Planungs- und Bauphase haben wir uns ungefähr einmal im Monat getroffen, zudem lief viel über einen Mailverteiler. Es gab auch diverse AGs, die sich mit bestimmten Punkten intensiver beschäftigten und Konzepte herausarbeiteten.

Was würden Sie sagen waren die größten Herausforderungen auf dem Weg zur Umsetzung eines Fahrradlofts und wie haben Sie diese gelöst?

Eine der größten Herausforderungen musste direkt am Anfang bewältigt werden: Ein Grundstück, das zu unseren Wünschen passt und bei dem wir nicht von Investoren überboten werden. In Friedrichshain schien dies unmöglich, daher haben wir uns schließlich entschieden, nach Lichtenberg zu gehen. Eine weitere große Herausforderung war, eine Bank zu finden. Es gibt nur wenige Banken, die bereit sind, Baugruppen zu finanzieren. Bei uns wurde es schließlich die Umweltbank.

Gab es Kooperationspartner, die für das Gelingen des Projekts entscheidend waren?

Wir haben ein Projektsteuerungsbüro beauftragt, das uns viele Arbeitsschritte abnahm. Ohne dieses hätten wir den enormen Arbeitsaufwand vermutlich nicht geschafft.

Welche anderen Mobilitätsangebote neben dem Fahrradlift gibt es bei Ihnen?

Die Fahrradlifte und -balkone sind nicht nur für die Fahrradnutzung ideal, sondern auch für Kinderwägen oder für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. In beiden Häusern gibt es zusätzliche Fahrradkeller und auf der Straße einige gute Fahrradstellanlagen für Personen, die ihr Rad nur kurz abstellen wollen oder zu Besuch kommen. Die S-Bahn mit sehr gutem Takt ist nur wenige Gehminuten entfernt, zudem einige Bushaltestellen mit verschiedenen Linien. Kfz-Stellplätze gibt es übrigens keine.

Was glauben Sie, wie wird sich das Fahrradloft in Zukunft weiterentwickeln?

Mittlerweile gibt es ein Lastenrad, das von einigen Familien gemeinschaftlich genutzt wird. Es gibt auch einige, die ein eigenes Lastenrad haben, da sie es täglich nutzen. Ansonsten sind aktuell keine weiteren Ideen in Planung.

Können innovative, nachhaltige Mobilitätslösungen, wie die Idee eines Fahrradliftes, aus Ihrer Sicht auf andere Quartiere oder Wohnhäuser übertragen werden?

Bei Altbauten wird es schwierig, bei neuen Wohnprojekten ist es denke ich fast überall möglich, wenn der Wille da ist. Klar sind die Kosten dafür auch etwas höher, aber durch die Einsparung einer Tiefgarage haben wir diese mehr als wieder eingeholt.

Welche Voraussetzungen muss ein Quartier Ihrer Meinung nach mitbringen, damit das Konzept Aussicht auf Erfolg hat?

Das Projekt sollte städtisch so gelegen sein, dass die wichtigsten Ziele gut mit dem Rad zu erreichen sind. Zudem ist ein guter ÖPNV-Anschluss wichtig. Die Stellplatzverordnung, die es ja in den meisten Bundesländern gibt, ist zudem finanziell sehr unattraktiv für alternative Wohnprojekte.

Was war die überraschendste Erkenntnis, die Sie im Laufe der Realisierung des Fahrradlofts hatten?

Das Überraschendste für mich war, dass wir am Ende finanziell gesehen fast eine Punktlandung auf den kalkulierten Kosten gemacht haben. Das ist bei Baugruppen nicht immer so. Zudem haben wir anscheinend noch gerade so den Baubeginn hinbekommen, bevor die Bau- und Immobilienpreise in Berlin total durch die Decke gingen. Bei den Kosten von heute hätte sicherlich ein Großteil der Gruppe nicht mehr mithalten können.

Was können die Wohnungswirtschaft und politische Entscheidungsträger aus Ihrer Sicht tun, um CO2-freie Mobilität und Fahrradmobilität im Wohnquartier zu fördern?

Ich denke, dass die antiquierte Stellplatzverordnung in vielen Bundesländern überarbeitet und hier mehr Platz der Alternative Fahrrad gegeben werden müsste. Sichere und komfortabel zu erreichende Fahrradabstellplätze in ausreichender Menge sind das A & O. Aber dies nützt alles nicht viel, wenn sich die Fahrradinfrastruktur in den Städten und Gemeinden nicht verbessert. Dem Rad muss mehr Platz gegeben werden, nur so wird der Radverkehr sicherer und komfortabler – und noch mehr Menschen werden aufs Rad umsteigen.

Projekt »Wohnen leitet Mobilität«

Wohnungsunternehmen, Kommunen und Mobilitätsdienstleister arbeiten gemeinsam an intelligenten, umwelt- und sozialverträglichen Mobilitätskonzepten für Wohnquartiere - das ist der neue und innovative Kooperationsansatz des Projektes »Wohnen leitet Mobilität«.
Eine intelligente, umwelt- und sozialverträgliche Verknüpfung von Mobilitätkonzepten und Wohnquartieren ist keinesfalls nur eine Vision. Es gibt bereits gute Beispiele, die eine klimafreundliche und stadtverträgliche Mobilität am Wohnstandort ermöglichen. Das Fahrradloft Lichtenberg ist eines von ihnen. Stöbern Sie in unserer Good Practice-Datenbank und informieren sich über weitere innovative Konzepte!

Philip Seitz

Trainee »Wohnen leitet Mobilität«

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