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Mobilität von Frauen für Frauen: Warum eine ökologische Verkehrswende auch feministisch sein muss

Bisher wird Verkehr meist vermeintlich neutral nach Aufkommen und Zielen für die Verkehrsträger geplant und untersucht. Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Mobilitätsverhalten und damit auch die verschiedenen Ansprüche an das Verkehrssystem sind lange bekannt. Doch fließt das ein, wenn die Verkehrssituation beurteilt wird? Welche Verkehrsplanung und –infrastruktur braucht es, um die verschiedenen Bedürfnisse von Männern und Frauen zu berücksichtigen? Dieser Artikel gibt eine Übersicht.

Frau hält Fahrrad in die Luft

Männer legen längere Strecken zurück und fahren häufiger Auto

Laut der Umfrage „Mobilität in Deutschland“ (MiD) legen Männer pro Tag 46 km zurück, 13 km mehr als Frauen. Dabei fahren sie vor allem mehr Auto, aber auch die durchschnittlichen Tagesstrecken bei ÖPNV und Fahrrad sind höher [1]. 

Langzeitbetrachtungen des geschlechtsspezifischen Mobilitätsverhaltens zeigen allerdings, dass sich die zurückgelegten Strecken von Männern und Frauen langsam angleichen. Das ist auf längere Strecken bei Frauen in mittleren Altersgruppen und deutlich geringere Strecken bei jungen Männern zurückzuführen [2]. 

Differenziert man die Zahlen zusätzlich nach Alter, zeigt sich ganz deutlich, dass es bis zum Alter von 20 keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt – der Unterschied beginnt in dem Alter, ab dem Menschen Familien gründen, und bleibt auch bis ins höhere Alter bestehen. Auch die Wegezwecke beginnen mit Anfang 20, sich zu unterscheiden. Will man geschlechtsspezifische Unterschiede beim Zugang zu Mobilität verstehen, muss man also die Kombination aus Geschlecht und Lebensphase berücksichtigen. 

Zu diesen Geschlechterdifferenzen im Mobilitätsverhalten liegen zwar viele Zahlen vor, aber bei der Suche nach Ursachen wird es komplizierter. Grund für die Unterschiede im Mobilitätsverhalten ist vor allem die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, nach der in Deutschland nach wie vor der Großteil der Versorgungsarbeit von Frauen geleistet wird. Das wiederum hat großen Einfluss auf das Mobilitätsverhalten. 

Wenn also hier von frauenspezifischen Problemen, Bedürfnissen und Forderungen die Rede ist, geht es nicht um Frauen als biologisches Geschlecht, sondern um die soziale Rolle derjenigen, die Versorgungsleistungen erbringen – d.h. sich um Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmern. Und das sind immer noch hauptsächlich Frauen. Teil der Lösung muss also auch ein Aufbrechen dieser traditionellen Geschlechterrollen sein, um eine fairere Arbeitsteilung zu erreichen. Je mehr Männer gleichberechtigt Versorgungsleistungen übernehmen, desto mehr steigt auch das Bewusstsein für die damit einhergehenden (Mobilitäts-) Bedürfnisse.

Männer fahren zur Arbeit, Frauen haben viele Wegezwecke und verbinden sie miteinander 

Viele Berechnungen zeigen, dass Männer einen deutlich höheren CO2-Fußabdruck aufweisen als Frauen. Grund ist vor allem das Mobilitätsverhalten, das sich in größeren Autos, häufigerer Nutzung und längeren Wegstrecken zeigt. Die meisten Dienstwagen werden zudem von Männern gefahren; diese sind meist stark motorisiert. Frauen sind dagegen häufiger mit ÖPNV, Fahrrad und zu Fuß unterwegs. 

Das hängt zusammen mit den unterschiedlichen Wegezwecken. Männer fahren in der Regel morgens zur Arbeit und abends wieder zurück, haben also relativ lineare Wege. Die Wegeketten von Frauen sind deutlich komplexer. Das liegt daran, dass es meist die Frauen sind, die neben ihrem Voll- oder Teilzeitjob die Versorgung der Familie übernehmen, die auf ihrem Weg die Kinder zur Schule bringen, ältere Angehörige zur Ärzt*in bringen, einkaufen gehen und sonstige Besorgungen erledigen. Sie verbinden diese Wegezwecke miteinander und weisen dadurch ein komplexes Wegenetz auf, das sie häufig multimodal zurücklegen. Frauen sind also nicht weniger mobil – misst man Mobilität am Kriterium der Raumerschließung und nicht am Kriterium möglichst schneller Raumüberwindung [3]. 

Auf der anderen Seite ist es gerade für Frauen in ländlichen Regionen schwierig, diese komplexen Wegeketten ohne Auto zu bewältigen, wenn z.B. die Busfahrzeiten an den Zeiten der Erwerbsarbeit oder den Schulzeiten ausgerichtet sind, die Strecke zum nächsten Supermarkt zu weit für das Fahrrad ist und es zwar eine schnelle Verbindung mit dem Regionalzug in die Stadt gibt, aber die Fahrt zur Ärzt*in im Nachbarort mehrmaliges Umsteigen zwischen Bussen erfordert. Bei Forderungen nach weniger Autoverkehr müssen diese Schwierigkeiten mitgedacht und praktikable Alternativen bereitgestellt werden, damit am Ende nicht die Mobilität von Frauen eingeschränkt wird oder der Zeitaufwand für Versorgungsleistungen steigt. 

Die Erkenntnisse von Geschlechterdifferenzen im Mobilitätsbereich sind lange bekannt, doch haben ihren Weg bisher zu selten aus der Forschung in die tatsächlichen Planungsentscheidungen in der Praxis gefunden.  

Verkehrsplanung ist an „männlichen“ Idealen ausgerichtet 

Die Verkehrsplanung orientiert sich nach wie vor am Mobilitätsmuster eines mittelalten, Vollzeit erwerbstätigen Mannes, der weitgehend frei von Versorgungstätigkeiten ist und das darin besteht, morgens von der Wohnung zur Erwerbsarbeit zu kommen und abends wieder zurück, mit gelegentlichen beruflichen Dienstwegen und Freizeitwegen nach Feierabend. Den komplexen Mobilitätsmustern vieler Frauen mit Begleitwegen und verschiedenen Wegezwecken wird eine solche Planung nicht gerecht [4]. 

Die bisherige Verkehrspolitik wird daher von feministischen Wissenschaftler*innen als androzentrisch bezeichnet, also an „männlichen“ Idealen ausgerichtet: Erwerbsarbeit, Wirtschaftswachstum, Technik. Dieser Androzentrismus in der Verkehrspolitik liegt auch daran, dass dieser Bereich immer noch Männersache ist. Es gab auf Bundesebene nie eine Verkehrsministerin, und auch auf den unteren Ebenen sowie in der Verwaltung und Verkehrsplanung wird der Großteil der Entscheidungen von Männern getroffen.

Androzentrismus

Die androzentrische Sichtweise in Institutionen und Politik ist die historisch geprägte Sichtweise, die Maskulinitätsmodelle zum Maßstab für „allgemeine“ Nützlichkeit erhebt und die Perspektiven auf den Klimawandel und auf die Entwicklung von Lösungsansätzen als „genderneutral“ begreift  [5].

Die androzentrischen Denkmuster zeigen sich in der Verkehrspolitik durch maskuline Normen, die ohne eine Berücksichtigung der Genderperspektive weiter reproduziert werden. Der Verkehr wird vor allem im Hinblick auf Pkw-Verfügbarkeit und Pkw-Nutzung betrachtet, und nur motorisierte Mobilität wird überhaupt als Mobilität anerkannt. Die Lebensrealität eines größeren Teils der Frauen und auch anderer intersektional benachteiligter Männer, die kein eigenes Auto haben, werden dabei ausgeblendet [2]. 

Dabei soll an dieser Stelle deutlich gemacht werden, dass es hier nicht nur darum geht, dass Frauen auch in diesen Berufen gleichberechtigt arbeiten sollen, sondern vor allem darum, verschiedene Perspektiven zu berücksichtigen. Die Bedürfnisse von Menschen, die Versorgungsarbeit leisten, werden viel zu wenig berücksichtigt – und in unserer Gesellschaft sind das vor allem Frauen. Es reicht also nicht, dass Frauen gleichberechtigt in verkehrsrelevanten Berufen arbeiten, wenn sie sich gleichzeitig an männlich geprägte Mobilitätsmuster angleichen.  

Um die Geschlechter- und Machtverhältnisse im Verkehrssektor zu verändern, müssen nicht nur mehr Entscheidungspositionen mit Frauen besetzt werden, sondern vor allem die dominierenden maskulinen Normen hinterfragt werden, um zu einem nachhaltigen Verkehrssystem zu gelangen. 

So dürfen nicht die androzentrischen Maßstäbe und Ideale auf den ÖPNV und die Radverkehrsinfrastruktur übertragen werden. Baut man nun für den Weg zur Erwerbsarbeit statt Straßen Radschnellwege und Hochgeschwindigkeitsbahnstrecken aus, ist das sicherlich klimapolitisch sinnvoll, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das ebenso wenig komplexen Mobilitätsbedürfnissen gerecht wird. Es braucht neue Konzepte, die Versorgungsarbeit in den Fokus nehmen und beispielsweise Langsamverkehr berücksichtigen, indem Fahrradwege so gebaut werden, dass Überholen gefahrlos möglich ist, oder Abstellmöglichkeiten für Fahrräder mit Kinderanhängern und Lastenräder im öffentlichen Raum mitplanen. Es braucht eine Orientierung der Verkehrsinfrastrukturpolitik an realen, lokalen Mobilitätsbedürfnissen, die oft aus vielen kleinen Strecken besteht, die im Umweltverbund (Bahn, Bus, Fahrrad, zu Fuß Gehen u.a.) einfach verknüpfbar sein müssen. Eine Verkehrsplanung, die auf Chancengleichheit ausgerichtet ist und die verschiedenen Mobilitätsbedürfnisse berücksichtigt, kommt am Ende allen zu gute.   

Fazit und Forderungen 

  • Geschlechtergerechte Verkehrswende heißt auch ökologische Verkehrswende: Die Forderungen nach einem gut ausgebauten ÖPNV und besserer Fuß- und Fahrradinfrastruktur sind ökologisch und gendergerecht, Ziele wie die Kombinierbarkeit von Wegen, gute Querverbindungen im ÖPNV, Barrierefreiheit und Erreichbarkeit ohne eigenes Auto sollten im Fokus der Planung stehen. 
  • Androzentrische Denkweisen nicht auf den öffentlichen Verkehr übertragen: bei der Planung von ÖPNV und auch Radwegen darf nicht nur der Weg zur Arbeit mitgedacht werden, sondern die komplexen Wegeketten, die kleinen Wege und Multimodalität in den Vordergrund stellen. Mobilität muss als Teil der Alltagsorganisation verstanden werden, nicht nur als Weg zur Erwerbsarbeit. 
  • Bei der Datenerhebung Geschlechterdifferenzen berücksichtigen: Zeitverwendungen und Wegezwecke sollten in differenzierteren Kategorien erfasst werden und mehrere Zwecke pro Weg angegeben werden können, um die vielfältigen Begleit- und Versorgungswegeketten abbilden zu können. 
  • Verschiedene Perspektiven und Bedürfnisse bei der Verkehrsplanung berücksichtigen: Frauen, Kinder und ältere Menschen sind als Hauptnutzungsgruppen die Expert*innen im Umgang mit den Verkehrsmitteln des Umweltverbundes. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen müssen in die Planung einfließen. 
  • Versorgungsökonomische Mobilität als Ausgangspunkt für Verkehrsplanung: Maßstab für die Verkehrsplanung sollten nicht vermeintlich objektive Indikatoren wie zurückgelegte Kilometer sein, sondern Bedürfnisse nach Mobilität und Teilhabe an Gesellschaft.

[1] infas, DLR, IVT und infas 360 (2018): Mobilität in Deutschland. MiD-Ergebnisbericht. Studie im Auftrag des BMVI. www.mobilitaet-in-deutschland.de  

[2] Spitzner, Meike, Diana Hummel, Immanuel Stieß, Gotelind Alber, Ulrike Röhr (2020): Interdependente Genderaspekte der Klimapolitik: Gendergerechtigkeit als Beitrag zu einer erfolgreichen Klimapolitik: Wirkungsanalyse, Interdependenzen mit anderen sozialen Kategorien, methodische Aspekte und Gestaltungsoptionen. Abschlussbericht im Auftrag des Umweltbundesamtes. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2020-02-06_texte_30-2020_genderaspekte-klimapolitik.pdf 

[3] Bauhardt, Christine (2012): Klimawandel und Infrastrukturpolitiken im Widerstreit. Die Politikfelder Wasser und Mobilität aus einer kritischen Gender-Perspektive. In: Ça?lar, Gülay, Castro Varela, Mario Do Mar & Schwenken, Helen (Hg.). Geschlecht - Macht -Klima. Feministische Perspektiven auf Klima, gesellschaftliche Naturverhältnisse und Gerechtigkeit. Opladen: Verlag Barbara Budrich, 97–115. 

[4] Spitzner, Meike (2020): Mobilität für alle! – Wie die Verkehrswende allen eine umweltschonende Mobilität ermöglicht. In: Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Praxis kommunale Verkehrswende – Ein Leitfaden. Band 47 der Schriftenreihe Ökologie. https://www.boell.de/sites/default/files/2020-02/Praxis-kommunale-Verkehrswende_kommentiebar.pdf?dimension1=division_oen 

[5] Alber, Gotelind, Diana Hummel, Ulrike Röhr, Meike Spitzner, Immanuel Stieß (2018): Geschlechtergerechtigkeit und Klimapolitik. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Aus Politik und Zeitgeschichte 21-23/2018. https://www.bpb.de/apuz/269306/geschlechtergerechtigkeit-und-klimapolitik


Katharina Klaas

ist Projektbearbeiterin für das Projekt »Verkehrswende: klimaverträglich und sozial gerecht«

katharina.klaas@vcd.org

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