VCD Verkehrswende Blog

Mehr ÖPNV, weniger Billigflieger

Für den österreichischen Eisenbahn.Blog interviewte Blogger Niki Schmölz unseren Sprecher für Bahn und ÖPNV Philipp Kosok.

Das vollständige Interview lesen sie auf eisenbahn.blog.

Wo sieht der VCD im deutschen Verkehrsbereich die zentralen Herausforderungen?

Das große Ziel heißt natürlich Verkehrswende. Das sehen mittlerweile nicht nur Umweltverbände wie der VCD so, sondern auch führende Politiker und ein breiter Teil der Zivilgesellschaft. Es geht darum, den Verkehr endlich nachhaltig zu machen – und nicht mehr auf Kosten von Verkehrstoten, Klima und Landschaftsversiegelung immer mehr Auto zu fahren. Gleichzeitig soll es sich jeder leisten können, mobil zu sein. Deswegen müssen die Alternativen zum eigenen Auto massiv gestärkt werden. Das erfordert neue Verkehrskonzepte, viel Geld, Überzeugungskraft, einen langen Atem und einen breiten Konsens in der Gesellschaft. […]

Die deutsche Verkehrspolitik durchläuft jetzt eine Transformation. Sie nimmt zunehmend die vielfältigen Interessen der Bevölkerung ernst, anstatt nur Arbeitsplätze bei Autoherstellern zu schützen und eine freie Fahrt auf der Autobahn sicherzustellen. Gute Zeiten für den VCD, denn zunehmen werden auch die Bedürfnisse von Fahrgästen, Radfahrern und spielenden Kindern ernst genommen.

Was wären wichtige Maßnahmen, um die Schiene konkurrenzfähiger zu Auto, Fernbus und Billigflieger zu machen?

Der Begriff „Billigflieger“ macht bereits alles deutlich. Fliegen ist zu billig. Für eine Bahnfahrt von Berlin nach Wien erhebt der deutsche Fiskus 19 Prozent Mehrwertsteuer auf den Streckenanteil in Deutschland. Fliege ich dieselbe Strecke, entfällt die Steuer komplett. Der Flieger ist zusätzlich auch von einer Kerosinsteuer befreit.

Eine neue Studie zeigt, dass 95 Prozent der externen Kosten des Verkehrs, also etwa die Klimabelastung, Lärm und die Folgekosten von Unfällen, vom Straßenverkehr verursacht werden. Die Bahn schneidet in jeder Hinsicht besser ab, aber im Wettbewerb der Verkehrsmittel zählt das nur wenig. Ich halte daher die Einpreisung dieser Kosten für notwendig. Eine CO2-Steuer kann das zum Teil leisten. Ergänzend sollte die Bundesregierung die Bahnunternehmen entlasten, etwa bei Trassenpreisen und Mehrwertsteuer. So haben die Menschen preisliche Anreize umweltfreundlich zu reisen, ohne dass Mobilität gleich unbezahlbar wird.

Eine verbesserte Wettbewerbssituation allein wird aber nicht reichen. Auf dem Schienennetz ist derzeit kaum noch mehr Verkehr möglich. Österreich investiert pro Einwohner fast dreimal so viel Geld in die Schieneninfrastruktur wie Deutschland. Wenn wir auch in Deutschland dahin kommen, ist noch viel Platz für Wachstum auf der Schiene.

Wie stehst Du zum Preisniveau auf der deutschen Schiene – sind die Bahntickets zu teuer?

Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn teuer und billig sind sowohl subjektiv als auch relativ. Wir haben diese Frage daher zum Schwerpunktthema des kommenden VCD Bahntests gemacht, der im November erscheint. Für den Bahntest befragen wir die Fahrgäste selbst nach ihrer Meinung. Klar ist aber, dass es stabile und bezahlbare Ticketpreise braucht. In den letzten Jahren ist der Preis für Bahnfahrten stärken gestiegen, als der für Autofahrten. Die Preise von Flugtickets sind sogar gefallen. Das ist völlig kontraproduktiv. Die Bundesregierung will die Anzahl der Fahrgäste bis 2030 verdoppeln. Ein ebenso ambitioniertes wie richtiges Ziel. Ich denke, das geht nur, wenn auch an der Preisschraube gedreht wird. Besonders problematisch sehe ich den Nahverkehr. Dort sind etwa Monatskarten in Verkehrsverbünden um durchschnittlich 6 Prozent über die letzten drei Jahren gestiegen, Bahntickets um 10 Prozent. Gleichzeitig gibt es längst nicht flächendeckend Sozialtickets, die es einkommensschwachen Menschen ermöglichen in ihrer Region mobil zu bleiben. Dort hat nicht nur die Verkehrspolitik, sondern der Sozialstaat versagt. Zum Glück überlegen nun immer mehr Kommunen, wie sie diese Entwicklung umdrehen können.

Philipp Kosok

ist VCD-Sprecher für Bahn, ÖPNV und Multimodalität.

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