VCD Verkehrswende Blog

Mit dem Fahrrad durch die Corona-Krise

Die mir mit Abstand am häufigsten gestellte Frage lautet zurzeit: Wie kommst Du zurecht mit der Arbeit und den Kindern jetzt in der Corona-Krise? Darauf antworte ich immer: „Wir haben uns einigermaßen eingerichtet und jonglieren mit dem home schooling von zwei Grundschulkindern und dem parallelen mobilen Arbeiten.”

Was ich meist verschweige ist, was für ein enormer Organisations- und Koordinierungsaufwand dahintersteht, und wie sehr mir durch das ständige zuhause sein die Bewegung fehlt. Der Rücken schmerzt vom vielen Sitzen und auch die Fahrten mit dem Rad zur Arbeit fallen weg. Sonst fahre ich jeden Tag rund 20 Kilometer Fahrrad und komme so auf eine Stunde Bewegung am Tag. Die WHO-Empfehlung für Erwachsene liegt bei mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche.

Damit wir uns genügend an der frischen Luft bewegen, und für die notwendigen Wege zum Einkaufen, nutzen wir als Familie die eigenen Füße oder das Fahrrad - beides in der Corona-Krise als gesunde, nachhaltige und ansteckungssichere Verkehrsmittel empfohlen. Unterwegs erlebe ich leere Straßen, atme bessere und sauberere Luft und höre Vogelgezwitscher. Eines fällt mir noch mehr auf als sonst: Viele Fuß- und Radwege sind viel zu eng neben den zwei- oder dreispurigen, nun oft leeren Fahrbahnen für das Auto. Es fällt auch auf, dass jetzt mehr unsichere Radfahrer unterwegs sind als früher, darunter ungeübte Kinder und ältere Menschen, die sonst vermutlich eher den Bus oder die U-Bahn nutzen. Viele Menschen, die nicht zuhause arbeiten können, fahren derzeit mit dem Rad zur Arbeit. Über mehr Radfahrende freue ich mich natürlich, das Problem ist aber, dass viele Radwege von unter 1,50 m Breite ein sicheres Überholen nicht zulassen. Schon gar nicht in Zeiten von Corona, wenn man den vorgeschriebenen Abstand zu anderen einhalten will.

Damit alle Menschen sicher und gerne auf dem Rad unterwegs sein können braucht es gerade jetzt mehr Platz fürs Fahrrad und für Fußgänger. In Berlin werden derzeit schnell und unbürokratisch sogenannte Pop-up Fahrradstreifen eingerichtet. Andere Städte sollten diesem Beispiel folgen. Nach und nach können wir so ein flächendeckendes und sicheres Radverkehrsnetz aufbauen, wenn der Alltag wieder normal möglich ist. 

Auch den Fußverkehr müssen wir stärken, zum Beispiel indem wir Parkplätze umwandeln, und das Parken auf Gehwegen konsequent unterbinden. Wer zu Fuß unterwegs ist, muss sich sicher fortbewegen können. Auch hier heißt es in Corona-Zeiten Abstand halten. Wer andere Menschen in sicherem Abstand überholen will, sollte nicht auf die Fahrbahn ausweichen müssen. Dafür brauchen wir breitere, bequeme Gehwege.

Sinnvoll und wichtig wäre es, wenn wir auf Hauptstraßen Tempo 30 einführen, vorübergehend oder am besten dauerhaft. So schaffen wir ebenfalls mehr Platz und Sicherheit für alle, die mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Auch eine bundesweit einheitliche Regelung, dass Fahrradwerkstätten und Fahrradhändler offen haben dürfen, wäre wichtig.  

Wenn wir all das umsetzen, dann kann ich meine Kinder mit noch besserem Gewissen und geringerer Sorge vor Unfällen in den nahegelegenen Park zum Rollerbladen schicken. Dann habe ich mehr Zeit für meine Arbeit und freue mich, dass sie genug Bewegung bekommen - 60 Minuten jeden Tag, wie es die WHO für Kinder empfiehlt. 

Anika Meenken

ist  beim VCD Sprecherin für Radverkehr und Mobilitätsbildung. 

Mail: anika.meenken@vcd.org

Quelle: VCD/Katja Täubert

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