Flächengerechtigkeit

Lebenswerte Städte durch faire Flächenverteilung

Die langjährige Orientierung des Städtebaus am autogerechten Paradigma hat nicht nur das gesellschaftliche Leben von der Straße verdrängt. Auch die Flächen in der Stadt sind ungerecht zwischen Autos, Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen verteilt worden. Die faire Neuverteilung des öffentlichen Raums und der Verkehrsflächen ist deswegen wichtiger Bestandteil der Verkehrswende.

Es gibt in Deutschland mehr Platz für Straßen und Wege als für Wohnbebauung. Grund dafür ist nicht zuletzt die offensive Straßenbaupolitik der 1960er und 70er Jahre. Leider konnte die Optimierung des Verkehrsflusses nur auf Kosten eines lebenswerten öffentlichen Raumes und damit auch der Menschen in den Städten und Gemeinden erfolgen: Boulevards wurden abgeschafft, Gehwege verschmälert, Grünflächen zu Verkehrsflächen und Marktplätze zu Parkplätzen umgewandelt. Bis heute müssen sich Radler*innen jeden Meter Radweg erkämpfen. Und Fußgänger*innen egal ob junge oder alte Menschen, Eltern mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrende teilen sich die durch Masten, Schilder und Schaltkästen verengten Gehwege, während die Straßenränder von Fahrzeugen gesäumt sind. Damit nehmen Autos wertvolle Fläche ein, ohne einen Mehrwert für die Gesellschaft zu haben. Denn im Schnitt stehen sie am Tag mehr als 23 Stunden einfach nur herum.

Der öffentliche Straßenraum hat traditionell für den Menschen eine vielfältigere Bedeutung als wir es heute gewohnt sind. Er ist ein Ort der Begegnung, an dem Menschen aufeinander treffen, kommunizieren und sich austauschen. Als Forum, auf dem Bürger*innen ihre Anliegen in die Öffentlichkeit tragen können, ist er seit jeher außerdem ein demokratischer Ort. Während früher jedoch noch ein beträchtlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens "auf" der Straße stattfand, werden Straßen inzwischen kaum mehr als Aufenthaltsorte wahrgenommen.

Der motorisierte Verkehr zerschneidet den Lebensraum des Menschen und beeinflusst das Kommunikationsverhalten im Straßenraum. Zufällige Begegnungen und ein kurzer Tratsch vor der Haustür finden nur noch selten statt. Die bedrohliche Wirkung hoher Verkehrsbelastung beeinträchtigt außerdem das Gefühl vieler Menschen, sich in einer sicheren, angenehmen Umgebung zu bewegen. Aber auch rein physisch stellen Straßen eine Barriere dar. Die Folgen – weite Umwege wegen fehlender Querungsmöglichkeiten und dunklen Unterführungen sowie lange Wartezeiten an Ampeln – betreffen vor allem Fußgänger*innen und Radler*innen.

Was macht der VCD für mehr Flächengerechtigkeit?

Wir setzen uns für die Rückeroberung der Straße als Voraussetzung für lebenswerte Städte ein. Durch Aktionen im öffentlichen Raum werben wir für eine gerechtere Flächenverteilung: Mehr Platz für Radler*innen und Fußgänger*innen, weniger für Autos!

Neben der Online-Plattform und der Toolbox liegt der Schwerpunkt im Jahr 2019 auf der Veranstaltungsreihe 12qmKULTUR. Dafür widmen wir an mehreren Terminen einen öffentlichen Parkplatz um und bespielen ihn mit Kunst, Kultur und politischen Diskussionen. Der Straßenraum wird so wieder zu dem, was er sein sollte: Ein Ort der Kommunikation mit gesellschaftlicher und demokratischer Relevanz. Durch die temporäre Umwidmung wird die Straße aufgewertet und lädt zum Verweilen ein. Die positiven Effekte der Rückeroberung der Straße werden erleb- und sichtbar und regen im besten Fall eine Diskussion darüber an, wie unsere Städte in Zukunft aussehen sollen. Und wie wir ihre Flächen wieder gerechter verteilen können.