Park(ing) Day und Europäische Mobilitätswoche 2017

Autos teilen – Raum für Leben schaffen

„Gemeinsam nutzen bringt dich weiter“, so das Motto der Europäischen Mobilitätswoche 2017. Im baden-württembergischen Wiesloch nahm der VCD das zum Anlass, die Wieslocher über die Vorteile des Autoteilens zu informieren. Gemeinsam mit den Anbietern Stadtmobil Rhein-Neckar und Ford Carsharing präsentierte Manfred Stindl von der VCD-Ortsgruppe die Carsharing-Flotte und lud zur Probefahrt ein.

Foto: Pfeifer

Insgesamt zehn Fahrzeuge stehen den Wieslochern zur Verfügung, darunter auch ein Transporter. Auf die fünf Autos von Stadtmobil kommen ca. 50 bis 60 regelmäßige Nutzer – mit dem Konzept lässt sich also eine Vielzahl an Privatautos ersetzen.

Carsharing ist damit die ideale Ergänzung zu Fahrrad sowie Bus und Bahn: Private Autos stehen im Durchschnitt 23 Stunden am Tag ungenutzt herum – das Teilen ist also nicht nur wesentlich günstiger, sondern auch effizienter: Die Fahrzeuge besetzen weniger Stellplätze in der Stadt. So bleibt am Ende mehr Platz für die Gestaltung einer lebenswerten Stadt mit Raum für Kommunikation und kulturellem Leben.

Auch in anderen Städten kooperiert der VCD mit Carsharing-Anbietern. So beteiligte sich beispielsweise cambio am Park(ing) Day in Aachen und warb für eine Carsharing-Station mit drei Stellplätzen. In Erfurt und Dresden informierte teil-auto am Park(ing) Day und dem Autofreien Tag die Besucher über seine Angebote für Pendlerinnen und Gelegenheitsfahrer.

In Wiesloch jedenfalls ist das Carsharing schon ein alter Hut und nicht aus der Verkehrslandschaft wegzudenken: Das Konzept brachte der VCD schon 1996 in die Kleinstadt, angefangen mit nur einem Fahrzeug. Ein ehrenamtlicher Wagenwart hatte die Autoschlüssel noch persönlich übergeben. Damals wurden die Initiatoren belächelt, heute sind die „Teil-Autos“ gefragter denn je. Und dank Chipkarte und Bordcomputer kommen die Wieslocher inzwischen noch einfacher an ihre Carsharing-Fahrzeuge. In Kombination mit dem in den letzten Jahren ausgebauten Bus- und Bahnnetz und der zunehmend besseren Fahrradinfrastruktur können die Wieslocher längst infrage stellen, ob es wirklich noch ein eigenes Auto braucht.


Bürgersteige den Bürgern: Wie parkende Autos die Mobilität behindern

„Ich bin damals in den VCD eingetreten, weil ich mit dem Kinderwagen nicht mehr aus der Haustür gekommen bin.“ Katharina Maas räumt ein Windlicht, Thermoskannen sowie Tassen aus ihrer Tasche und stellt alles auf eine Tischgarnitur. Die befindet sich heute mal nicht wie gewöhnlich im Garten, sondern auf einem Parkplatz in der Bremer Neustadt. Gemeinsam mit dem ADFC veranstaltet der VCD am heutigen Septembertag den PARK(ing) Day und verwandelt Parkplätze in kleine öffentliche Stadtoasen.

Foto: VCD/Lea Gröger

„Die Kinder haben im Kiez auch gar keinen Platz mehr zum Spielen. Die parkenden Autos blockieren sämtliche Flächen!“ Sie deutet in eine kleine Nebenstraße des Buntentorsteinwegs. Dort parken auf beiden Seiten dicht an dicht Autos – jedoch nicht auf der Straße, sondern halb auf dem Gehweg. „Mit einem Kinderwagen kommst du da nicht mehr durch.“

Das Parken auf Gehwegen ist nicht nur in Bremen, sondern allgemein in deutschen Städten ein Problem. Viele Autofahrer parken auf dem Bürgersteig, damit sie den Verkehrsfluss auf der Fahrbahn nicht behindern. In der Tat ist das Parken am Straßenrand nicht erlaubt, wenn dadurch die Fahrbahn auf unter 3,05 Meter geschmälert wird – genau die Breite, die Rettungsfahrzeuge benötigen. Gleichzeitig aber muss auch der Weg auf dem Bürgersteig in jede Richtung ungehindert möglich sein. „Gehwegparken ist nur legal, wenn der Begegnungsverkehr zwischen Rollstuhlfahrern, Eltern mit Kinderwagen und Fußgängern dann immer noch möglich ist“, bestätigt Mathias Biemann, Vorstand des VCD Hessen, am Rande des Frankfurter Park(ing) Days. Allzu oft setzen sich die Autofahrer darüber hinweg, suchen sie doch händeringend nach einem Parkplatz. Vielen ist die Regelung nicht einmal bekannt. Und selbst die Ordnungsämter sehen regelmäßig über die Verstöße hinweg.

Immer mehr Bürgerinnen und Bürger empören sich jetzt dagegen. Im Frühjahr 2016 hat sich der Darmstädter Verein »weGErecht« gegründet, der sich im Namen des Fuß- und Radverkehrs für die konsequente Durchsetzung der geltenden Regeln einsetzt. „Parken auf Gehwegen ist kein Kavaliersdelikt, sondern für viele Menschen eine echte Gefahr und Einschränkung ihrer Mobilität", so Hans-Michael Hönig, Vorstandsmitglied von »weGErecht« und selbst Rollstuhlfahrer. Der Verein will es nicht länger hinnehmen, dass die Stadt geltendes Recht aufgrund des hohen Parkdrucks an vielen Stellen einfach ignoriert und kündigt an, für das Recht auf ungehinderte Mobilität auf den Bürgersteigen zu klagen.

Foto: VCD/Lea Gröger

Darüber hinaus hat sich in Darmstadt ein breites Bündnis von Initiativen gegen das Gehwegparken gebildet. In einem offenen Brief an den Verkehrs- und Nachhaltigkeitsausschuss der Stadt zeigen die Vereine die Vorteile autofreier Gehwege auf: Unter anderem würden sich die Menschen viel lieber draußen aufhalten und ihre Wege zu Fuß zurücklegen, sind sie dann doch besser auf dem Bürgersteig geschützt. Auch der geringere Schadstoffausstoß würde zu einer besseren Aufenthaltsqualität insbesondere in Wohngebieten beitragen. Kinder mit dem Fahrrad könnten die Gehwege gefahrlos benutzen. Ein konsequent durchgesetztes Parkverbot bringe zudem Einnahmen durch illegal parkende Fahrzeuge. Nicht zuletzt sind „autofreie Gehwege“ schon sprachlich eine Selbstverständlichkeit.

Die Verfasser des Offenen Briefes können sich vorstellen, das Gehwegparken unter bestimmten Umständen vorerst zu tolerieren. Ein Verbot wollen sie aber in jenen Straßen durchsetzen, in denen kein hoher Parkdruck besteht, nachweislich viele Fußgänger den Gehweg nutzen, ein Parkhaus in unmittelbarer Umgebung zur Verfügung steht, der Gehweg mit historischem Pflaster belegt oder eine Kita bzw. Schule in der Nähe ist. In Straßen mit hohem Bedarf an Parkplätzen darf die Antwort der Stadt nicht sein, die Regeln eigenmächtig zugunsten der Autofahrer zu lockern. Stattdessen muss sie ein durchdachtes Parkraummanagement einführen und den Parkdruck zum Beispiel mit bezahlpflichtigen Stellplätzen und Konzepten für das Anwohnerparken steuern.

In Frankfurt am Main arbeitet der VCD mit der Universität Kassel zusammen, um den Falschparkern etwas entgegenzusetzen. Dort erhebt Dr.-Ing. Carsten Sommer, Leiter des Fachgebietes Verkehrsplanung und Verkehrssysteme, für eine Studie in verschiedenen Städten die kommunalen Kosten für Parkraum – doch ausgerechnet Frankfurt nimmt daran nicht teil. Mathias Biemann aber gibt nicht auf: „Wir arbeiten für eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung in Frankfurt.“

Dass es Hartnäckigkeit braucht gegen das Gehwegparken in der Stadt, darüber sind sich alle einig. In Bremen erzählt Katharina Maas von der VCD-Aktion „Richtig parken“. In einer Straße, in der das Falschparken schon selbstverständlich geworden ist, parkten VCD-Aktive einfach mal richtig. Die absurde Konsequenz: die richtig parkenden Autos ließ die Stadt abschleppen.


Autofreie Städte? – Ohne den Rückhalt der Bürger geht es nicht

In einer lebenswerten Stadt muss Platz sein für die Menschen, die in ihr wohnen. Wege zu Fuß und auf dem Fahrrad können sicher zurückgelegt werden. Kinder haben die Möglichkeit draußen gefahrlos zu spielen. Der öffentliche Nahverkehr bringt uns schnell und kostengünstig von A nach B. Doch wie viel Platz gestehen wir noch den Autos zu? Gibt es eine Gleichberechtigung zwischen motorisierten und nicht-motorisierten Verkehrsmitteln? Oder dürfen private Pkw nur noch vor den Toren der Stadt parken, während drinnen autofreie Zone herrscht? Um diese Fragen zu klären, braucht es vor allem eines: die Bürgerinnen und Bürger.

Foto: VCD/Michael Schmiedel

Am Dienstag, den 19. September, ließ sich in Dresden beobachten, mit welch großem Interesse Bürgerinnen und Bürger solch entscheidende Fragen mitdiskutieren. Der VCD hatte im Rahmen der Europäischen Mobilitätswoche zu einer Diskussion über mögliche Diesel-Fahrverbote ins Dresdner Verkehrsmuseum geladen. Letztlich ging es aber um viel mehr: Wie muss die Mobilität in einer Stadt organisiert sein, damit wir gerne in ihr leben und weder uns noch die Umwelt gefährden?

Der Lichthof ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Vorne auf dem Podium sitzt Dresdens Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen unter Verkehrsexperten und beschreibt die Pläne der Stadt für die kommenden Jahre: „Wir wollen Mobilitätspunkte in Dresden schaffen — Orte, an denen verschiedene Dienstleistungen angeboten werden wie z. B. eine Ladesäule für E-Autos, Carsharing, ein Lastenrad-Verleih und vieles mehr.“ Statt auf Fahrverbote setzt Jähnigen auf ein ganzes Bündel von Maßnahmen, angefangen bei der Förderung des Radverkehrs bis hin zu Tempolimits. Dass sich etwas ändern muss, steht für sie außer Frage: „Die Atemwegserkrankungen in Dresden lassen sich eindeutig auf die Schadstoffbelastung der Luft zurückführen.“

Mit in der Runde sitzt auch Dorothee Saar von der Deutschen Umwelthilfe. Sie stimmt der Umweltbürgermeisterin in vielen Punkten zu, möchte Fahrverbote aber nicht grundsätzlich ausschließen: „Es müssen verbindliche Aussagen in den Luftreinhalteplänen getroffen werden. Die Fahrverbote setzen nun mal unmittelbar an der Quelle des Problems an. Dennoch braucht es eine Vielzahl an Maßnahmen, vor allem einen starken und sauberen öffentlichen Nahverkehr.“

Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des VCD, fügt hinzu: „Verkehr sollte sozial und umweltverträglich sein. Ziel sind nicht die Fahrverbote, Ziel ist eine saubere Luft. Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich die Straße zurückzuerobern! Das kann zum Beispiel über eine angepasste Parkraumbewirtschaftung erreicht werden. Diese Maßnahmen stoßen in der Regel zunächst auf Widerstand bei den Anwohnern, werden aber nach der Einführung oft positiv aufgenommen.“

Nach einer Stunde dürfen auch die Zuhörer zu Wort kommen. Sogleich entfacht sich eine hitzige Diskussion zwischen den Verteidigern des Automobils auf der einen Seite und den Verfechtern der autofreien Stadt auf der anderen. „Das ist doch alles Quatsch mit dem Diesel!“, ruft einer irgendwann, woraufhin ein älterer Herr ein Plädoyer für die Verkehrswende hält. „Die Innenstädte müssen wieder für Menschen gestaltet werden – autofrei und mit einer gut ausgebauten Radinfrastruktur.“

Am Ende versucht Gerd Lottsiepen die Gemüter zu beruhigen: „Wir wollen die Autos nicht per se verbieten, sondern kämpfen als VCD für die Freiheit, auch ohne eigenes Auto gut leben zu können. Wenn wir das erreichen, sieht die Welt besser aus als heute.“

Wie so eine Welt dann aussähe, konnten die Dresdner drei Tage zuvor am Autofreien Tag erleben. An dem Samstag wurde die Wilsdruffer Straße, die sich quer durch die Innenstadt zieht, für den Autoverkehr gesperrt. Verbände und Organisationen stellten Mobilitätsangebote vor, mit der eine autofreie Stadt möglich wäre. Der ADFC bot Probefahrten auf Lastenrädern an, die Dresdner VCD Ortsgruppe präsentierte eine Gondel von der Berliner IGA, um über eine mögliche Seilbahnstrecke über die Elbe aufs Messegelände zu informieren und der Verkehrsverbund Oberelbe stellte sein Projekt „PlusBus“ vor, das gerade für Pendler interessant sein dürfte, da hier feste Buslinien das Eisenbahnnetz ergänzen.
Außerdem hatten Besucher die Gelegenheit bei Bürgermeistersprechstunden mit Vertretern der Stadt Dresden ins Gespräch zu kommen. Kritiker und Befürworter einer autofreien Stadt konnten hier gleichermaßen ihre Sorgen und Wünsche loswerden.

Foto: VCD/Lea Gröger

Klar ist: Ohne den Rückhalt der Bürgerinnen und Bürger wird die Verkehrswende nicht gelingen. Es ist daher unerlässlich, sie bei Veränderungsprozessen einzubeziehen. Im Verkehrsmuseum durften die Dresdner am Ende der Podiumsdiskussion darüber abstimmen, wie sie zu Diesel-Fahrverboten stehen. Dafür wurden während der Diskussion kleine Styropor-Bälle verteilt, die die Besucher dann in eines von drei Gefäßen werfen konnten: gut, egal oder schlecht. Das Bild am Ende ist eindeutig: Während das grüne Glas der Befürworter bis zur Hälfte gefüllt ist, dümpeln am Boden des roten Glases mit der Aufschrift „schlecht“ nur ein paar wenige Kugeln herum.


Weg frei für Tempo 30

Immer mehr Städte wollen mehr Raum für Kommunikation, Entspannung und kulturelles Leben in den Straßen schaffen. Dazu müssen sie nicht nur mehr Fläche für Fußgängerinnen und Radfahrer zur Verfügung stellen. Sie müssen auch den Autoverkehr entschleunigen – mit Tempo 30. Was viele Autofahrer nicht wissen: Meist kommen sie dadurch nicht später ans Ziel.

Foto: VCD/Lea Gröger

Beim Bremer Park(ing) Day im Buntentorsteinweg erzählt Peggy Dieselkamp von ihrer Online-Petition, in der sie für genau diese Straße eine Tempo 30-Zone fordert: „Hier gibt es mehrere Kindergärten, eine Schule, betreutes Wohnen für junge Mütter, eine Senioren-Wohnanlage und eine große Behindertenwerkstatt. Durch den fehlenden Fahrradweg sind viele unsichere Fahrradfahrer und Mütter mit Kindersitzen auf der Straße. Zusammen mit den Straßenbahnen und den parkenden Autos birgt dies ein sehr hohes Unfallrisiko.“ Sie nutzt den Park(ing) Day, um für ihre Petition zu werben, damit sich endlich etwas ändert. Dabei stößt sie auf viele offene Ohren, auch andere wünschen sich mehr Tempo 30-Zonen in der Stadt: „Schon seit Juni 2016 setze ich mich dafür ein, dass in einer Straße in meinem Kiez Tempo 30 eingeführt wird. Das wird jetzt wahrscheinlich zum wiederholten Male abgelehnt, obwohl dort viele Familien wohnen und ein Altenheim an die Straße grenzt“, erzählt eine Anwohnerin, die ursprünglich aus Seattle stammt.

Der VCD fordert seit langem, dass Tempo 30 Basisgeschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften wird, nur so kommen die Vorteile von Tempo 30 voll zum Tragen. Der ständige Wechsel der Geschwindigkeiten und Staus machen den Straßenverkehr bei Tempo 50 oft unübersichtlich und unverständlich. Tempo 30 schafft Übersicht und sorgt für mehr Sicherheit auf unseren Straßen. Es gibt weniger Stop-and-Go-Phasen und weniger Staus, sodass der Verkehr mit Tempo 30 sogar noch flüssiger und gleichmäßiger läuft. Durch den kürzeren Bremsweg müssen Autos nicht zuletzt einen geringeren Sicherheitsabstand halten und geben damit Raum auf der Straße frei – mehr Platz also für ökologische Verkehrsmittel und für Aufenthalt, Begegnung und Kultur. Tempo 30 trägt folglich zu mehr Lebensqualität in den Städten bei.

Bisher muss nachgewiesen werden, warum die Geschwindigkeit auf bestimmten Strecken oder in bestimmten Gebieten abgesenkt werden soll, zum Beispiel in Wohngebieten oder vor Schulen. Um nicht mehr mühevoll Tempo 30-Zonen für einzelne Straßen beantragen zu müssen, wäre also die Festlegung von Tempo 30 als Basisgeschwindigkeit die Lösung. Das bedeutet im Klartext: Autos dürfen nur dort schneller fahren, wo der Bedarf an einer höheren Geschwindigkeit nachgewiesen und sichergestellt werden kann. Dadurch müssen Kommunen nicht mehr den Großteil aller Straßen überprüfen und beschildern, sondern nur noch den kleineren Teil Hauptstraßen mit wichtiger Verbindungsfunktion. Das würde den Fokus der Verkehrspolitik vom Auto in Richtung sicherer und komfortabler Mobilität für alle Menschen verschieben – egal, mit welchem Verkehrsmittel sie unterwegs sind.


Wenn Bürger auf Parkplätzen …

Irische Melodien erklingen über den Platz im Aachener Suermondtviertel. Die Straßenband »Precider« gibt traditionelle Irish Folk Lieder zum Besten. Wo sonst Autos am Straßenrand parken, sitzen Menschen zwischen Blumenkästen in Liegestühlen und hören der Musik zu. Anlässlich des Park(ing) Day haben heute der VCD und andere Initiativen an der Harscampstraße/Ecke Lothringerstraße Parkplätze für Autos gesperrt und den Raum stattdessen den Leuten zur Verfügung gestellt: zum Entspannen, Begegnen und Kaffeeklatsch abhalten.

Foto: VCD/Ole Kamm

Für Martin, den Sänger des Trios, war der Park(ing) Day bislang neu. „Anscheinend geht es um neue Verkehrsmöglichkeiten“, stellt er fest. Tatsächlich ist der Park(ing) Day ein seit 2005 international jährlich begangener Aktionstag, an dem Bürger und Initiativen alternative Nutzungsmöglichkeiten für Parkplätze aufzeigen und für eine nachhaltige Mobilität in den Städten werben. An jedem dritten Freitag im September gestalten Menschen Parkplätze zu grünen Oasen, Sitz- und Gastronomieflächen sowie Fahrradabstellplätzen um – und das weltweit.

Hier in Aachen regnete es am Vormittag noch. Inzwischen aber scheint die Sonne und trocknet die Pfützen. Zwischen den Infoständen vom VCD, ADFC und dem Carsharing-Anbieter Cambio wirbelt eine Frau mit kurzen grauen Haaren über den Platz. Sabine Neitzel ist im Vorstand des VCD in Aachen und wesentlich verantwortlich für die heutige Veranstaltung. Mal gibt sie Hinweise zum Bücherschrank, aus dem sich jede und jeder zum Schmökern bedienen kann. Mal hält sie einen kurzen Plausch mit Passanten. Immer blickt sie schelmisch durch ihre Brille. Was sie mit der heutigen Aktion im Suermondtviertel erreichen will? „Wir zeigen, wie das Viertel mit mehr Platz für die Menschen sein könnte. Die Situation für Radfahrer an der Lothringerstraße ist sehr chaotisch. Heute haben wir eine Beschilderung vorgenommen, die es möglich macht, bequem durchzufahren und eine Verbesserung erfahrbar macht.“

Um die Situation der Radfahrer im Viertel zu verbessern, hatte der VCD das Konzept für ein Radvorrangroutennetz entwickelt. Das bedeutet im Wesentlichen mehr Platz für Radfahrer und Vorfahrt an den meisten Kreuzungen, auffällig gestaltete Fahrradstraßen und eine langfristig gesicherte hohe Qualität. Den Entwurf haben Sabine Neitzel und der VCD schließlich mit einem Bürgerantrag in die politischen Gremien eingebracht. Mit Erfolg: Die Stadt Aachen nimmt Vorschläge aus dem Konzept auf und will das Suermondt-Viertel unter dem Motto »Quartier in Bewegung« urbaner, kreativer und vielfältiger gestalten. Neben einer Radvorrangroute will sie dafür auch einen „Premiumweg“ für Fußgänger durch das Viertel führen. Wie genau das aussehen soll, stellt die Stadt auch heute mit einem Infostand vor und tritt mit den Bürgern in Dialog – ein demokratischer Austausch, für den Verbände wie der VCD gesorgt haben.

Foto: VCD/Ole Kamm

„Entschuldigen Sie, einmal die Dame! Darf ich Sie ein Stück mit der Rikscha fahren? Heute zahlt der VCD.“ Ein junger Mann in Fahrradhosen steht neben seinem überdachten Fahrrad mit zwei Rücksitzen hinter dem Sattel und wirbt für eine kleine Spritztour. Philipp Fichtner hat einen Humor, der um die Ecke geschlichen kommt. Er lacht laut und spielt den Entertainer für seine Fahrgäste. Heute hat ihn der VCD mit seiner Fahrradrikscha engagiert, um interessierte Passanten die geplante Radvorrangroute entlangzufahren und ihnen die Strecke zu zeigen. Sonst ist er mit seiner „Tourikscha“ in ganz Aachen unterwegs. Gerade diskutiert er mit den zwei Studenten Sven und Henning, die in den Liegestühlen ihr Pils genießen. „In Aachen mit dem Bus fahren grenzt an Masochismus.“ – „Ja, das liegt aber an den vielen Ampeln“, entgegnet Sven. „Und die gibt es nur, um den Autoverkehr zu ordnen. Gäbe es weniger Autos, hätten auch Bus und Bahn freie Fahrt.“ Sven stammt ursprünglich aus Düsseldorf und studiert seit 2011 in Aachen im Bereich Verkehrsplanung. „Diese Autofixiertheit in Deutschland geht mir auf die Nerven. Aachen hat ja das Privileg an der Grenze zu den Niederlanden zu liegen. Jedes Mal, wenn ich da in den Städten bin, frag ich mich, warum es da so schön ist. Und dann komme ich wieder nach Deutschland und hier sind nur die Altstädte schön. Gerade in den umliegenden Vierteln können die deutschen Städte noch viel mehr für unsere Lebensqualität tun.“

Wege zu einer lebenswerteren Stadt aufzeigen und den Dialog zwischen Bürgern, Kommune und Vereinen schaffen: Dafür ist der jährliche Park(ing) Day ein hervorragender Anlass. Sabine Neitzel jedenfalls ist zufrieden: „Da steckt natürlich auch Arbeit drin, so eine Veranstaltung zu organisieren. Aber wenn ich sehe, wie den Besuchern ein Licht aufgeht – Na klar, warum sollen hier überall nur Autos rumstehen, statt den Platz sinnvoller zu nutzen –, dann weiß ich: Der Aufwand hat sich gelohnt.“ Während sie das sagt, schaut sie wieder verschmitzt durch die Brille und sucht schon nach der nächsten Aufgabe, bei der sie mit anpacken kann.


Wer mehr Platz fürs Rad sät, wird Lebensqualität ernten

Es wird eng in unseren Städten. Immer mehr Menschen ziehen ins Urbane oder pendeln täglich aus dem Umland in die Stadt. Die Straßen ersticken im Autostau und die Menschen in der von Stickoxiden und Feinstaub verschmutzten Luft. Die Kommunen stehen vor dem Problem: Wie schaffen sie Platz für Orte, an denen sich Menschen begegnen und aufhalten, Kinder sicher spielen und ihre Eltern und Großeltern an der frischen Luft schwatzen können? Eine einfache wie verlockende Antwort: mit dem Fahrrad.

Foto: dpa

Wie das aussehen kann, hat der VCD während der jährlichen Europäischen Mobilitätswoche vom 16. bis 22. September 2017 in Köln gezeigt. Gemeinsam mit anderen Verbänden ließ er auf den Kölner Ringen zwischen Zülpicher und Friesenplatz den rechten Fahrstreifen Richtung Stadtmitte einen Tag lang für Autos sperren. Stattdessen konnten Radfahrer dort auf der Fahrbahn fahren, wo sie sich sonst den Bürgersteig mit den Fußgängern teilen müssen.

„Wir wollen zeigen, dass unser Konzept funktioniert“, sagt Pierre Beier vom VCD Köln. Er ist Mitbegründer der Initiative #RingFrei, die die Kölner Ringe mit der Verlagerung des Radverkehrs wieder zu einem Raum mit Aufenthaltsqualität machen will. Damit greift sie den bereits vor zwei Jahren entwickelten Zehn-Punkte-Plan für die Kölner Ringe auf, den die Stadt aber bislang nicht umsetzen wollte.

Dabei verpasst sie eine große Chance für den öffentlichen Raum: Selbst, wenn ein Auto nur mit Tempo 25 durch die Stadt fährt, verbraucht es durch den nötigen Sicherheitsabstand immer noch 60 Quadratmeter Fläche – ein Fahrrad nur etwa zwölf Quadratmeter. Fahren also mehr Menschen mit dem Rad statt mit dem Auto, wird mehr Platz frei für Kommunikation, Kultur, Spiel und Entspannung in der Stadt. „Wenn mehr Fahrräder auf Kölns Straßen unterwegs sein sollen, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass dies möglich ist“, so Beier.

Auch in Erfurt nutzte der VCD die Europäische Mobilitätswoche, um ein besseres Bewusstsein für die gesellschaftlichen Vorteile des Radverkehrs zu schaffen. Am Internationalen Park(ing) Day zeigte er gemeinsam mit anderen Akteuren der ökologischen Mobilität, wieviel Platz Autos in der Stadt durch Parkflächen verbrauchen und wofür die Menschen diese besser nutzen könnten: zum Beispiel für Brettspiele, Riesenmikado und Tischtennis unter freiem Himmel oder für klimaschonende Mobilität mit Lastenfahrrad. „Der Radverkehr soll Selbstverständlichkeit in Erfurt werden“, sagt Falko Stolp vom VCD in Erfurt über seine Motivation an diesem Aktionstag. „Bisher wird er immer nur zusätzlich behandelt, dabei müsste er voll integriert werden.“

In Köln genossen die Menschen den Raum zum Flanieren, den die Aktion der Initiative #RingFrei geöffnet hatte. Für einen der begeisterten Radler steht fest: „Wer Fahrradstraßen sät, wird Radfahrer ernten.“ Dies aber erfordert eine dauerhafte Lösung und das weiterhin unnachgiebige Engagement der Bürger für eine lebenswertere Stadt.