Vierzig Jahre VCD | VCD-Magazin 03/2026

40 Jahre VCD: Raus aus dem Betondenken!

Die Gründung des VCD 1986 war Pionierarbeit: Kein anderer Verband hat die Verkehrswende stärker in die öffentliche Debatte getragen. Heute braucht es seine Impulse mehr denn je.

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fairkehr-Magazin 03/2026 VCD Kernforderungen für die Verkehrswende Verkehrspolitik

Ein Sommertag im Juni 1979: Mitten in der Ölkrise führt US-Präsident Jimmy Carter eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten auf das Dach des Weißen Hauses. Stolz präsentiert er ihnen eine neu installierte Solaranlage. Den Anwesenden diktiert der Präsident eine klare Alternative ins Notizbuch: „In einer Generation kann diese Sonnenheizung entweder eine Kuriosität sein, reif fürs Museum, ein Beispiel für einen unbegangenen Weg“, so Carter. „Oder sie könnte ein kleiner Teil eines der größten und aufregendsten Abenteuer werden, das das amerikanische Volk je unternommen hat: Wir nutzen die Energie der Sonne, um unser Leben zu bereichern, während wir uns von unserer Abhängigkeit von importiertem Öl befreien.“

Sieben Jahre später weht im Weißen Haus ein ganz anderer Wind. Carters Nachfolger Ronald Reagan lässt die Solarzellen wieder vom Dach entfernen. Er setzt auf einen von Öl und Gas befeuerten Turbokapitalismus. Unter seiner Führung machen die Fossilkonzerne einen Reibach, dass Dagobert Duck vor Neid erblasst wäre. Wir schreiben das Jahr 1986 - das Gründungsjahr des VCD. Das Abwickeln von Natur- und Klimaschutz, wachsende Ungleichheit und „Drill, Baby, drill“: Kommt Ihnen das bekannt vor? Richtig: 1986 hat mehr mit unserer Gegenwart zu tun, als uns lieb sein kann.

Die Anekdote von zwei Präsidenten und einer Solaranlage erinnert uns auch daran, dass Fortschritt kein Selbstläufer ist. Er muss immer wieder politisch erkämpft werden. Wer wüsste das besser als der VCD nach vier Jahrzehnten Einsatz für die Mobilitätswende?

Der unbegangene Weg

In Deutschland beherrschen 1986 Reagan und Gorbatschow die Schlagzeilen. Aber auch das Ozonloch, die giftigen Chemikalien, die nach der Sandoz-Katastrophe den Rhein runterfließen, und die Explosion des Atomreaktors in Tschernobyl. Das Thema Umwelt ist in aller Munde. Und während die Konfliktlinie zwischen Kapitalismus und Sozialismus langsam verblasst, rückt eine andere immer schärfer in den Fokus: die zwischen rücksichtslosem Wirtschaften und dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen. Denn wenn eines die beiden Seiten des Eisernen Vorhangs verband, dann, dass sie beide dreckig und zerstörerisch waren.

Kein Wunder, dass die Umweltbewegung zu diesem Zeitpunkt bereits stark war und neue Institutionen hervorbrachte: Wenige Wochen nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl bekam Deutschland ein Umweltministerium. Kurz darauf, am 19. Juli 1986, hoben Mitglieder der Grünen und von Umweltverbänden gemein sam mit einigen Sozialdemokraten den VCD aus der Taufe.

Ein ökologischer Verkehrsclub? Das war, um es in Carters Worten zu Heute zeigt sich, wie wegweisend die Gründung des VCD war. sagen, ein unbegangener Weg. Heute zeigt sich, wie wegweisend diese Idee war. Von der Klimakrise bis zum Kommunalwahlkampf, überall steht das Thema nachhaltige Mobilität im Zentrum der Debatten. Der VCD hat sie unermüdlich angestoßen: auf der großen Bühne in Bonn und später in Berlin; aber durch seine vielen Aktiven auch vor Ort – in Gemeinderäten, Bürgerveranstaltungen und auf Stadtfesten.

Neue Perspektiven gesucht

Mit seiner Gründung schloss der Verband eine klaffende Lücke: Es gab Bahnfahrer, aber niemanden, der sich für erschwingliche Tickets ein setzte. Radfahrerinnen, aber niemanden, der auf bessere Radwege pochte. Menschen im Rollstuhl, aber niemanden, der für Barrierefreiheit kämpfte. Auch die politischen Interessen von ÖPNV-Nutzerinnen und umweltbewussten Autofahrern hatten keinen Ort, an dem sie sich bündeln konnten.

Darüber hinaus besetzte der VCD eine Leerstelle in der politischen Fantasie: Niemand konnte und wollte sich eine Mobilität vorstellen, die nicht von Betondenken und Benzingeruch dominiert war. Dem stellte der VCD den schonenden Umgang mit Ressourcen und eine Mobilität für Menschen entgegen.

Noch wichtiger, als sich für bestimmte Verkehrsträger einzusetzen, war die Mission, das autozentrierte Denken aufzubrechen. Wenn es eine Grundoperation gibt, die der DNA des VCD entspricht, dann der Perspektivwechsel: Der Verband sei „kein blinder Unterstützer der Bundesbahn und auch kein sturer Autofeind“, erklärte der Mitgründer Hans-Werner Senff damals gegen über dem „Spiegel“. „Wir sind nur die enge Windschutzscheiben-Perspektive leid.“

Diese Sicht auf Verkehrspolitik prägt den VCD bis heute. Wie erleben Kinder ihren Schulweg? Radfah rer*innen den Stadtverkehr? Blinde ihren Arbeitsweg? Was bedeutet es für Menschen mit wenig Geld, wenn Bus- und Bahntickets immer teurer werden? Diese Fragen trägt der Verband unermüdlich in die Öffentlichkeit – immer mit dem Anspruch, das Ressortdenken zu über winden und ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte der Mobilität ganzheitlich anzugehen.

Die doppelte Buchführung 

Vierzig Jahre engagierte Verkehrspolitik – und wo steht Deutschland heute? Am treffendsten beschreibt es wohl der erste Satz von Charles Dickens' Roman „A Tale of Two Cities“: „It was the best of times, it was the worst of times.“ Ohne Zweifel sehen wir große Fortschritte. Gleichzeitig stemmen sich die Beharrungskräfte nach wie vor mit großer Wucht gegen eine umwelt- und menschengerechte Ver kehrspolitik. Wer Bilanz ziehen will, muss also doppelte Buchführung betreiben.

Auf der Haben-Seite: Vieles, wofür sich der VCD erfolgreich ein gesetzt hat, wäre 1986 zwar denkbar, aber kaum zu hoffen gewesen. Drei Beispiele seien genannt: Wir erleben die letzten Jahre des Verbrennermotors. Das Aus für diese Technologie ist in allen europäischen Ländern Beschlusslage und wird kommen, so oder so. Die E-Mobilität setzt sich auf breiter Linie durch, getrieben durch die globale Energie wende und volatile Ölpreise. Was der VCD mit seiner Auto-Umweltliste lange eingefordert hat, wird Realität: E-Autos sind das neue Normal.

Während 1986 noch kein einziger Katalysator auf Deutschlands Straßen fuhr, gelten heute strenge Standards und Grenzwerte. Der giftige Smog aus Autoabgasen und Kohlestaub, der in den 80er-Jahren über deutschen Städten hing, ist Vergangenheit. Das Deutschlandticket hat den Nahverkehr revolutioniert: Erstmals gibt es eine über Verbund- und Ländergrenzen hinweg gültige Fahrkar te für ÖPNV und Regionalverkehr. Auch dafür hat sich der VCD lange eingesetzt. Zwar bleibt die Finanzierung zwischen Bund und Ländern umstritten; aber diejenigen, die ein solches Ticket im föderalen Deutschland für unmöglich erklärt haben, sind widerlegt.

Rote Zahlen, grüne Zukunft

Auf der Soll-Seite steht die Deutsche Bahn an oberster Stelle. Bereits 1986 war klar, dass die Bahn in der Bundespolitik keine Priorität hatte. Aber ein Systemversagen, wie wir es heute erleben, war unvorstellbar. Hätte man mal auf den VCD gehört. Aber seine Warnungen wurden in den Wind geschlagen – ob vor einer Kostenexplosion bei Stuttgart 21, vor dem Rückbau des Gleisnetzes in den 1990er-Jahren oder vor veränderten Konzernstrukturen, die zu Fehlanreizen führten und zulasten der Fahrgäste gingen.

Weitgehend unangetastet blieb auch das stahlharte Gehäuse der Autoförderung in Deutschland. Subventionen, Verkehrsrecht, die Verkehrsplanung des Bundes sowie die Verfilzung von Spitzenpolitik und Autoindustrie sorgen weiter dafür, dass Verkehrspolitik in Deutschland noch immer gleichbedeutend mit Autopolitik ist.

Auf groteske Weise offenbart sich diese „Autonormativität“ beim Tempolimit: von der Mehrheit gewollt, gut für Leib, Leben und Klima, weltweit selbstverständlich – und trotz dem nicht umgesetzt. Man hat wohl Angst, dass die ganze Konstruktion wackelt, wenn ein Dominostein fällt. Ist das stahlharte Gehäuse am Ende poröser, als es den Anschein hat?

Mit dem Entwurf für ein Bundesmobilitätsgesetz hat der VCD schon vor Jahren ein Werkzeug zur Verfügung gestellt, um die Verkehrspolitik endlich auf Menschen statt auf Autos auszurichten. Jede künftige Regierung kann es einfach verabschieden. Die dicksten roten Zahlen in der Verkehrswendebilanz schreibt der Klimaschutz. Die Emissionen in Deutschland sinken – nur der Verkehrssektor stagniert. Die Bundesregierung verschließt weiter systematisch die Augen und hofft, verschleppter Klimaschutz helfe dem Industriestandort – eine vielfach widerlegte Annahme, für die das Land noch teuer bezahlen wird. Falls keine rasche Kurskorrektur kommt. Die riesigen Schäden, die Dürre, Waldbrände und historisch niedrige Pegel stände derzeit in Europa anrichten, sprechen für sich.

Angesichts der Klimakrise und der blanken Weigerung des Establishments, eine positive, zukunftsgewandte Verkehrspolitik zu machen, braucht es den VCD als gestaltende Kraft mehr denn je. In den kommen den Jahren modernisiert Deutschland seine Infrastruktur. Dabei werden Richtungsentscheidungen getroffen, die unsere Mobilität auf Jahrzehnte hinaus prägen werden. Die Vorstellung, dass dieses Land weiter mit klimaschädlichen Subventionen und Autbahnbau Geld verbrennt, statt in eine lebenswerte Zukunft für seine Bürger*innen zu investieren, ist unerträglich.

Für einen Perspektivwechsel bedarf es heute eigentlich nur eines nüchternen Blicks auf die Realität. Viele Menschen in Deutschland haben ihn bereits vollzogen oder sind dabei, dies zu tun. Der VCD hat die klare Aufgabe, sie anzusprechen, mitzunehmen und zu vertreten.

Übrigens sind auf dem Dach des Weißen Hauses heute wieder Solarzellen installiert. Ausgerechnet George W. Bush ließ sie während seiner Amtszeit anbringen.

Zukunftsvisionen: Die Bilder in dieser Titelstrecke

Der Hamburger Künstler Jan Kamensky bezeichnet sich selbst als visuellen Utopist. Seit 2020 gestaltet er einzigartige Animationen, in denen er spielerisch die Umwandlung von autogerechten Straßen in menschenfreundliche Orte visualisiert. In dieser Titelstrecke zeigen wir einige seiner Werke. Seine animierten Utopien finden Sie unter vimeo.com/jankamensky

Autor

Tim Albrecht

ist Redakteur, Berater und Coach für Kommunikation rund um die Themen Nachhaltige Mobilität & Urbane Transformation. Er arbeitet bei der fairkehr-Agentur in Bonn und ist seit 2025 Chefredakteur des VCD-Magazins fairkehr.

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