Vierzig Jahre VCD | VCD-Magazin 03/2026
„Zivilgesellschaft muss Klimaziele durchsetzen“
fairkehr-Magazin 03/2026 Mobilitätsbildung
fairkehr: Wie seid ihr mit dem VCD in Berührung gekommen?
Janna: In meinem Bachelorstudium. Durch VCD-Publikationen wie „Wohnen leitet Mobilität“, in denen Zusammenhänge sehr gut erklärt werden. Ich habe den VCD als faktenorientiert und solide wahrgenommen, das fand ich gut.
Michael: Als sich der VCD gegründet hat, habe ich mich gleich angeschlossen. Ich fand gut, dass der VCD Verkehrspolitik so sieht, wie sie ist. Es gibt nicht nur Autos, es gibt auch Zufußgehende, es gibt Radelnde, es gibt die Öffis und so weiter. So einen Verband gab es nicht. Beim ADAC ging es nur um Auto, Auto, Auto.
Kay: Ich komme aus der Klimabewegung, habe 2019 eine FridaysforFuture-Ortsgruppe in der Nähe von Hannover aufgebaut und in Lützerath gegen die Braunkohle protestiert. Als die Proteste 2022 nach dem unrühmlichen Ende des Dorfes eingestellt wurden, haben wir uns dem Thema Mobilität zugewandt. Meine Heimat Niedersachsen sperrt sich gegen den Ausbau wichtiger Bahnstrecken wie Hamburg – Hannover und Hannover – Bielefeld. Bei den Protesten gegen diese Blockadepolitik – unter anderem durch Lars Klingbeil – bin ich auf den VCD aufmerksam geworden
Michael, Janna: Was hat euch beim Thema Mobilität politisiert?
Michael: Ich konnte als Kind schon früh schwimmen. Aber in Ennepetal, wo ich aufgewachsen bin, gab es kein Schwimmbad, ich musste mit dem Rad nach Gevelsberg fahren. Deshalb war Fahrradfahren für mich immer bedeutsam. Als ich später als Lehrer in Berlin arbeitete, war ich zunächst der Einzige im Kollegium, der zur Schule radelte. Deshalb habe ich immer beobachtet: Wer setzt sich fürs Fahrrad ein und wer nicht?
Janna: Ich bin in einer ostfriesischen Mittelstadt aufgewachsen. Da war Radfahren normal, niemand kam auf die Idee, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Als ich später für die Ausbildung nach Augsburg gegangen bin, habe ich festgestellt: Ich bin quasi die Einzige. Auf einmal war Fahrradfahren gefährlich. Ich dachte: Das kann doch nicht sein, dass das in meiner Heimatstadt total normal und sicher ist und hier nicht. Da hab ich zum ersten Mal überhaupt festge stellt, dass Verkehr politisch ist.
Wo stehen wir aus eurer Sicht bei der Mobilitätswende?
Michael: Die Verkehrswende-Themen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch die Fahrradinfrastruktur ist gewachsen. Aktuell ist Deutschland aber sowas von zurück, das ist unglaublich. Dass es immer noch kein Tempolimit gibt, ist eine Katastrophe. Auch Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten, die wir im Europäischen Parlament mit riesengroßer Mehrheit nachdrücklich empfohlen haben, wird nicht umgesetzt. Und in Berlin? Werden bereits geplante Radwege gestrichen, und während die Preise für die Öffis und das Deutschlandticket immer teurer werden, bleibt das Anwohnerparken viel zu billig. Bereits seit 2008 kostet es 10,20 Euro pro Jahr!
Janna: Ich beobachte die Rückschritte auch. Aber der Trend geht in die richtige Richtung. Wir haben mittlerweile eine ganze Reihe Pflöcke eingeschlagen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Der ADAC in Hamburg spricht sich regelmäßig für Radwege und Flächenumverteilung aus. Wenn gerade solche Player sich für den Umweltverbund aussprechen, ist das ein riesiger Schritt. Und wie lange haben wir in der Landespolitik debattiert, wie wir in den norddeutschen Bundesländern ein gemeinsames Nordticket für den ÖPNV hinbekommen könnten. Ein halbes Jahr später gab es das Deutschlandticket. Entwicklungszyklen gehen immer durch kleine Täler, dann geht es wieder bergauf. Wir können das Tal nicht verhindern, aber wir können mit beeinflussen, wie tief es wird und wie schnell wir da wieder rauskommen.
Michael: Ja, wenn mir vor vier Jahren jemand gesagt hätte, es wird ein Ticket geben, das in ganz Deutschland gilt, hätte ich gesagt: „Träum weiter!“ Das war das einzig Positive an Corona.
Kay: Aus der Klimaschutzperspektive tut sich im Verkehr leider herzlich wenig. Die Emissionen stagnieren seit Langem, da gibt es noch viel zu tun. Beim Thema Bahn sehe ich das ein Stück weit exemplarisch: Bereits beschlossene Bahnprojekte scheitern später oft an der Finanzierung. Das ist fatal, denn dann lösen sich die entsprechenden Projektteams bei der DB InfraGO auf und es passiert erst mal jahrelang nichts. Dabei müssen wir die großen Projekte jetzt an gehen, damit sie bis 2040 oder 2045 auch fertig sind. Das verursacht übrigens auch volkswirtschaftliche Schäden, die nicht gering sind. Vor ein paar Wochen hatten wir Berichte aus Niedersachsen über Stahlunternehmen, die ihre Transporte nicht mehr abwickeln können, weil die Bahn so unzuverlässig geworden ist.
Welche Positivbeispiele seht ihr?
Kay: Mir fällt da die Hamburger Hochbahn ein. Die baut mit der Linie U5 eine vollautomatische U-Bahn, die im 90-Sekunden-Takt fahren kann. Das ist auch ein Großprojekt, aber die liegen im Zeitplan, wollen 2040 fertig werden. Hamburg muss bis 2040 klimaneutral werden, diesen Zukunftsentscheid haben wir als Zivilgesellschaft maßgeblich mit initiiert. Da wird der Mobilitätssektor eine wahnsinnig große Rolle spielen müssen, und Hamburg stellt sich dieser Aufgabe.
Janna: Genau hier liegt eine klare Aufgabe für Verbände wie den VCD. Die Zivilgesellschaft hat die Politik verpflichtet, die Klimaneutralität auf 2040 vorzuziehen. Aber jetzt ist die Frage: Wie setzen wir diese Pflicht auch durch? Von der Opposition aus CDU und Co hört man schon, das könnte noch mal ordentlich nach hinten verschoben werden.
Michael: Das erinnert mich an Berlin. 1989/90 hatten wir eine rot grüne Koalition, mit der haben wir 40 Kilometer Busspuren realisiert. Und 80 Prozent aller Straßen wurden Tempo-30-Straßen. Da gab es ein halbes Jahr lang Aufstand von den Konservativen, dann haben sie gemerkt: Das ist toll und wird akzeptiert. Als danach eine Große Koalition kam, haben die in fünf Straßen wieder Tempo 50 eingeführt, mehr nicht. Dass das so nachgelassen hat, ist schade. Auch in der Ampel hätten SPD und Grüne mehr durchsetzen können. Die FDP war gegen ein Tempolimit. Es hat mich geärgert, dass die anderen nicht gesagt haben: „Okay, wenn ihr kein Tempolimit auf Autobahnen wollt, dann wollen wir Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in der Stadt, für die schon 2007 auch alle Abgeordneten von CDU, CSU, und FDP im Europaparlament votiert haben.“ Das wäre eigentlich der Kompromiss gewesen.
Janna: Klimaschutz sollte keine Parteipolitik sein. Michael, denkst du, es ist Teil des Problems, dass das Thema allein mit den Grünen identifiziert wird?
Michael: Ja, dabei ist das Quatsch. Im Europäischen Parlament hatte ich ein gutes Verhältnis zu zwei Parlamentariern der CDU. Der eine war Kinderarzt, der andere Biobauer. Die waren immer auf meiner Seite und haben in ihren Fraktionen an ders argumentiert. Wir haben da viel durchgesetzt. Wer leidet denn unter mangelndem Klimaschutz? Das trifft alle! Das haben wir doch jetzt erst gesehen bei der großen Hitzewelle. Es kann doch nicht sein, dass man sagt: „Ja, die bekloppten Grünen, die wollen wir nicht unterstützen!“
Wie holen wir das Klimathema aus der Kulturkampf-Ecke raus?
Kay: Ein Stück weit passiert das schon, zumindest auf europäischer Ebene. Der europäische Emissionshandel ist zum Beispiel ein Instrument, das schon wahnsinnig viel Wirkung gezeigt hat. Und weil es ein marktgetriebenes Instrument ist, überzeugt es auch viele Konservative.
Janna: Genau. Offensichtlich gute Dinge wie Photovoltaik sind ein Selbstläufer geworden. Gar nicht aus der Klimaperspektive, sondern aus einer reinen Geldperspektive. Die Wirtschaft hat die Politik komplett überholt.
Michael: Da stimme ich zu. Als wir im Jahr 2000 das Erneuerbare Energien-Gesetz eingeführt haben, hatten wir fünf Prozent Erneuerbare. Ich habe damals geträumt: „Wenn wir in zwanzig Jahren bei zwanzig Prozent sind, das wäre doch super.“ Heute sind wir bei sechzig Prozent, das ist ein Wahnsinnsfortschritt!
Kay: Es wird in den nächsten Jahren viel darum gehen, die Erfolge wie den Emissionshandel oder auf nationaler Ebene das Deutschlandticket zu verteidigen und weiterzuentwickeln, wo Konsens besteht. Beim Thema Bahnfinanzierung sehe ich da auch Möglichkeiten. Derzeit sind sich alle einig, dass bei der Bahn was passieren muss. Wir brauchen eigentlich eine Finanzierung wie in Österreich oder der Schweiz, da sind sich die Verbände weitgehend einig. Von solchen Konsensprojekten ausgehend kann eine Wende im Mobilitätsbereich gelingen.
Welches Verkehrswende-Thema verdient mehr Aufmerksamkeit?
Janna: Für mich eindeutig das Thema Parken. Wir haben so viele Autos, die rumstehen. Die Zulassungszahlen steigen weiter, gleichzeitig werden die Autos seltener bewegt. Dabei ist es ganz einfach: Gibt es keinen Parkplatz, kann ich das Auto auch nicht nutzen. Parken hat also eine enorme Hebelwirkung. Da fehlt aber oft der Mut. Es heißt immer: „Wir brauchen erst gute Alternativen, bevor wir beim Parken etwas machen können“, aber das ist ein Irrglaube. Wir können nicht beides fördern: das Autofahren und den ÖPNV. Das ergibt auch finanziell keinen Sinn, denn dann habe ich gar keine Steuerungswirkung. Es ist das Gleiche beim Autobahn- und Bahnausbau: Wenn ich beides gleichzeitig mache, gebe ich doppelt so viel Geld aus und schaffe doppelt so viel Infrastruktur. Gerade erst haben wir wieder mal in einen Tankrabatt investiert, obwohl das Deutschlandticket ja weiterläuft. Damit haben wir das Potenzial für den Umstieg auf die Bahn nicht aus geschöpft.
Michael: Ja, die Autos stehen rum, nur eine halbe Stunde am Tag fahren sie. Das geht alles zulasten der Öffentlichkeit und müsste gerechter sein, auch die Parkgebühren. In skandinavischen Städten sind die Gebühren zum Beispiel ungleich höher als bei uns. Und mit dem Geld können sie auch die Alternativen finanzieren.
Janna: Wir sollten Maßnahmen immer koppeln, und zwar möglichst konkret. „Für diesen Parkplatz pflanze ich dir einen Baum. Der wird dir Schatten spenden, und in deinem Zu hause wird es kühler sein. Wenn wir weniger für Autobahnen ausgeben, sollten wir das Geld in die Bahn investieren und Bahnfahren für alle besser machen. Ich glaube, nur das eine zu erzählen, funktioniert nicht.
Michael: Am Anfang gibt es immer Widerstände, aber man muss in die Zukunft denken. Als die Mauer fiel, hatten wir sofort die Idee: Da, wo jetzt die Mauer ist, wollen wir einen Radweg. Erst waren alle dagegen, sie wollten von der Mauer nichts mehr wissen. Zehn Jahre später habe ich eine einstimmige Mehrheit im Abgeordnetenhaus für den Mauerweg bekommen. Heute ist er 160 Kilometer lang, und man kann auf dem Weg Geschichte, Politik, Natur und Kultur im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rad erfahren. Da kommen jetzt ganz viele Touristen und schauen sich das an.
Janna: Michael, würdest du sagen, um Allianzen über Parteigrenzen hinweg zu schmieden, ist der persönliche Kontakt besonders wichtig? Also auf Leute zuzugehen, sich mit denen zu unterhalten und auch mal ein Bierchen zu trinken?
Michael: Ja, die persönliche Kommunikation spielt eine große Rolle. Das war in meiner politischen Tätigkeit immer ganz wichtig, egal ob im Berliner Abgeordnetenhaus oder im Europaparlament.
Kay: Ich kann das ein Stück weit bestätigen. Meinem Eindruck nach arbeitet die Branche und die gesamte Bahnpolitik teilweise gegeneinander. Dabei haben alle eigentlich dasselbe Ziel, nämlich dass die Bahn besser wird. Das zu bündeln, gerade durch persönliche Kontakte über Verbands- und Parteigrenzen hinweg – das wird, glaube ich, in den kommenden Jahren sehr wichtig sein, um die Mobilitätswende zu schaffen.
Autor

Tim Albrecht
ist Redakteur, Berater und Coach für Kommunikation rund um die Themen Nachhaltige Mobilität & Urbane Transformation. Er arbeitet bei der fairkehr-Agentur in Bonn und ist seit 2025 Chefredakteur des VCD-Magazins fairkehr.




vcd.org