Ein Ticket für alles: Die EU will die Zugbuchung erleichtern

Fahrgastrechte | VCD-Magazin 02/2026

"Drittanbieter müssen eine faire Chance bekommen"

Verloren im Buchungsdschungel: Bahnfahren in Europa ist kompliziert. Bringt das „Single Ticket“ der EU jetzt die Wende? Der Bahnexperte Jon Worth hält andere Aspekte für entscheidender.

| VCD-Magazin fairkehr
fairkehr-Magazin 02/2026 Bahn Digitalisierung Tourismus Verkehrspolitik

„Grenzüberschreitende Zugreisen sind für viele Bürger immer noch zu schwierig.“ So schrieb Ursula von der Leyen in den politischen Leitlinien für die EU-Kommission. Und hatte recht damit: So können Bahnreisende in der DB-App etwa nicht alle internationalen Fernverbindungen am Stück buchen und bezahlen. Und wer einen Eurostar wegen eines ICEs verpasst, hat keinen Anspruch darauf, einen Teil des Fahrpreises erstattet zu bekommen. Jetzt hat die Kommission reagiert und eine Verordnung entworfen, um die Buchung internationaler Bahnreisen zu vereinfachen und die Fahrgastrechte zu stärken. Wir haben bei Jon Worth nachgefragt, wie er die Pläne einschätzt, woran es bisher gehakt hat und wie das europäische Bahnsystem kundenfreundlicher wird.

Zur Person

Der Deutsch-Brite Jon Worth (46) ist ein politischer Blogger, Journalist und Experte für internationale Bahnreisen in Europa.

Für verschiedene Kampagnen hat er über 400 Bahnstrecken in Grenzregionen besucht und analysiert, ob und wie man die Verbindungen verbessern könnte.

Seine Analysen publiziert er auf seiner Website crossborderrail.eu

Internationale Bahnfahrten gelten als kompliziert. Hält das Menschen davon ab, den Zug zu nehmen?

Jon Worth: Eine aktuelle Studie von Transport & Environment nennt dazu Zahlen: Die Buchung einer internationalen Bahnfahrkarte dauert 70 Prozent länger als die Buchung eines Fluges. Und für fast die Hälfte der 30 untersuchten internationalen Strecken konnten keine Fahrkarten über die in den jeweiligen Ländern etablierten Websites erworben werden. Weil der Buchungsprozess so mühsam ist, haben 61 Prozent der Fernreisenden mindestens einmal auf eine Reise verzichtet.

Bewegt sich was bei dem Thema?

Unter anderem durch meine Arbeit landete das Thema bei der Europawahl als Auftrag an die EU-Kommission im Wahlprogramm der deutschen Grünen. Nach der Wahl hat Ursula von der Leyen es dann in ihren politischen Leitlinien aufgegriffen.

Wie kommen wir zu einer spürbaren Verbesserung?

Erstens müssen Drittanbieter wie Omio und Trainline eine faire Möglichkeit bekommen, alle Tickets von privaten oder staatlichen Bahnen zu verkaufen – ohne hohe Aufschläge. Dann kann es auch bei einer Verbindung mit mehreren Tickets verschiedener Anbieter bleiben. Zweitens ist wichtig, dass die Kund*innen für diese Verbindung auch die vollen Fahrgastrechte genießen.

Und das einheitliche Ticket?

Ich halte einen Fahrschein für die gesamte Reise mit verschiedenen Anbietern nicht für entscheidend. Das ist angesichts der unterschiedlichen Sparpreissysteme und Bahncards viel zu komplex. Deshalb war auch die Ansage von Ursula von der Leyen nicht hilfreich, als sie von einem „Single Ticket“ sprach.

Zu komplex? Können Sie ein Beispiel nennen?

Sagen wir, ich will von Frankfurt am Main über Straßburg und Lyon nach Barcelona fahren. Da sind drei Anbieter beteiligt: DB, SNCF und RENFE. Nehmen wir an, ich will lange im Voraus planen. Zum Buchungszeitpunkt ist Frankfurt–Straßburg schon verfügbar, Lyon–Barcelona aber noch nicht. Wie soll ich das Ticket dann in einer Transaktion buchen? Der EU-Vorschlag setzt einen einheitlichen Buchungszeitraum voraus: Jedes Ticket muss überall zur selben Zeit vor Reiseantritt erhältlich sein. Das belastet die Bahnunternehmen unnötig stark.

Es gibt Plattformen, die das Buchen heute schon erleichtern. Muss die EU überhaupt tätig werden?

In der Tat gibt einige unabhängige Anbieter, wie die oben genannten. Diese haben jedoch das Problem, dass sie nicht an die richtigen Daten kommen, um einem Fahrgast ein Ticket von A nach B verkaufen zu können, egal wo in Europa. Deshalb brauchen wir eine neue Verordnung, die den Datenaustausch vorschreibt.

Wer verhindert den offenen Datenaustausch?

Die Lobby der staatlichen Unternehmen CER in Brüssel – also auch die Deutsche Bahn – behauptet regelmäßig, die Fahrgäste seien mit ihren Ticketbuchungsmöglichkeiten zufrieden. Das war Teil ihrer Argumentation gegen die Notwendigkeit einer neuen EU-Gesetzgebung zu diesem Thema. Sie setzen auf Freiwilligkeit, ob und wie sie die Verbindungen anderer Anbieter mitverkaufen oder den Verkauf ihrer Tickets über Dritte erlauben.

Aus ihrer Sicht verständlich, oder?

Ich verstehe nicht, warum die großen Player wie die Deutsche Bahn hier so defensiv agieren. Die DB hätte mit ihrem Navigator eine prima Startposition, um internationale Verbindungen zu verkaufen. Diesen Markt müssten sie nicht zwangsläufig den neuen Plattformen überlassen.
 

Interview: Martin Unfried

Das fordert der VCD

Der VCD setzt sich über die „European Passengers' Federation“ (EPF) auf europäischer Ebene für bessere Bahnverbindungen und Fahrgastrechte ein.

EPF begrüßt die Pläne der EU-Kommission, den Ticketkauf zu vereinfachen und die Rechte der Fahrgäste zu stärken. Aus Sicht des VCD zentral: Die Fahrgastrechte müssen auch gelten, wenn Reisende mehrere Tickets für eine lange, zusammenhängende Verbindung erwerben. Das durchgehende 
„Single Ticket“ ist dabei zweitrangig.

Andere zentrale Bausteine für ein starkes europäisches Bahnnetz fehlen aus Sicht von EFP in den Plänen der EU-Kommission. Der Verband fordert, Fahrpläne besser zu koordinieren („Europatakt“) und durch den Abbau von Subventionen für einen fairen Wettbewerb zwischen Bahn, Flugzeug und Auto zu sorgen.

zurück