Vierzig Jahre VCD | VCD-Magazin 03/2026
Erfolge & Impulse: Der VCD wirkt
fairkehr-Magazin 03/2026
Klimafreundliche Mobilität Mobilitätsbildung
Vierzig Jahre VCD – das sind Geschichten von Erfolgen und Rückschlägen, vom Dranbleiben, Umdenken und Neuanfangen. Menschen, die zusammen für das einstehen, was sie bewegt: eine sichere Mobilität für alle. Sie beginnt vor dem Schultor, macht an Bürgersteigkanten keinen Halt, führt am Fahrkartenschalter vobei über Brücken zum Bahnhof auf dem Land. Ob im Bundesverband, im Landes- oder Kreisverband, ob bei Aktionen auf der Straße, in Bündnissen oder durch das eigene Verkehrsverhalten: Immer sind es Menschen, die vormachen, mitmachen und zeigen, dass Veränderung möglich ist – und vor Ort beginnt. Viele kleine Veränderungen summieren sich zu einer großen. In vier Jahrzehnten eine so große, dass sieben Orte beispielhaft für viele weitere stehen. Sieben Geschichten, die von Erfolgen erzählen und gleichzeitig zeigen, warum es noch weitergehen muss.
Elterntaxis verstopfen die Straßen bis ans Schultor. Zwischen den großen Autos passen die schweren Schulranzen gerade noch hindurch. Aus London, Paris oder Brüssel kennt man Schulstraßen längst. Und in Deutschland? Hier sorgt der VCD für Klarheit. Gemeinsam mit dem Kidical-Mass Aktionsbündnis und dem Deutschen Kinderhilfswerk setzt er sich dafür ein, dass Kinder sicher zur Schule kommen. Ausreden zählen nicht: Gemeinsame Schulstraßen-Aktionstage machen das Problem sichtbar, ein Rechtsgutachten zeigt Lösungen. Beauftragt von den drei Organisationen, erklärt das Gutachten Kommunen in ganz Deutschland, welche rechtlichen Möglichkeiten sie beim Einrichten von Schulstraßen haben. Seit Anfang 2024 können Kommunen in Nordrhein-Westfalen Schulstraßen per Erlass rechtssicher anordnen. Im August 2025 folgt Baden-Württemberg dem Beispiel. Wo eine solche Regelung fehlt, hilft der VCD-Leitfaden Schulstraßen weiter. Er erklärt Schritt für Schritt, wie eine temporäre oder dauerhafte Schulstraße entsteht – und was das rechtlich bedeutet.
Gehwegparken-Urteil Bremen
Im Kampf um freie Gehwege zeigt der VCD sich während der gesamten Verbandsgeschichte unermüdlich: Er stellt Materialien bereit, mit denen Fußgänger*innen und Radfahrende gegen Falschparken aktiv werden können, und unterstützt Kommunen mit rechtlichen Hinweisen und Vorschlägen für sichere Wege. Doch das reicht nicht überall. In Bremen klagt eine Gruppe Anwohner*innen mit Unterstützung des VCD Bremen gegen die Bremer Stadtverwaltung. Nach sechs Jahren Rechtsstreit kommt dann im Juni 2024 der Erfolg:
Das Bundesverwaltungsgericht stellt klar, dass Anwohner*innen ein Recht darauf haben, dass die Behörden bei versperrten Gehwegen eingreifen. Das Urteil ist auch Anlass für die VCD-Aktion „Freie Gehwege“. Bundesweit melden Bürger*innen Gehwegstellen, die durch regelmäßig dort parkende Autos unzulässig verengt werden. Heute zeigt eine Online-Karte Kommunen, wo sie handeln sollten. Erste Rückmeldungen aus den Kommunen stimmen optimistisch: Sie beginnen, das Parken neu zu ordnen und an besonders kritischen Stellen Parkverbotsschilder aufzustellen.
BahnCard
Wer heute regelmäßig Bahn fährt, gibt bei der Buchung selbstverständlich die passende BahnCard an. Zu Gründungszeiten des VCD ist das anders: Es gibt Ermäßigungen für Familien, Senior*innen und junge Menschen, aber ein einfaches Angebot für alle, die für einen festen Jahres preis grundsätzlich günstiger Bahn fahren wollen, fehlt.
Der neu gegründete VCD orientiert sich am Schweizer Halbtax und initiiert die Kampagne „Halb-Preis Pass“. Er organisiert Aktionstage, sammelt 108.000 Unterschriften und übergibt sie dem Petitionsausschuss des Bundestages. Danach ist Geduld gefragt: Die Arbeit verlagert sich von der Straße hinter die Kulissen. Dort hält der VCD hartnäckig an seiner Idee fest. Am 1. Oktober 1992 ist es so weit: Die BahnCard 50 kommt. Reisende fahren damit ein Jahr lang zum halben Preis. Das Angebot wird ein Erfolg. Bis die DB Ende 2002 ihr neues Preissystem startet, in dem die BahnCard mit 50 Prozent Rabatt keinen Platz mehr hat. Stattdessen setzt sie auf die BahnCard 25. Das kann der VCD nicht kommentarlos hinnehmen. Nach Protestaktionen des VCD führt die DB am 1. August 2003 die BahnCard 50 wie der ein, auch die BahnCard 25 bleibt bestehen. Seitdem verteidigt der VCD das Rabattangebot und kämpft dafür, dass Bahnfahren bezahlbar und für alle zugänglich bleibt.
Randentscheid Kassel
Einzelne Radwege reichen nicht, wenn sie an der nächsten Kreuzung enden. Wer auf dem Fahrrad gut ans Ziel kommen will, braucht eine Stadtverwaltung, die für ein zusammenhängendes Netz und sichere Kreuzungen sorgt. Genau das fordert die Initiative Radentscheid Kassel im Herbst 2018. Unterstützt wird sie vom VCD Kassel und vom VCD Hessen zusammen mit dem ADFC, dem AstA der Uni Kassel, der Fachschaft ASL, dem Umwelthaus Kassel, dem BUND Kassel sowie dem Projekt backtotheroads. 21.781 Bürger*innen sehen das genauso und setzen ihre Unterschrift – weit mehr als nötig. Die Stadt reagiert im April 2019:
Das Bürgerbegehren, das die Umsetzung von acht Maßnahmen fordert, sei unzulässig. Doch Aufgeben ist für das Bündnis keine Option. Der breite Rückhalt erhöht den politischen Druck: Die Stadt setzt die Förderung des Radverkehrs auf die Agenda und beschließt im September 2019 zu sätzliche Maßnahmen. Kassel ist kein Einzelfall: Schon ab 2015 hatte Berlin mit dem Volksentscheid Fahrrad gezeigt, wie Bürger*innen konkrete Ziele für bessere Radwege in die Politik tragen können. Frankfurt und weitere Städte folgen mit ähnlichen Initiativen. Häufig mittendrin: der VCD als Unterstützer im Kreis-, Landes- oder Bundesverband.
Steinerne Brücke Regensburg
1996 quetschen sich noch mehrere Tausend Autos täglich über die Steinerne Brücke. Sie führt über die Donau und verbindet die Regensburger Altstadt mit dem Norden der Stadt. Die Bürgerinitiative „Autofreie Steinerne Brücke“ will das ändern. Mit Unterstützung des VCD Regensburg bringt sie ein Bürgerbegehren auf den Weg. Genug Menschen unterschreiben, und im Januar 1997 stimmen die Regensburger*innen ab: 54,67 Prozent sind dafür, die Brücke sofort für Autos zu sperren.
Bis 2008 bleibt sie noch für Busse und Taxis geöffnet, seitdem gehört die älteste erhaltene Brücke Deutschlands dem Fuß- und Radverkehr. Der Erfolg an der mittelalterlichen Brücke ist nur einer von vielen des Kreisverbandes. Das „VCD-Jubiläumsheft 2026: 40 Jahre VCD in Deutschland – 37 Jahre VCD in Regensburg“ erzählt von vielen weiteren. Denn 40 Jahre Bundesverband bedeuten auch viele Jahrzehnte voller lokaler Erfolge.
Reaktivierung: Maulbronn – West-Maulbronn
Wenn es überall eine gute Bahnverbindung gäbe, könnten unzählige Autos stehen bleiben. Doch je weiter es aus der Stadt hinausgeht, desto seltener passt die Verbindung. Maulbronn, eine Kleinstadt im Enzkreis zwischen Karlsruhe, Heilbronn und Stuttgart, liegt weniger als 20 Kilometer von Pforzheim entfernt. Der Haltepunkt Maulbronn-West bindet die Stadt über Mühlacker und Bretten an die Region an. Doch wer dort aussteigt, ist noch nicht am Ziel. Bis zur Ortsmitte sind es rund 3,5 Kilometer. Dabei gibt es eine Haltestelle im Ort, die Stichstrecke bis Maulbronn Stadt/ Kloster ist nur 2,3 Kilometer lang.

Von 1914 bis 1973 fuhren Personenzüge bis in die Stadt. Der VCD-Kreisverband Pforzheim/Enzkreis setzt sich ab seiner Gründung dafür ein, dass wieder Verkehr auf die Strecke kommt. 1997 organisiert er den ersten Sonntagsausflugszug zum UNESCO-Weltkulturerbe Kloster Maulbronn. Heute fährt der „Freizeitexpress Kloster Maulbronn“ an Sonn- und Feiertagen im Sommer. Die Stadt Maul bronn trägt die Kosten der Streckenunterhaltung, die Albtal Verkehrsgesellschaft betreibt die In frastruktur und der VCD informiert die Fahrgäste und begleitet die Züge ehrenamtlich. Doch der Ausflugsverkehr reicht nicht.
Seit Jahren setzt sich der VCD dafür ein, dass die Strecke wieder täglich befahren wird. Als der Gemeinderat zunächst keine Machbarkeitsstudie beauftragen will, lässt der VCD nicht locker. Schließlich kommt die Studie doch – mit klarem Ergebnis: Die Strecke hat Potenzial. 2024 gibt der Gemeinderat grünes Licht für die Reaktivierung. Maulbronn ist dabei kein Einzelfall: Deutschlandweit setzen sich VCD Aktive für die Reaktivierung von stillgelegten Strecken ein – von Lüneburg-Soltau bis zur Kasbachtalbahn. Sie alle zeigen: Veränderung braucht Menschen, die dranbleiben.
Mobilitätsprojekt starten: 1NITE TENT
Der VCD treibt die Verkehrswende nicht nur mit eigenen Projekten voran. Er ermutigt Menschen, selbst loszulegen. Mit „DIY. Dein Mobilitätsprojekt“ unterstützt der Verband Studierende und Auszubildende dabei, ihre Ideen für nachhaltige Mobilität umzusetzen. Sie erhalten bis zu 1.000 Euro Startkapital und profitieren von Know-how, Beratung und dem starken Netzwerk des VCD.
Davon hören Anne-Sophie und Patrick und bewerben sich mit ihrer Idee: Eine Plattform, über die Reisende für eine Nacht kostenlos in privaten Gärten und auf Grundstücken zelten können. Wie Couchsurfing, nur draußen. Die Idee erleichtert nachhaltiges Reisen zu Fuß und mit dem Fahrrad und passt zum VCD. Der Verband unterstützt die beiden auf mehreren Wegen: Er finanziert die Reisekosten zu großen Messen und vernetzt die Gründer*innen. Er berät sie zur Weiterfinanzierung, dreht mit ihnen einen Imagefilm und hilft vor allem bei der Öffentlichkeitsarbeit. Schnell werden viele Menschen auf das Couchsurfing für draußen aufmerksam.
Was als Karte für Deutschland beginnt, wächst bis heute über Deutschland hinaus. 1NITE TENT steht beispielhaft für eine Linie, die der VCD seit Jahren verfolgt: junge Menschen ermutigen, eigene Ideen für nachhaltige Mobilität zu entwickeln. Das ging schon 2014 mit dem „Projekt 2050“ los und wurde mit „DIY. Dein Mobilitätsprojekt“ (2017 - 2020) und „DIY: Verkehrswende selber machen“ (2021 - 2024) fortgesetzt.
Autorin

Maren Otto
Maren Otto ist Redakteurin bei der fairkehr Agentur in Bonn. Für das VCD-Magazin fairkehr schreibt sie zu Themen rund um die Verkehrswende.







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