Freiheit auf zwei, drei, vier Rädern
Es ist ein eher ungewöhnlicher Anblick auf den Straßen Berlin-Hohenschönhausens an diesem warmen Septembertag: eine Fahrrad-Rikscha. Vorn sitzt Magrid Scholz, 81, genießt die Sonnenstrahlen, den Fahrtwind – und, dass sie nicht selbst treten muss. Das macht heute Frank Weitzenbürger für sie, Inklusionsbeauftragter beim Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF). Scholz wohnt in einem Wohnhaus des EJF und kann nicht mehr selbstständig Fahrrad fahren. Für Menschen wie sie hat sich Weitzenbürger für die Anschaffung der Rikscha eingesetzt.
Angefangen hat alles Mitte der 2000er, als Weitzenbürger, selbst begeisterter Fahrradfahrer, mit einem Bewohner eines EJF-Wohnhauses auf Radtour gehen wollte. Der Bewohner war stark übergewichtig und konnte deshalb kein normales Fahrrad nutzen. „Dann habe ich angefangen, mich mit dem Thema Spezialräder zu beschäftigen, und so haben wir das „Sumo-Fahrrad“ gefunden“, erzählt Weitzenbürger. Das Fahrrad veränderte das Leben des Bewohners. „Wir konnten damit zusammen Radtouren unternehmen, aber vor allem konnte er damit auch selbstständig Erledigungen machen, einkaufen zum Beispiel. Das konnte er vorher nicht allein. Das Rad hat seinen Bewegungsradius und seinen Horizont enorm erweitert“, erinnert sich der Inklusionsbeauftragte.
„Man findet für jede Einschränkung das passende Rad!“
Frank Weitzenbürger
Unter einem Spezialrad versteht man jedes Rad, das vom herkömmlichen Fahrradrahmen abweicht. Die Vielfalt ist enorm: Ein Spezialrad kann zwei, drei oder vier Räder haben, für ein oder zwei Personen sein, im Sitzen oder im Liegen gefahren werden. Liege- und Dreiräder fallen unter den Begriff, genauso wie Tandems, Lasten- und Falträder.
Frank Weitzenbürger hat inzwischen viele Bewohner*innen der von ihm betreuten Einrichtungen beim Fahrradkauf unterstützt. „Man findet für jede Einschränkung das passende Rad!“ Damit bei den von ihm regelmäßig organisierten Radtouren auch wirklich alle dabei sein können, hat Weitzenbürger sich bei seinem Arbeitgeber EJF dafür starkgemacht, die Rikscha anzuschaffen. Schon vor ein paar Jahren hat EJF auf sein Anliegen hin außerdem ein Rollstuhlrad erworben. Das Dreirad hat zwischen den beiden Vorderrädern eine Plattform, auf die ein Rollstuhl passt. Eine große Hürde bei der Anschaffung von Spezialrädern ist der Preis: „Das Rollstuhlrad hat knapp 8 000 Euro gekostet, die wir über Spenden finanziert haben“, erklärt Weitzenbürger. Für die Rikscha konnte er eine Förderung bei der Aktion Mensch beantragen. Privatpersonen, die sich ein Spezialrad kaufen wollen, können teilweise auf eine Finanzierung durch die Krankenkassen hoffen – zumindest dann, wenn das Fahrrad einem anerkannten Therapiezweck dient.
Mut zum Dreirad
Doch die Kostenfrage ist nur eine der Hürden, die Menschen vom Fahrradfahren abhalten. Das VCD-Projekt Mit:Rad untersucht, wie Fahrräder zu mehr Teilhabe und Selbstständigkeit beitragen können. Vor allem ältere und einkommensschwache Menschen könnten davon profitieren. Doch gerade sie fahren selten Fahrrad. In einem Hintergrundpapier beschreibt das VCD-Projektteam die größten Hürden. Neben den Anschaffungs- und Unterhaltskosten sind das vor allem Sicherheitsbedenken, schlechte Infrastruktur, körperliche Einschränkungen, fehlendes Selbstvertrauen, Scham sowie eine soziale Stigmatisierung – insbesondere von Drei- und anderen Spezialrädern.
Holger Könneker, Projektleiter der Verkehrsschule am Sachsendamm (Berlin-Schöneberg), kennt die Berührungsängste aus der Praxis. Die Verkehrsschule verfügt über Fahrräder für alle Altersklassen und Körpergrößen, darunter auch E-Bikes und Lastenräder sowie E-Scooter. Der neueste Zugang im Fuhrpark ist ein Dreirad. Könneker und sein Team veranstalten seit März einen monatlichen Sicherheitstag für Senior*innen. Das Dreirad haben sie extra dafür angeschafft, denn es kann nicht umkippen und bietet Menschen, die sich auf dem normalen Fahrrad unsicher oder wackelig fühlen, viel Stabilität. Eigentlich eine gute Sache. Trotzdem ist die Nachfrage nach dem Dreirad bei den Sicherheitstagen gering.
„Das liegt zum einen am Fahrgefühl: Auf einem Dreirad bleibt man ganz gerade sitzen und legt sich nicht in die Kurve. Das ist für viele Menschen ungewohnt“, erklärt Könneker. Entscheidender ist aber die Scham: „Die Senioren fühlen sich auf dem Dreirad als Außenseiter. Sie wollen damit draußen nicht gesehen werden. Ähnlich wie bei einem Rollator lehnen viele das Dreirad ab, weil sie nicht alt und hilfsbedürftig wirken wollen.“
Verkehrsschule Sachsendamm
Alle Berliner Bezirke verfügen über Verkehrsschulen. Sie werden vom Bezirks- und Schulamt finanziert, ihr Angebot richtet sich in erster Linie an Schulklassen und Kinder. Die Verkehrsschule am Sachsendamm steht aber allen Menschen offen: „Die Leute können bei uns im geschützten Raum einfach mal aufs Fahrrad steigen, ein bisschen rumfahren und sich ausprobieren. Wir unterstützen auch aktiv beim Erlernen des Radfahrens", erklärt Holger Könneker.
Die Verkehrsschule wird von der Team Wendepunkt gGmbH betrieben, die arbeitssuchende Menschen beim Übergang in den ersten Arbeitsmarkt unterstützt.
Um auf die Bedürfnisse von radfahrenden Seniorinnen aufmerksam zu machen, hat die Verkehrsschule gemeinsam mit dem Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg des Changing Cities e. V., der Ökumenischen Umweltgruppe Lichtenrade und den „Omas for Future“ die weltweit erste „Senior Mass“ organisiert: Angelehnt an die erfolgreichen Critical- und Kidical-Mass-Vorbilder, traf sich im Mai eine große Gruppe Seniorinnen zu einer gemeinsamen Fahrrad-Demonstration. „Erst haben wir einen Sicherheitstag hier in der Verkehrsschule gemacht, da konnten die Menschen die unterschiedlichen Fahrräder ausprobieren. Und dann sind wir losgeradelt, 130 Menschen bis nach Tempelhof. Das war eine schöne, laute, bunte Veranstaltung“, erzählt Könneker begeistert.

Schlagloch statt Freiheit
Ein weiterer Grund, warum sich Menschen nicht auf ein Spezialrad trauen: unebene oder zu schmale Radwege und solche, die plötzlich im Nichts enden – keine Seltenheit in Deutschland und für Spezialräder ein noch gravierenderes Problem als für normale Räder. „Egal, ob Sie ein Lastenrad oder ein Dreirad fahren: Die Räder brauchen einfach mehr Platz, außerdem sind sie sehr schwer. Wenn Menschen das Gefühl haben, mit dem Rad nicht sicher unterwegs sein zu können, benutzen sie es auch nicht“, meint Könneker.
Frank Weitzenbürger sieht es ähnlich: „Der Übergang aus dem geschützten in den öffentlichen Raum ist wie ein Kopfsprung in ein Meer voller Haie.“ Ein Rollstuhlrad zum Beispiel hat nur wenige Zentimeter Bodenfreiheit – für viele Bordsteinkanten zu wenig. Und nicht jeder hat die Kraft, das schwere Rad über ein Hindernis hinweg oder aus einem Schlagloch herauszuheben. „Sie müssen sich im Prinzip jede Strecke, die Sie fahren wollen, vorher einmal angucken“, erklärt Weitzenbürger. Für seine Kolleg*innen, die das Rollstuhlrad benutzen wollen, hat er eine Schulung konzipiert: eine Theorie- und vier Praxiseinheiten. Erst dann dürfen sie das Rad eigenständig mit den Bewohner*innen der EJF-Häuser nutzen. Auch für die neue Rikscha plant er eine Schulung: „Die Nachfrage vonseiten der Bewohner ist groß, viele würden gerne mal mitfahren. Es ist einfach toll, wenn wir viele Leute aktiv mitnehmen und über das Fahrradfahren Teilhabe ermöglichen können“, freut sich Weitzenbürger.
Es wird wohl noch viele Schulungen, Senior Masses und engagierte Menschen wie Holger Könneker und Frank Weitzenbürger brauchen, bis die Radinfrastruktur für alle Menschen passt, egal welchen Alters und egal auf welchem Fahrrad. Aber Senior Masses, Ausflüge mit Rollstuhlrad und Rikscha oder sonstige Spezialradtouren bauen Berührungsängste ab und zeigen, dass Radfahren etwas für jeden ist. Denn egal, ob groß, klein, alt, jung, mit körperlicher Einschränkung oder ohne: Für jeden gibt es das richtige Fahrrad. Man muss es nur finden – und sich trauen, es zu benutzen. Magrid Scholz ist von ihrer ersten Rikschafahrt jedenfalls begeistert: „War richtig bequem! Das machen wir noch mal.“
Mobil in jedem Alter – Kidical Mass und Senior Mass
Kinder wollen die Welt entdecken – sicher, selbstständig und mit Freude. Ältere möchten ohne Angst unterwegs sein. Ein kindgerechtes Verkehrssystem ist für alle gut. Dichte, sichere und komfortable Radwegenetze, sichere Übergänge und übersichtliche Kreuzungen durch Tempo 30 machen mobil vom Laufrad bis zum Rollator.
Kidical wie Senior Mass zeigen: Mobilität muss gerecht und altersgemäß sein. Nur wenn Straßenräume für die Kleinsten und die Ältesten sicher sind, sind sie es für alle.



vcd.org