Wer ein Outfit mit lichtreflektierenden Elementen trägt, wird im Dunkeln von Auto- und Radfahrer*innen früher gesehen. Für die Sicherheit von Kindern ist es daher besonders wichtig, dass sie helle und reflektierende Kleidung und Accessoires tragen.

Sichtbarkeit von Kindern

Funkeln im Dunkeln

Kinder, die sich in der Dunkelheit im Straßenverkehr bewegen, werden schnell übersehen. Helle Kleidung mit Reflektoren verbessert ihre Sichtbarkeit, beseitigt aber nicht die Gefahrenquellen.

Im Jahr 2020 sind laut Statistischem Bundesamt 3.505 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 15 Jahren im Straßenverkehr verletzt oder getötet worden, die zu Fuß auf dem Weg zur Schule, zum Sport oder nach Hause waren. 2?231 dieser Unfälle ereigneten sich in der dunklen Jahreshälfte zwischen September und Februar – das sind beinahe doppelt so viele wie im Sommerhalbjahr.

Die einfachste Möglichkeit, sich selbst und seine Kinder im Verkehr auf dunklen Straßen zu schützen, ist das Tragen heller Kleidung, am besten mit Reflektoren. Während Menschen mit dunkler Bekleidung im Dunkeln nur 25 Meter weit sichtbar sind, können Personen mit heller Bekleidung immerhin 40 Meter weit gesehen werden. Reflektoren werfen Licht bis zu 150 Meter weit zurück. Das erhöht die Chance, dass Autofahrer*innen rechtzeitig bremsen können.

Der Versuch, bei Dunkelheit aufzufallen, wirkt aber nur dem Symptom entgegen. Die Gefahren im Straßenverkehr haben strukturelle Ursachen. „Es darf nicht an erster Stelle und ausschließlich darum gehen, Kinder verkehrsgerecht zu machen – durch Verkehrserziehung oder reflektierende Kleidung. Vielmehr muss der Verkehr kindgerecht werden“, erklärt Anika Meenken, Sprecherin für Radverkehr und Mobilitätsbildung des VCD. „Sichtbarkeit von Kindern im Straßenverkehr ist ein generelles Problem: Falsch parkende Autos versperren die Sicht. Fehlende oder unsichere Fußwege und Querungen sowie zu schnelle Autofahrer*innen sind weitere Probleme, die die Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr massiv gefährden. Hier muss die Politik eingreifen!“

Der VCD fordert deshalb als Regelgeschwindigkeit Tempo 30 in Innenstädten, sichere und komfortable Fuß- und Radwege sowie Querungsmöglichkeiten und eine konsequente Bestrafung von Falschparker*innen. „Kinder werden zwischen den großen Autos schnell übersehen und können die gesamte Straße meist nicht überblicken. Es gibt bereits geltende Parkregeln: Beim Parken vor und hinter Kreuzungen muss ein Abstand von fünf Metern zur Kreuzung eingehalten werden. Wenn es rechts neben der Fahrbahn einen Radweg gibt, sogar acht Meter. Das Problem: Die wenigsten halten sich daran. Das kann schnell gefährlich werden“, beschreibt Meenken die Situation. Immerhin: Die Falschparker-Petition „Knolle statt Knöllchen“ eines breiten Verkehrsbündnisses, an dem auch der VCD maßgeblich beteiligt war, endete Anfang 2020 erfolgreich: „Wir konnten dem damaligen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer 33?000 Unterschriften überreichen“, berichtet Meenken. „Wer auf Geh- oder Radwegen, in zweiter Reihe oder auf einem Schutzstreifen parkt, muss jetzt 55 bis 100 Euro zahlen, deutlich mehr als zuvor. Das war ein großer Erfolg – auch für den VCD!“  

Sichtbarkeit ist Sicherheit

Natürlich erhöht die Sichtbarkeit von Kindern ihre Sicherheit enorm.  Trotzdem ist laut des Kuratoriums für Verkehrssicherheit nur eines von vier Kindern bei Dunkelheit entsprechend ausgestattet. Was tun, wenn sich Kinder weigern, den Schulweg mit einer uncoolen Warnweste anzutreten? „Es gibt mittlerweile so viele Reflektoren, die als schöne Accessoires gestaltet sind“, sagt Meenken. Schon als Kind habe sie sich die Blinkis in Bärenform gerne an ihre Schultasche gehängt, erzählt sie. Inzwischen gibt es so etwas in sämtlichen Motiven, die man sich vorstellen kann. Es hilft auch, sich reflektierende Aufkleber zum Beispiel auf den Fahrradhelm zu kleben oder gleich einen Helm mit Licht zu tragen. Zwar gilt bei Reflektoren: Je mehr, desto sicherer – letztendlich haben aber auch kleine Reflektoren eine große Reichweite und sorgen bereits dafür, nicht für einen Schatten gehalten zu werden. Am besten befestigen Kinder mehrere reflektierende Sticker an ihrer Ausstattung. So können Autofahrer*innen sie aus jeder Richtung besser sehen.

Wem Leuchtstreifen auf Jacken, an der Schultasche oder am Helm zu langweilig sind, der kann auch selbst kreativ werden. Es gibt reflektierende Folie, Klebeband, Klettbänder, Stoff oder Sprays, aus denen sich selbst Armbänder, Turnbeutel oder Sticker zum Aufnähen auf Kleidung oder Taschen basteln lassen. Die Warnweste kann getrost im Schrank bleiben – der selbst gebastelte Turnbeutel oder der Helm mit individuell aufgespraytem Motiv sind sowieso schöner. 

Start-up stellt reflektierende Rucksäcke her

Leider wird bei der Herstellung reflektierender Materialien oft nicht auf Nachhaltigkeit geachtet. Dass es auch anders geht, zeigen Jacob Leffers und Emil Woermann, die jungen Gründer von oak25 aus Hamburg.

„Wir beide fahren sehr viel Fahrrad. In einer Großstadt wie Hamburg ist das – gerade bei Dunkelheit – nicht ungefährlich. Im Dunkeln tragen viele Menschen diese reflektierenden Warnwesten. Das hätte unseren Eltern natürlich auch gefallen. Aber wir hatten andere Pläne: Wir wollten ein Produkt entwickeln, das besser aussieht und trotzdem mindestens genauso gut schützt. Und dann sind wir auf die Idee gekommen, das Thema mit unserem Lieblingsprodukt, einem Rucksack, zu verbinden“, erzählt Woermann. „Unser Anspruch war es, gerade weil wir diese Warnwesten nicht so schön finden, unser Produkt ‚sexy‘ zu gestalten“, sagt Leffers.

Die Idee für das innovative Start-up war geboren. Aber dass die Umsetzung sich langwieriger gestaltete, als sie anfangs dachten, merkten die beiden schnell. „Wir haben Tag und Nacht im Fahrradkeller von Emils Eltern getüftelt. Neben dem Abitur hatten wir vor allem nachts Zeit dafür“, berichtet Leffers weiter von den Anfängen des Projekts. „Wir sind das Ganze auch etwas naiv angegangen“, gibt Woermann lachend zu. „Wir dachten, man muss erstmal ein Schnittmuster entwickeln, dann geht man zu irgendeiner Näherei, lässt das Produkt nähen, passt noch ein, zwei Sachen an und dann ist alles fertig. Der Prozess sieht aber tatsächlich ganz anders aus.“

Als irgendwann endlich das erste Schnittmuster ankam, war die Vorfreude  groß und die Enttäuschung ebenfalls. Immer wieder mussten die beiden Änderungen vornehmen. „An diesem ersten Prozess konnten wir sehr viel lernen. Irgendwann waren wir dann so weit, eine Crowdfunding-Kampagne über Kickstarter zu beginnen. Wir hatten uns  das Ziel gesetzt, 18?000 Euro einzusammeln. Wenn man so ein Ziel eingibt, verpflichtet man sich, das Projekt dann auch umzusetzen, sobald der Betrag zusammengekommen ist“, erzählt Woermann.

Auf einmal ging alles ganz schnell. Die Nachfrage nach reflektierenden Rucksäcken ist enorm. Schon nach einem Monat verfügte das Projekt dank der Unterstützung zahlreicher Endkunden über ein Startkapital von 20?000 Euro. Dann begann die Umsetzung. Was den beiden wichtig war, die Sache aber nicht vereinfachte: Das genutzte Material sollte recycelt und nachhaltig produziert sein. „Wir nutzen das Material RPET, also ‚recyceltes PET‘.  Alle Grundstoffe werden dabei aus alten Materialien hergestellt, zum Beispiel Plastikflaschen“, erklärt Leffers. „Sie werden geschreddert und diese Teilchen werden dann wieder in einen Stoff gewebt.“  „Man muss dazu sagen, dass es wirklich nicht so einfach ist, diese Materialien zu besorgen, die dann auch noch unseren Qualitätsansprüchen gerecht werden. Aber wenn einem Nachhaltigkeit und gute Qualität wichtig sind – dann schafft man das auch“, fügt Woermann hinzu.

Gute Nachrichten für Familien gibt es auch noch: „Wir bekommen viel Feedback von Eltern, die sich Produkte für Kinder wünschen. Viel verraten können wir noch nicht, aber im Laufe des nächsten Jahres werden wir unsere Palette von derzeit sechs Produkten erweitern. Und schon am Anfang des Jahres wird dann auch was für Kinder dabei sein“, verraten die beiden.

Elisabeth Zwischenberger

hat im Herbst 2021 ein Praktikum beim VCD-Magazin fairkehr absolviert.

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