Augen auf und los: Beim Zufußgehen ändert sich unser Blick auf die Welt.

Zu Fuß gehen | VCD-Magazin 01/2026

Gehen macht schlau

Die Menschen in Deutschland gehen wieder mehr zu Fuß, weil es gesund ist, einfach und umweltfreundlich. Zu Fuß gehen nimmt Tempo aus unserem Alltag und schenkt uns Zeit.

| VCD-Magazin fairkehr
fairkehr-Magazin 01/2026 Fußverkehr

Er steht immer zur Verfügung, kostet nichts und wird dennoch unterschätzt: der Weg zu Fuß. Wir haben uns Bewegung fest vorgenommen, sind im Fitnessstudio angemeldet, tracken unsere Gesundheit per App und kennen uns immer besser mit Lebensmitteln und Ergänzungsprodukten aus. Dabei ist die einfachste Lösung kostenlos und liegt direkt vor der Haustür. 

Zu Fuß gehen ist mehr als Fortbewegung – es gilt als Gesundheitsbooster für Körper und Seele. Studien zeigen: Schon kurze Alltags­wege können Bluthochdruck senken, das Herz stärken und Diabetes vorbeugen. Beine, Rücken und Rumpf werden sanft trainiert, ohne die Gelenke stark zu belasten. Tägliches Spazierengehen hilft uns, unser Gewicht zu halten, es hebt die Stimmung und bringt uns auf neue Gedanken. Eine Studie der American Cancer Society ergab, dass Menschen, die täglich 30 Minuten zügig gehen, ihr Risiko, an manchen Krebsarten zu erkranken, signifikant senken. Es ist also an der Zeit, nicht nur nach dem perfekten Workout zu suchen – sondern stattdessen einfach loszugehen.

In meinem Alltag fahre ich buchstäblich jeden Schritt mit dem Fahrrad. Auch da bewege ich mich und bestimme das Tempo selbst, habe es aber gefühlt ständig eilig. Dieser Text motiviert mich dazu, mehr zu Fuß gehen, meine Umgebung anders wahrnehmen – nicht als Strecke, die es zu überwinden gilt, sondern als Raum, den ich erlebe. Ich will in die Fenster sehen, unter Bäumen gehen, in Gesichter schauen und Menschen treffen.

Zu Fuß gehen ist die Mobilitätsform, die sich am leichtesten in den Alltag einfügt: der Weg zum Bäcker, zur Bahn, zur Schule – vorausgesetzt, man wohnt dort, wo es noch Geschäfte gibt oder zumindest eine Bushaltestelle oder einen Bahnhof in der Nähe. Für die meisten Menschen dürfte das zutreffen. Alle anderen haben dafür vielleicht ruhige Feldwege und schattige Wälder vor der Tür.

Gehen gewinnt in Deutschland an Bedeutung. Das zeigt die aktuelle Studie „Mobilität in Deutschland“, MID: Das Zufußgehen ist eine oft unterschätzte Mobilitätsoption, die sich im Erhebungsjahr 2023 einer bemerkenswerten Renaissance erfreut. So wird inzwischen jeder vierte Weg gelaufen. Im Vergleich zu 2017 zeigt sich 2023 eine veränderte Verteilung: Der Anteil des motorisierten Individualverkehrs geht leicht zurück – von 57 auf 53 Prozent – während der Anteil der zu Fuß zurückgelegten Wege steigt: von 22 auf 26 Prozent. Robert Follmer, Mitverfasser der Studie, sieht darin allerdings noch keine Verkehrswende. „Wir sehen insgesamt ein rückläufiges Mobilitätsniveau, das die Anteile des Fußverkehrs befördert“, sagt der Mobilitätsforscher. Er spricht von einem Mix aus Gründen: Homeoffice und mehr Hunde, die ausgeführt werden. Außerdem sei das Gesundheitsbewusstsein gestiegen, die Menschen benutzen vermehrt Schrittzähler, die zur Bewegung motivieren. Es habe aber bereits bei der Studie 2008 einen hohen Fußgängeranteil gegeben.

Zu Fuß gehen bedeutet Freiheit im Kleinen

Auffällig zeigt sich in den Studien, dass es weniger klassische Arbeitswege sind, die zu Fuß zurückgelegt werden, sondern Wege in der Freizeit: Spaziergänge, kleine Erledigungen, Alltagsrouten. Menschen gehen nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Das ist eine bewusste Entscheidung. 

Es braucht keine neue Technik, keinen Tarif, keinen Umstieg. Und doch geschieht diese Bewegung häufig trotz der bestehenden Verkehrsverhältnisse – nicht wegen ihnen. Denn so selbstverständlich das Gehen ist, so wenig selbstverständlich ist diese Mobilitätsform in der Verkehrsplanung. 

Natürlich schaffe ich es nicht, beim Gehen meine verkehrspolitische Brille abzusetzen: Ich sehe zugeparkte Gehwege, auf denen noch zusätzlich Fahrräder, E-Scooter und Mülltonnen abgestellt sind. Mich stört, dass das Ordnungsamt diese Wege nutzt, um Verkehrsschilder oder Parkautomaten aufzustellen. Eigentlich haben Autos und deren Zubehör auf Gehwegen nichts zu suchen, doch in meinem Viertel ist das sogenannte aufgesetzte Parken erlaubt – und die Autos sind in den letzten 20 Jahren wesentlich breiter geworden. Wohin mit der Masse Blech? Auf den Gehweg.

Jahrzehntelang spielte der Fußverkehr in der Politik eine Nebenrolle. Mit einer Fußverkehrsstrategie hat die letzte Bundesregierung 2025 erstmals einen Rahmen geschaffen, die dem Gehen mehr Aufmerksamkeit geben soll. Ziel der Strategie ist es laut Ministerium, das Zufußgehen als gleichberechtigte Mobilitätsform zu stärken, die Lebensqualität in Städten und Gemeinden zu steigern, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern, die lokale Wirtschaft zu unterstützen, den Klima- und Umweltschutz voranzubringen und die soziale Teilhabe sowie Inklusion zu verbessern. Außerdem soll eine lange vom VCD vorgebrachte Forderung in die Gänge kommen: Vision Zero, null Verkehrstote. Allerdings liegen die Zuständigkeiten für den Bau von Fußwegen überwiegend bei Ländern und Kommunen. Klare Vorgaben und ausreichende Mittel auf Bundesebene fehlen.

Die Richtung der Fußverkehrsstrategie stimmt, doch die Umsetzung fehlt oder zeigt Schwächen. In Hamburg wage ich mit meinen fitten dreijährigen Enkelkindern den Weg von Eppendorf an die Elbe. Zwei Fußwege haben wir zu bewältigen: zur U-Bahn und von der Haltestelle zum Fluss. Ich brauche Nerven und Gottvertrauen: Kurze Ampelphasen, fehlende Querungen und vorbeirasende Autos machen uns den Ausflug schwer.

Kinder: zu Fuß zur Kita und zur Schule

Für Kinder ist das Zufußgehen keine bewusste Entscheidung, sondern die natürlichste Form der Mobilität. Wege zur Kita oder Grundschule sollten grundsätzlich zu Fuß oder mit dem Fahrrad gut machbar sein – das fordert der VCD seit seiner Gründung vor bald 40 Jahren. „Für sichere Schulwege braucht es eine konsequent kindgerechte Gestaltung des Straßenraums“, sagt Anika Meenken, Sprecherin für Mobilitätsbildung beim VCD. „Nur mit einem dichten, sicheren und barrierefreien Netz aus Fuß- und Radwegen können Kinder ihren Alltag eigenständig bewältigen.“ Entscheidend seien außerdem Schulstraßen, in denen der Autoverkehr zu Bring- und Holzeiten stark reduziert oder ausgeschlossen werde. Ergänzt durch Tempo 30, sichere Querungsstellen und angepasste Ampelschaltungen würden Fußwege für Kinder berechenbar und sicher.  

Zurück in Bonn nutze ich meine Mittagspause im Homeoffice für einen kurzen Gang zum Supermarkt. Die Schülerinnen und Schüler des nahen Gymnasiums haben das gleiche Ziel wie ich und laufen in Klassenstärke über den Bürgersteig. Sie haben frei, lachen, rempeln, quatschen, springen fröhlich durcheinander. Diese Bewegung scheint ihnen offensichtlich gutzutun. Ein paar Nachzügler trotten hinterher und starren in ihre Smartphones. Sie bekommen den Kopf nicht frei, sondern stopfen Neues hinein.

Auch für ältere Menschen kann das Gehen Ausgleich sein. Denn es gibt etwas zurück, das im Alltag rar geworden ist: Zeitgefühl. Wer geht, ist nicht schneller, aber präsenter. Der Weg wird nicht zur lästigen Strecke zwischen zwei Terminen, sondern zu einem Zwischenraum, in dem nichts weiter passieren muss. Es ist auch die Zeit, in der wir die Augen vom Bildschirm nehmen und offline sein können.

Die Stadt sieht anders aus, wenn man nicht an ihr vorbeifährt. In meiner Straße haben Nachbarinnen ein kleines Kunstwerk aufgestellt: ein Telefon für Selbstgespräche. Man muss zu Fuß unterwegs sein, um es zu entdecken. Das neu eröffnete Café sehe ich erst jetzt. Nebenan verkaufen Schulkinder ihre ausgelesenen Bilderbücher. Schön auch zu sehen, dass das Baby der Nachbarin laufen gelernt hat. Und wie stolz es über den Gehweg stapft. 

Ein großes Gehirn und der aufrechte Gang – das sind die Merkmale, die uns von den Tieren unterscheiden. Evolutionsbiologen vermuten, dass unser Gehirn erst so richtig zu wachsen begann, nachdem wir uns vor Millionen von Jahren auf die Hinterbeine gestellt hatten. Diese Haltung veränderte die Fortbewegung und ermöglichte die Nutzung von Werkzeugen. Gleichzeitig gelang den Menschen eine bessere Aussicht auf die Welt um sie herum. Die Forschung ist sich sicher: Gehen hat uns schlau gemacht. 

VCD-Aktionstage

Jetzt schon vormerken: Die Aktionstage „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ finden vom 21. September bis zum 
2. Oktober 2026 statt. Sie  werden durch das Aktionsbündnis „Zu Fuß zur Schule“ initiiert und koordiniert. Schulen und Kindergärten können mit eigenen Aktionen teilnehmen und erhalten Material und Unterstützung.

Vom Glück des Gehens

Heute, in einer Zeit, in der alles effizienter und schneller wird, ist Gehen das Gegenteil: langsam, einfach, menschlich. Luxus ist nicht mehr das schnellste Verkehrsmittel, sondern der sichere Weg, der uns nicht stresst, nicht die perfekte App, sondern ein Weg, den man gerne nimmt.

Erstaunlich oft treffe ich unterwegs meine Ärztin mit ihrem Hund. Sie erzählt, dass sie jeden Morgen zu Fuß in die Praxis kommt. Sie geht durch den Wald, auch wenn es noch dunkel ist, bei jedem Wetter. Es geht bergauf und bergab, etwas mehr als eine Stunde ist sie unterwegs. In der Mittagspause will der Hund noch mal raus und abends gehen sie den ganzen Weg zurück. Sie bezeichnet es als großes Glück, diese täglichen Wege zu haben. Von Gesundheit spricht die Ärztin nicht.

Wenn wir ehrlich sind, wussten wir es längst: Zufußgehen ist gesund. Auf jeden Fall ist Gehen mehr als Mobilität. Es ist ein stiller Gegenentwurf zum überfüllten Alltag. Vielleicht beginnt die Verkehrswende nicht mit neuen Technologien, sondern mit einem Perspektivwechsel: Geben wir dem Gehen den Platz, den es verdient. Räumen wir Hindernisse aus dem Weg. Denn der größte Luxus unserer Zeit liegt im eigenen Tempo, mit dem wir einen Fuß vor den anderen setzen. Gehen Sie raus und sehen Sie selbst!
 

Autorin

Uta Linnert

ist Redakteurin des VCD-Magazins fairkehr. Seit vielen Jahren schreibt sie über die nachhaltige Verkehrswende. Sie arbeitet bei der fairkehr-Agentur in Bonn.

zurück