Während die Passagiere auf Rädern über die Deiche fahren, verlegt der Kapitän das Hotelschiff an den nächsten Liegeplatz für die Nacht.

Reise | VCD-Magazin 01/2026

Leinen los und ab aufs Rad

Bewegung, Komfort und herzliche Gemeinschaft: Eine Reise mit Schiff und Fahrrad durch Flandern macht Spaß und öffnet Horizonte.

| VCD-Magazin fairkehr
fairkehr-Magazin 01/2026 Radverkehr Tourismus

In ihrem ersten Leben hat die Magnifique  IV Rüben, Sand und Steine über den Rhein von Holland bis Basel transportiert. Heute hat sie 
32 Passagiere des niederländischen Reiseunternehmens Boat Bike Tours an Bord. Kapitän und Schiffseigner Walter van Berkum hat den alten Frachter zu einem sehr komfortablen, schwimmenden Hotel mit 16 Zimmern und Suiten umgebaut. Diese Woche steuert Walter das Schiff selbst über die Kanäle und Flüsse Flanderns. 

Die Fahrt startet in Brügge, geht über Gent und Antwerpen in Belgien bis nach Amsterdam in den Niederlanden. Das Besondere an diesen Reisen: Das Schiff hat für jeden Gast ein passendes Fahrrad an Bord. Damit können die Passagiere unterwegs übers flache Land radeln, während die Magnifique IV über die Wasserwege den nächsten Liegeplatz für die Nacht ansteuert.

Am ersten Abend lädt der Kapitän zum Willkommensempfang in den Salon. Auf Englisch als Bordsprache verständigen sich alle sofort, denn die meisten Passagiere kommen aus Übersee: aus den USA, aus Kanada, Australien, Brasilien. Die einzige Deutsche bin ich, die fairkehr-Reporterin. Die Crew stellt sich vor: Neben dem Skipper sind das zwei Leichtmatrosen, die beiden Reiseleiter, der Koch und die jungen Leute für Bar und Service. Es geht locker zu, Kapitän Walter trägt Pulli und Jeans. „Macht es euch mit Getränken bequem“, begrüßt er die Gäste, denn ein paar Ansagen müssen sein: Zu welchen Zeiten sind Frühstück und Abendessen anberaumt, wie lange hat die Bar geöffnet, wann wird abgelegt und nicht zuletzt – wie funktionieren Toiletten und Duschen. Schließlich ist das kleine Hotel immer noch ein Boot und die Mahnung, die Frischwassertanks nicht gleich leer zu duschen, ist durchaus ernst gemeint. 

Jeden Abend findet auch das Briefing für den nächsten Tag statt: Vor einer großen Landkarte erklären die Tourguides, welche Route geplant ist, welche Stopps und Besichtigungen an der Strecke liegen und wie viele Kilometer geradelt werden. Die Guides, das sind Helen aus den Niederlanden, Ende 40, fit und sportlich, und ihr Kollege Peter aus Belgien. Peter hat erst im Ruhestand das Konzept dieser Reisen kennengelernt und in den letzten acht Jahren schon 70 Touren begleitet. 

Einführung ins Radfahren für Anfänger

Seit dem Mittag waren die Gäste eingetrudelt, hatten eingecheckt und ihre Kabinen bezogen. Die Zimmer sind geräumig, mit zwei Betten oder Doppelbett, mit Bad und großem Fenster. Alles ist freundlich, neu und sehr komfortabel. 

Zur Begrüßung gehört auch die Einführung ins Radfahren. Zur Auswahl stehen Hollandräder mit und ohne E-Antrieb. Ausführlich erklärt Peter die Komponenten eines Fahrrades, das Verstellen der Sattelhöhe, die Funktion der Gangschaltung, die Verwendung des Rahmenschlosses. Auf jedes Rad klebt er ein großes Namensschild. 

Als Tourguide hat Peter schon alles erlebt. Mindestens zwanzig Prozent der Gäste, schätzt er, seien mit dem Input überfordert und hätten am nächsten Morgen den Fahrradschlüssel verloren. Damit übertreibt er schamlos, aber seine Ratschläge bringen die Gäste zum Lachen: „Tragen Sie bitte einen Helm, damit die Einheimischen schon von Weitem sehen, dass Sie Touristen sind“, scherzt er. Peter weiß auch, dass die meisten Gäste keine geübten Radfahrer sind. Deshalb lädt er am Nachmittag alle zu einer ersten Probefahrt rund ums Hafenbecken ein.  
 

Lange Tische, fröhliche Runden

Radfahren macht hungrig – und an den langen Tischen im Restaurant werden aus Paaren und Einzelreisenden schnell lebhafte Runden. Die Gäste machen sich bekannt, freuen sich über das belgische „3-Gang-Surprise-Dinner“, das der Koch in seiner Kombüse gezaubert hat, und loben die frischen Speisen und schön angerichteten Teller. Als Deutsche kann ich immer wieder staunen über die unnachahmliche Freundlichkeit der Menschen aus den USA. 

Kristen aus New York City erzählt, wie ihr Mann das Radfahren im Central Park entdeckt hat und jetzt auf richtige Touren gehen möchte. Chris und Lynn kommen aus Washington DC. Dort wohnen sie auf dem Land, am Rande von Germantown, was insofern gut passt, als Chris erst in zweiter Generation US-Bürger ist. Er spricht noch die Sprache seiner norddeutschen Vorfahren. Sylvie und Kimberly sind um die Vierzig und gehören mit ihren Ehemännern zu den Jüngeren auf der Tour. Sylvie ist nach dem Abitur aus Bremen in die USA ausgewandert und plaudert noch gerne in ihrer Muttersprache. 

So fröhlich die Runden auch sind, ausnahmslos alle distanzieren sich nach wenigen Minuten von Trump und seiner Clique aus Milliardären, die gerade die Demokratie crashen. Sehr besorgt drehen sich die Gespräche immer wieder um die Krisen in den USA und die Auswirkungen auf die politische Weltlage. Hier ist das Amerika versammelt, das man wegen der provozierend lauten MAGA-Meute fast vergessen hatte: Gebildete, höfliche, empathische Menschen, denen die Welt nicht egal ist. Darüber freuen sich auch die mitreisenden Kanadier – der Bordfrieden ist insofern gesichert. 

Weil das Schiff am nächsten Morgen nach dem Frühstück ablegt, bietet Peter einen nächtlichen Spaziergang durch das mittelalterliche Brügge an. Die Stadt war im 14. und 15. Jahrhundert eine europäische Metropole und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. „Wir machen eine Zeitreise in das Goldene Zeitalter der Hanse“, sagt Peter, der Brügge bestens kennt. „Aber das ist nur nachts möglich, tagsüber verstopfen Tausende Besucher die engen Gassen.“ Jetzt sind die Reisebusse weggefahren und die kleine Gruppe kann unbehelligt über gepflasterte Wege schlendern und den historischen Kern der Stadt mit ihren golden beleuchteten Grachten, Giebelhäusern, Kirchen und dem Grote Markt bewundern und fotografieren.   

Trotz Regen sind alle sehr motiviert

Zur verabredeten Abfahrtszeit am ersten Morgen regnet es leicht und die Wolken hängen tief. Trotzdem sind alle motiviert und mit Regenjacken und -hosen gerüstet für die Radtour. Wer 7.000 Kilometer und mehr angereist ist, lässt es sich nicht nehmen, dieses Flandern kennenzulernen, „on the ground“, wie es heißt. Die Crew hat die Räder schon an Land gebracht, alles ist bestens vorbereitet. 51 Kilometer sind es bis Gent.
Für meine Entscheidung, die Gruppe bis mittags allein wegfahren zu lassen, werde ich belohnt mit zauberhafter Stille an Bord. Niemand an Deck, die Magnifique IV hat abgelegt. Leichter Nebel liegt über dem Wasser, das Schiff gleitet fast lautlos durch das flache, grüne Polderland, vorbei an Bauernhöfen, weidenden Rindern, Ponys und Eseln. Fischreiher sitzen auf Pfählen im Kanal, Enten tauchen unter. Im Schiff ist Ruhe eingekehrt. Der Matrose ist mit Farbeimer und Pinsel unterwegs, der Koch schnippelt Gemüse fürs Abendessen. Der Kapitän ist allein auf der Brücke und erzählt von seiner Arbeit.

Schiffsreisen wie diese kombinierten Rad- und Bootstouren liegen im Trend. Walter van Berkum baut gerade seinen fünften Frachter um. Die Hotelschiffe fahren mit kleinen Reisegruppen auf den Kanälen in Belgien und den Niederlanden, auf der Schelde, dem Rhein und auf der beschaulichen Mosel zwischen Cochem und Metz. 

Der Kanal nach Gent, auf dem wir unterwegs sind, ist eng. Als uns ein Schiff entgegenkommt, steuert der Skipper an einer dafür ausgebauten Stelle rechts ran und lässt den Frachter passieren. Walter erzählt, dass seine Schiffe ausschließlich mit Biokraftstoffen fahren, die das Klima weniger belasten als der Motorbetrieb mit fossilem Erdöl. Elektroantriebe wären ohne Zweifel besser, aber da fehlt den Skippern die Ladeinfrastruktur an Land.
 

Die Gäste schätzen den Komfort an Bord

Zu Mittag picknickt die Radgruppe in einer kleinen Bar am Wasser. Die Sonne kommt raus und an der Theke gibt es frisch gebrühten Kaffee und kühle Getränke. Dazu lassen sich die Reiseteilnehmer*innen ihre vom Frühstück mitgebrachten Sandwiches, Äpfel, Bananen und Müsliriegel schmecken. Dann geht es weiter auf bestens ausgebauten Radwegen Richtung Gent. 

Peter und Helen führen jeweils eine Gruppe an. Man radelt brav hintereinander, in gemächlichem Tempo. Von den Guides spontan beauftragte „Corner“ sichern Kreuzungen und Abbiegungen. Der „Swiper“ fährt als Schlusslicht am Ende der Kolonne und sorgt dafür, dass niemand verloren geht. 

Beim entspannten Dahinradeln schwärmt Shirley aus Calgary davon, wie sehr sie und ihr Mann es genießen, dass man sich um nichts kümmern müsse: „Die Räder stehen morgens aufgepumpt am Kai, der Guide fährt voraus, kennt die besten Wege, die schönsten Cafés und die interessantesten Stopps – und am Abend kehrt man auf das behagliche Schiff zurück, es gibt Drinks und hervorragendes Essen.“ Am meisten schätzt sie den Komfort: „Alles Gepäck bleibt in der Kajüte, kein lästiger Bettenwechsel, kein Aus- und Einpacken nach der Radtour, kein Suchen nach Restaurants.“

Tourguide Peter ist mit unübertrefflicher Geduld ausgestattet. Hat jemand etwas vergessen, die Fahrradtasche mit den persönlichen Sachen vertauscht, das Rad beim Stopp nicht abgeschlossen oder beim Losfahren den Schlüssel nicht parat? Peter bringt nichts aus der Ruhe. Die Bewunderung der Gruppe ist ihm dafür sicher. Auch für seine weitreichenden Belgien-Kenntnisse. „1.400 Restaurants gibt es in Gent“, referiert er, „davon zehn mit Michelin-Sternen. Dazu 59 Kirchen, die Bierbrauergilde hat seinerzeit die größte gebaut.“ Auch die Altstadt von Gent ist sehr gut erhalten, Straßenzüge sind unverändert. „Menschen aus dem Mittelalter würden sich hier nicht verirren“, sagt Peter. Zu jedem Gebäude kann der gebürtige Antwerpener eine Geschichte erzählen. 

Unbeirrt lotsen die Guides ihre Gäste durch den dichtesten Radverkehr. Gent ist eine Fahrradstadt, wie es sie in Deutschland nicht gibt – in den USA schon gar nicht. „So viele Menschen sind auf Fahrrädern unterwegs, es ist unglaublich“, staunt Chris. Gruppenfahren wäre übrigens keine Pflicht gewesen, der Reiseveranstalter stellt eine GPS-gesteuerte App für die Touren zur Verfügung. Macht aber niemand, denn wer will schon seine neuen Freunde aus den Augen verlieren oder beim nächsten Stopp Peters Anekdoten verpassen.

Ein Highlight ist die Bootstour über die Schelde. Der Fluss unterliegt vor Antwerpen den Gezeiten, denn er mündet bald in die Nordsee. Fünf Meter Tidenhub liegen zwischen Niedrigwasser bei Ebbe und Hochwasser bei Flut. Die Reisegruppe bleibt an Bord, lässt die Natur mit Deichen, Wiesen und Schlickflächen an sich vorbeiziehen: Zeit zum Lesen, Quatschen oder Baden im Hot-Tub an Deck. Dabei lassen sich die starken belgischen Biere verkosten, die es an der Bordbar gibt – auch als alkoholfreie Variante.

In Antwerpen ist die Boat-Bike-Tour für die fairkehr-Reporterin zu Ende. Ich muss Abschied nehmen, während die Gruppe nach Amsterdam weiterfährt. „We will miss you, Uta!“, ruft mir Kristen zu, und es klingt wirklich nicht nach Höflichkeit, sondern als käme es von Herzen. Ich werde die freundlichen und zugewandten Menschen aus Kanada und den USA auch sehr vermissen!

Die Reise wurde unterstützt durch www.boatbiketours.de.

Autorin

Uta Linnert

ist Redakteurin des VCD-Magazins fairkehr. Seit vielen Jahren schreibt sie über die nachhaltige Verkehrswende. Sie arbeitet bei der fairkehr-Agentur in Bonn.

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