Tipps | VCD-Magazin 03/2025

Argumentieren für die Verkehrswende

Wer über Mobilität spricht, landet schnell in hitzigen Diskussionen. Zu teuer, zu langsam, zu ideologisch? 7 Fakten entkräften gängige Einwände – für die nächste Familienfeier, Elternabend etc.

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Die Bahn ist unzuverlässig und zu teuer. 

Stimmt – in der Vergangenheit wurde die Schiene kaputtgespart. Aber auch Autofahren ist weder zuverlässig noch günstig. In Deutschland stecken Autofahrende im Schnitt 40 Stunden pro Jahr im Stau.1 Und selbst die günstigsten Mittelklassewagen kosten inklusive Unterhalt im Schnitt über 700 Euro pro Monat.2 Und während Bahnfahren durch Investitionen besser und günstiger werden kann, bleiben Autokosten für Sprit, Reparaturen und Versicherung hoch – ganz ohne Aussicht auf Besserung. 

Ohne Auto geht es hier doch gar nicht! 

Im ländlichen Raum ist das tatsächlich vielerorts noch Realität – aber es geht auch anders. In Baden-Württemberg fährt in mehreren Landkreisen der „Regiobus“ im Stundentakt und vernetzt Dörfer mit Bahnhöfen und größeren Orten. In Rheinland-Pfalz ermöglicht das „LandMobil“-Projekt flexible Rufbusse für Regionen ohne festen Fahrplan. Studien zeigen: Fast jeder Zweite ist offen für den Umstieg vom Auto auf Alternativen – wenn es attraktive, verlässliche und gut erreichbare Angebote gibt.3 Die Verkehrswende auf dem Land braucht gezielte Investitionen, aber sie ist machbar.

Wir können uns die Verkehrswende gar nicht leisten!  

Tatsächlich geben wir derzeit viel Geld für klimaschädliche Mobilität aus. Laut Umweltbundesamt betragen die umweltschädlichen Subventionen in Deutschland jährlich rund 65 Milliarden Euro – davon entfallen über 30 Milliarden auf den Verkehrssektor.4 Dazu gehören Steuerprivilegien für Diesel, das Dienstwagenprivileg und die Entfernungspauschale. Zum Vergleich: Für den Ausbau und die Sanierung des Schienennetzes wären laut Bundesrechnungshof rund 18 bis 20 Milliarden Euro pro Jahr nötig.5 Dabei würden sich Investitionen in Bahn, Rad- und Fußverkehr nicht nur ökologisch lohnen, sondern auch ökonomisch – weil sie Gesundheitskosten senken, Flächenkonflikte entschärfen und die regionale Wirtschaft stärken.6

Ich muss doch zur Arbeit kommen! 

Genau deshalb braucht es gute Alternativen zum Auto. Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass rund 30 Prozent aller Arbeitswege in Deutschland mit dem Rad oder dem ÖPNV zurückgelegt werden könnten, wenn die Infrastruktur verlässlich und attraktiv ausgebaut würde. Gerade Kurzstreckenfahrten mit dem Auto bieten großes Potenzial für eine Verlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsmittel.7 Und: Pendelzeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind oft planbarer als mit dem Auto – vor allem in Ballungsräumen mit hohem Stauaufkommen. Verlässliche Verbindungen, gute Umstiege und sichere Wege machen den Arbeitsweg entspannter und umweltfreundlicher.

Tempo 30? Das hält nur den Verkehr auf! 

Das Gegenteil ist der Fall: Studien zeigen, dass sich der Verkehrsfluss bei Tempo 30 beruhigt, weil weniger häufig stark gebremst oder beschleunigt wird. Dadurch verbessert sich die Verkehrsverstetigung und es entstehen weniger Staus und weniger Emissionen. Gleichzeitig sinkt der Lärmpegel um bis zu drei Dezibel. Und: Tempo 30 rettet Leben. Die Zahl schwerer Unfälle reduziert sich innerorts um bis zu 40 Prozent, wenn die Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h gesenkt wird.8 Viele europäische Städte setzen deshalb flächendeckend auf Tempo 30 – Brüssel, Paris und Grenoble etwa haben bereits gute Erfahrungen gemacht.

Parkplätze streichen und teurer machen? Das ist doch Abzocke! 

Parkplätze kosten die Städte viel – doch meist zahlen nur die Anwohnenden indirekt über Steuern, nicht die eigentlichen Nutzer*innen. Der Wert eines öffentlichen Parkplatzes liegt bei rund 2.000 bis 3.000 Euro pro Jahr. Ein einziges geparktes Auto beansprucht im Schnitt 12 Quadratmeter Fläche – so viel wie ein kleines WG-Zimmer.9 Das ist Raum, der für Radwege, Grünflächen, Spielplätze oder Außengastronomie fehlt. Weniger Parkplätze und fairere Gebühren bedeuten nicht Abzocke, sondern gerechte Flächenverteilung. In Paris und Utrecht wurden Tausende Stellplätze in attraktive öffentliche Räume verwandelt. Und die Zustimmung steigt, sobald die neuen Flächen erlebbar sind.10, 11 

E-Autos sind auch keine Lösung – die Batterien sind doch umweltschädlich!

In der Tat belastet die Batterieproduktion die Umwelt. Doch über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, verursacht ein E-Auto rund 60 bis 70 Prozent weniger CO2-Emissionen als ein vergleichbarer Verbrenner.12 Zudem verbessert sich die Recyclingquote: Laut EU-Kommission könnten bis 2030 rund 30 Prozent des Lithiumbedarfs aus Altbatterien gedeckt werden.13 Aber klar ist auch: Ein Auto bleibt ein Auto – es braucht Platz, Energie und Rohstoffe. Deshalb gilt: Nicht einfach alles elektrifizieren, sondern den Autoverkehr insgesamt verringern. Mehr ÖPNV, Fahrrad und Sharing senkt die Umweltlast deutlich stärker als jedes neue Antriebssystem.14

 

1-14 Die Linksammlung zu den relevanten Studien und Berichten gibt es hier: vcd.org/artikel/fakten-aus-dem-artikel-zum-nachlesen

Autorin

Katharina Garus 

ist Redakteurin bei der fairkehr-Agentur in Bonn und schreibt seit 2021 für das VCD-Magazin fairkehr. Sie ist Expertin für alle Themen rund ums Fahrrad und nachhaltige Reisen.

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