Gemeinsam am Werk: Im Bürgerrat diskutierten die Teilnehmenden ihre Ideen zunächst in Kleingruppen

Bürgerräte | VCD-Magazin 03/2025

Wie der Zufall es will: Menschen planen Mobilität

Zu Themen wie Mobilität und Klimaschutz bilden sich in Deutschland immer mehr Bürgerräte. Wie funktionieren sie und was können sie bewirken? Inga Wiechmann aus Köln hat an einem Bürgerrat mitgewirkt und uns von ihren Erfahrungen berichtet.

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fairkehr-Magazin 03/2025 Auto Fußverkehr Klimafreundliche Mobilität Radverkehr Verkehrspolitik Wohnen und Mobilität

Als Inga Wiechmann an diesem Morgen in ihren Briefkasten schaut, flattert ihr unerwartete Post entgegen. Der Zufall hat entschieden: Sie ist zum ersten Kölner Bürgerrat eingeladen. Für einen kurzen Moment überkommt sie Nervosität, denn an so etwas hat sie noch nie teilgenommen. Was sie genau dort erwartet, weiß sie nicht. Zwar hört man  von Bürgerräten in den letzten Jahren immer mehr: 2024 gab es deutschlandweit 51 davon, so viele wie noch nie. Aber wie sie genau funktionieren, wissen die wenigsten.

Die Idee hinter dem Bürgerrat: Eine Gruppe zufällig ausgeloster Menschen kommt zusammen, um politisch drängende Themen zu besprechen und zu bearbeiten. In Köln geht es zum Beispiel darum, wie die Mobilität in einzelnen Stadtteilen gestaltet werden soll. In moderierten Sitzungen erhalten die Teilnehmenden Fachinformationen, diskutieren unterschiedliche Perspektiven und formulieren am Ende Empfehlungen für Politik und Verwaltung – das sogenannte Bürgergutachten. Dabei sollen die Teilnehmenden die Vielfalt der Bevölkerung repräsentieren, deshalb das Losverfahren.

Inga kennt die Probleme ihres Wohnviertels im Stadtteil Mühlheim: viele Menschen auf wenig Raum, dichte Bebauung, starker Durchgangsverkehr, enge Straßen und teils fehlende Radwege. Die 38-jährige Vertrieblerin bei den Abfallwirtschaftsbetrieben Köln ist selbst nicht politisch aktiv. Aber das Thema Mobilität liegt ihr am Herzen. Sie nutzt fast ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel und teilt sich für alle übrigen Wege ein Auto mit einem Freund. „Für mich stand deshalb sofort fest: Da will ich mitmachen! Auch wenn ich nicht wusste, wie so etwas abläuft und inwiefern man da selbst im Mittelpunkt steht.“

Raum für alle Meinungen

Doch schon bald stellt sich für Inga Wiechmann eine Routine ein. Denn die Termine folgen dem gleichen Muster: Erst vermitteln Expert*innen wichtige Informationen zum Thema; anschließend erarbeiten Kleingruppen von acht bis zehn Personen Ideen, die in der großen Runde vorgestellt und ausgewertet werden. Inga erzählt von den vielen Denkanstößen, die sie aus den Vorträgen mitgenommen hat. Zum Beispiel beim Thema „Autofreie Wohnviertel“: Zulieferer, Pflegedienste und Rettungswagen brauchen Zufahrtswege. Darüber hat sie davor noch nie viel nachgedacht.

Natürlich beurteilen die Teilnehmenden die Vorträge der Expertinnen und Experten unterschiedlich. Für manche sind sie offener als für andere. Das findet Inga aber auch in Ordnung: „Es geht nun mal darum, dass jeder seine Meinung einbringen kann. Das ist vielleicht manchmal schwer auszuhalten. Aber das Ziel war ja auch nicht, dass jeder rausgeht und alle einer Meinung sind.“

Im Gegenteil: Bürgerräte sollen Raum für Dialoge schaffen und Menschen, die sich sonst selten politisch einbringen, eine Stimme geben. „Manche Leute meinen, sie hätten nichts zu sagen oder würden nicht gehört“, so Thorsten Sterk, Mitarbeiter beim Verein „Mehr Demokratie“ und Experte für Bürgerräte. „Sie trauen sich womöglich nicht zu, in so einem Bürgerrat das Wort zu ergreifen.“ Es sei wichtig, diese Menschen dazu zu ermutigen. „Dann wird versucht, Brücken zu bauen, und alle mögliche Unterstützung anzubieten.“ Das gelte auch für Menschen, die zeitlich zu eingespannt seien für politisches Engagement.

Inga kann das bestätigen: Für eine Teilnehmerin wurde am letzten Tag des Kölner Bürgerrats eine Kinderbetreuung organisiert, um ihr die Teilnahme zu ermöglichen, erzählt sie. Die Kölner Gruppe empfand sie als sehr divers: „Ich glaube, da waren durchaus Leute dabei, die sich nie getroffen hätten, hätte der Bürgerrat sie nicht zusammengebracht.“ Eine Person habe nicht so gut Deutsch gekonnt, eine andere sei sehr schüchtern gewesen. „Doch die Moderation hat gut drauf geachtet, dass alle zu Wort kommen. Ich hatte immer das Gefühl: Das ist hier ein Safe Space für alle.“ Das schlägt sich in der Diskussionskultur nieder: Zwar kommt es immer mal wieder zu Meinungsverschiedenheiten, aber der Ton bleibt sachlich. Hitzige Diskussionen, die Inga anfangs befürchtet hatte, bleiben aus.

Mehr zu Bürgerräten

Bürgerräte gibt es schon seit rund 50 Jahren. Sie sind eine Form der Bürgerbeteiligung, bei der eine Gruppe zufällig ausgeloster Menschen Handlungsempfehlungen für die Politik erarbeitet. Das Losverfahren – in der Regel über das Einwohnermelderegister – sorgt dafür, dass sich die Gruppe aus Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen wie Alter, Geschlecht, Bildung oder Herkunft zusammensetzt. 
Bürgerräte gibt es zu den unterschiedlichsten Themen auf verschiedenen Ebenen (Kommune, Land, Bund, Europa, sogar weltweit). In Städten wie Lüneburg oder Aachen gibt es ständige Bürgerräte, die immer wieder in neuer Zusammensetzung zu neuen Themen beraten. Weitere Informationen und Beispiele finden Sie unter:

buergerrat.de

Mit voller Überzeugung

Am 24. Juni 2025 ist es so weit: Die Ergebnisse werden im Verkehrsausschuss der Stadt Köln vorgestellt. Mit dabei: Inga, zusammen mit zwei weiteren Teilnehmenden – und das, obwohl ihr eigentlich der Mut fehlt, vor großen Gruppen zu sprechen. „Ich war ganz schön aufgeregt an dem Tag. Trotzdem war ich richtig froh, dass ich es gemacht habe, weil ich einfach voll hinter dem stehe, was wir erarbeitet haben.“
Zu den Maßnahmen, die der Bürgerrat empfiehlt, gehören: eine klare räumlichen Trennung von Fuß- und Radwegen sowie breitere Bürgersteigen in Wohnstraßen. Schulstraßen  für alle Schulen im Viertel. E-Ladesäulen sollen vor allem am Rand des Wohnviertels aufgestellt werden. Neben einzelnen Maßnahmen hat der Bürgerrat 41 Kriterien erarbeitet, um sie nach Wichtigkeit zu priorisieren. Jetzt ist die Stadt am Zug.

Stellt sich die Frage: Was wird bleiben vom Bürgerrat? Obwohl die Reaktionen im Verkehrsausschuss sehr positiv waren, glaubt Inga nicht, dass die Vorschläge in naher Zukunft umgesetzt werden: „Wenn ich ganz ehrlich bin, werden es kleine Fortschritte sein. Ich glaube, es wird darauf ankommen, dass viele Bürgerinitiativen und Freiwillige wirklich federführend an den Themen dranbleiben.“ Auch Inga will sich weiter engagieren – und würde jederzeit wieder mitmachen. Nicht nur, weil sie über sich hinausgewachsen ist. Sondern auch, weil ihr der Bürgerrat einfach Spaß gemacht hat.

Autorin

Maren Otto

ist Redakteurin bei der fairkehr-Agentur in Bonn und schreibt für das VCD-Magazin fairkehr. Sie ist Expertin für alle Themen rund um nachhaltige Mobilität.

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