Die Bahn unter der Fahrgast-Lupe
Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat heute mit dem 2. VCD-Bahnkunden-Barometer die Ergebnisse seines zweiten großen Bahntests aus Kundensicht vorgestellt. Danach sind häufige Verspätungen weiterhin das größte Manko der Deutschen Bahn AG. Bestnoten bekam dagegen das Personal: Für Freundlichkeit am Schalter vergaben über zwei Drittel der Bahntester die Noten „Gut“ und „Sehr gut“ – eine deutliche Steigerung gegenüber dem 1. VCD-Bahnkunden-Barometer.
Wie das Forschungsinstitut EMNID in seiner repräsentativen Untersuchung für den VCD festgestellt hat, waren rund 27 Prozent der Fernverkehrszüge mehr als fünf Minuten verspätet. Damit hat die Pünktlichkeit gegenüber dem Vorjahr noch einmal deutlich abgenommen: Damals lag die Quote noch bei etwa 22 Prozent. Auch die von Bahnchef Mehdorn propagierte Erreichbarkeit der Anschlusszüge hat sich verschlechtert. VCD-Bahnbeobachter fanden bei ihren Tests auf über 1000 Alltagsfahrten heraus, dass 11,4 Prozent der nötigen Anschlusszüge im Fernverkehr verpasst wurden - gegenüber 8,5 Prozent im Vorjahr.
René Waßmer, VCD-Bundesgeschäftsführer: „Wir gratulieren der Deutschen Bahn AG zu ihrem Personal. Freundlichkeit allein reicht allerdings nicht aus, um neue Kunden für die Bahn zu gewinnen. Wenn die Züge zu spät kommen, Anschlüsse nicht erreicht werden und Reisende im Gang stehen müssen, fahren viele lieber mit dem Auto. Um die Umwelt merklich zu entlasten, müssen aber viel mehr Menschen auf die Schiene umsteigen. Dafür muss die Deutsche Bahn AG einfach besser werden, das heißt vor allem pünktlicher und zuverlässiger.“
Der VCD kritisiert zudem die fortbestehende Qualitätsschere zwischen Nah- und Fernverkehr. Zwar stehe der Nahverkehr bei den Verspätungen deutlich besser da als der Fernverkehr, doch schneide er in allen anderen untersuchten Kategorien schlechter ab. Das betreffe beispielsweise die Information der Reisenden am Bahnsteig und im Zug. Auch seien die Zugbegleiter im Nahverkehr seltener anzutreffen, weniger kompetent und hilfsbereit als auf Fernstrecken.
Annette Volkens, Verkehrsreferentin des VCD: „Über 90 Prozent aller Bahnreisenden nutzen den Nahverkehr. Sie dürfen nicht als Kunden zweiter Klasse behandelt werden, sondern müssen genauso gut informiert und bedient werden wie Fernreisende. Die Deutsche Bahn AG muss erkennen, dass der Nahverkehr kein lästiges Übel ist, sondern gerade für Pendler und Ausflügler die bessere Alternative zum Auto darstellt. In der Konsequenz heißt das: Die Bahn muss auch in der Fläche präsent und attraktiv sein, nicht nur auf schnellen Fernstrecken.”
Mehr als die Hälfte aller Deutschen (53,5%) ist seit einem Jahr oder länger nicht mehr Bahn gefahren, wie die repräsentative Telefonbefragung im Rahmen des 2. VCD-Bahnkunden-Barometer zeigt. Davon gaben fast drei Viertel an, sie hätten generell keinen Bedarf am Bahnfahren, zum Beispiel, weil sie lieber mit dem eigenen Auto unterwegs seien. Darüber hinaus werden als häufigste Gründe genannt, nicht mit der Bahn zu fahren: zu hohe Fahrpreise, schlechte Erreichbarkeit des Reiseziels, zu lange Reisedauer und der Zwang zum Umsteigen.
Von der Bundesregierung fordert der VCD, den Menschen weitere Anreize zum Umsteigen von der Straße auf die Schiene zu bieten. „Beispielsweise muss die Mehrwertsteuer auch für Fahrkarten im Fernverkehr auf sieben Prozent gesenkt werden. Das ist in anderen europäischen Ländern längst der Fall“, sagt VCD-Geschäftsführer Waßmer. Damit würde Bahnfahren auf weiten Strecken günstiger.
Um mehr Fahrgäste zu gewinnen, müsse die Deutsche Bahn AG dafür sorgen, dass auch abseits der schnellen Fernstrecken gute und regelmäßige Verbindungen zur Verfügung stehen. Sie dürfe keine durchgehenden Reiseverbindungen mehr streichen und müsse Interregio-Züge erhalten. „Außerdem darf die Flexibilität der Bahnreisenden auf keinen Fall beschnitten werden. Damit würde die Bahn gegenüber dem Auto an Attraktivität verlieren“, warnt Annette Volkens. Denn schon jetzt gelte bei vielen Autofahrern als großes Plus, ihre Reise zu jeder Zeit spontan beginnen zu können.
Das 2. VCD-Bahnkunden-Barometer wurde wie im Vorjahr in Kooperation mit dem Magazin stern durchgeführt. Gemeinsam beauftragten stern und VCD das Meinungsforschungsinstitut TNS EMNID mit einer repräsentativen Telefonbefragung und Testfahrten durch geschulte Prüfer. Untermauert wurden die EMNID-Ergebnisse durch rund 270 ehrenamtliche VCD-Bahnbeobachter, die auf über 1000 Alltagsfahrten die Bahn nach einem standardisierten Verfahren bewerteten.
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