Deutschlandtakt

Nur ein Kombibahnhof kann Stuttgart 21 jetzt noch retten

Ein ehemaliger Gutachter des Bahnprojekts Stuttgart 21 glaubt Presseberichten zufolge nicht mehr daran, dass die Kapazitäten des achtgleisigen Tiefbahnhofs ausreichen werden. Er bestätigt damit eine Kritik, die der ökologische Verkehrsclub VCD seit langem äußert. Der VCD fordert deshalb einen sogenannten Kombibahnhof – auch überirdische Gleise sollen in Betrieb bleiben, um die Leistungsfähigkeit des Bahnknotens sicherzustellen. Die VCD-Bundesvorsitzenden Christiane Rohleder und Matthias Kurzeck nehmen Stellung.

Werner Stohler, langjähriger Geschäftsführer der Firma SMA und DB-Gutachter, hat den Verdacht des VCD bestätigt, wonach die unterirdischen Gleise von Stuttgart 21 die versprochenen Kapazitäten nicht liefern können. Die VCD-Bundesvorsitzende Christiane Rohleder kritisiert: “16 Gleise durch 8 zu ersetzen und gleichzeitig mehr Kapazität zu versprechen, das ist absolut unglaubwürdig. Wir wurden von der DB mit falschen Zahlen abgespeist. Der VCD fordert seit über 20 Jahren ‚oben bleiben‘ – das heißt, ein oberirdischer Bahnhofsteil muss erhalten werden.“ 

Der VCD-Bundesvorsitzende Matthias Kurzeck erläutert: „Der Gutachter SMA hatte die korrekte Anwendung der Pufferzeiten, also die Zeitreserve zwischen zwei Zugtrassen, attestiert. Die Planung der Zugtrassen selbst, also die Zeit von der Freigabe der Einfahrt in den Bahnhof bis zur Ausfahrt aus ihm heraus, kam dagegen ungeprüft von der DB. Schon heute entstehen regelmäßig Verspätungen, weil 6 Minuten Aufenthalt in Stuttgart zum Ein- und Aussteigen nicht ausreichen – und künftig sind selbst für ICE nur noch 2 Minuten vorgesehen. Das ist offensichtlich unrealistisch.“ Kurzeck resümiert: „Jetzt ist es offiziell. S21 ist ein Fehlschlag, bringt den Deutschlandtakt in Gefahr – und keine zusätzlichen Kapazitäten.“

Der VCD fordert: Um Schäden für den Bahnverkehr in Deutschland – und besonders für den Deutschlandtakt – zu vermeiden, muss der alte Kopfbahnhof erhalten bleiben. Er muss ‚überzählige‘ Züge aufnehmen, wenn die Kapazität im Tunnelbahnhof nicht reicht. Christiane Rohleder: „Ein Kombibahnhof mit Zugverkehr oben und unten auf ausreichend vielen Gleisen im Kopfbahnhof – das ist angesichts der Fehlplanung die einzige Lösung." Diese leicht umzusetzende Variante ermögliche es auch, die Gäubahn und somit den wichtigen InterCity nach Zürich zu erhalten. Der drei Milliarden Euro teure Pfaffensteigtunnel könne dann eingespart werden. „Dieses Geld stünde stattdessen für den Bahn-Ausbau im ganzen Land zur Verfügung“, so Rohleder. „Eine sinnvolle und gleichzeitig sparsame Lösung.“

Rohleder und Kurzeck rufen DB-Chefin Palla und Verkehrsminister Bilger auf, zügig zu einem Spitzengespräch einzuladen, um gemeinsam nach Lösungen für einen Kombibahnhof zu suchen. „Als Grundlage kann der Kompromiss dienen, den seinerzeit der S21-Schlichter Heiner Geißler angedacht hat“, sagt Matthias Kurzeck. „Wenn der Bund die Sache einfach weiterlaufen lässt, frage ich mich allmählich – was ist eigentlich das verkehrspolitische Ziel dieser Regierung?“

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