VCD Verkehrswende Blog

Sicher und nachhaltig mobil in der Corona-Krise

Die Verkehrswende gestalten heißt in Zeiten von Corona: Das Radfahren stärken - Staatliche Wirtschaftshilfe zur Überwindung der Krise nur unter konkreten Umweltauflagen

Wer notwendige Wege zurücklegen muss, ist derzeit auf der Kurz- und Mitteldistanz zu Fuß oder mit dem Fahrrad am besten unterwegs. Auch Politiker*innen und Gesundheitsexpert*innen empfehlen, auf das Rad, das gesündeste und umweltfreundlichste Verkehrsmittel umzusteigen, um zum Arbeitsplatzoder Einkaufen zu kommen.

von Kerstin Haarmann, VCD-Bundesvorsitzende

Für diese Alltagswege muss Fahrradfahren weiterhin erlaubt bleiben, denn es schützt in mehrfacher Hinsicht. Uns selbst vor Ansteckung und unsere Mitmenschen vor uns. Radfahren stärkt das Immunsystem und beugt vielen Krankheiten vor. Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, macht Platz in Bus und U-Bahn, für alle jene die auf den ÖPNV angewiesen sind. Fahrräder brauchen zudem viel weniger Straßenraum als Autos, sowohl beim Fahren als auch beim Parken, und stoßen keine gesundheitsschädlichen Abgase aus. 

Für Menschen im Homeoffice, aber auch für Familien mit Kindern, ist Radfahren derzeit eine wichtige Möglichkeit, an die frische Luft zu kommen und sich zu bewegen. Unsere Städte sind aber längst nicht für sicheres und angenehmes Fahrradfahren ausgelegt. Vielerorts fehlen schlicht Fuß- und Radwege oder sind zu schmal, um zwei Meter Abstand zu anderen zu halten. Daher sprechen wir uns dafür aus, um mehr Platz zu gewinnen, temporär auch Pkw-Fahrbahnen zu Radwegen umzuwidmen, wie das beispielsweise in Bogota schon gemacht wird. Die Stadt New York sperrt gerade Straßen für den Autoverkehr, damit sich viele Menschen mit dem notwendigen Abstand sicher zu Fuß und mit dem Rad bewegen können. [*Hinweis vom 30.3.2020: Mittlerweile haben sowohl Bogota als auch New York Ausgangssperren verhängt.] Das hilft auch denen, die gerade erst aufs Fahrrad umgestiegen und noch nicht geübt sind. 

Ausbau des Fuß- und Radwegenetzes ist dringend notwendig

Wie wichtig das oft unterschätzte Fahrrad für unser Verkehrssystem ist, erleben wir jetzt in der Krise. Den notwendigen Ausbau des Fuß- und Radwegenetzes müssen wir nach der Corona-Krise viel konsequenter in Angriff nehmen. Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, dass nicht nur genug Geld, sondern auch ausreichend Personal für die Planung ausgebildet und eingestellt wird.

Derzeit werden die Mittel aus dem hierfür zur Verfügung stehenden Nationalen Radverkehrsplan nur zu einem Bruchteil abgerufen. Bis dahin sollten nicht nur Auto-, sondern selbstverständlich auch Fahrradwerkstätten offenbleiben, damit Menschen weiterhin gut, gesund und ohne Kosten mobil sein können. Sinnvoll wäre auch, wenn Fahrradhändler weiter öffnen dürften und ihre Räder auch verleihen würden - solange sie die Hygienevorschriften beachten. Der Fahrradverleiher Nextbike stellt in Kooperation mit den Städten Berlin und Augsburg seine Leihräder in den nächsten Wochen allen für die erste halbe Stunde kostenlos zur Verfügung.

Solidarität auch im Verkehr

Auch im Verkehr müssen wir jetzt Solidarität beweisen. Autofahrer*innen müssen mehr denn je Rücksicht auf andere nehmen, langsam und vorsichtig fahren. Jede*r Verletzte weniger entlastet Arztpraxen und Krankenhäuser. Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss sich an die Abstandsregeln halten und auf andere achten. Wer ein Lastenrad besitzt, kann Nachbarn seine Hilfe anbieten.

Doch nicht jede*r kann aufs Fahrrad steigen und nicht alle Wege lassen sich mit dem Rad bewältigen. Für größere Distanzen braucht es andere Optionen. Verständlich, wer in diesen Tagen nicht ganz auf das Auto verzichten will. Langfristig kann das aber nicht die Antwort sein. Wir brauchen einen sicheren, leistungsfähigen und gut ausgebauten Nahverkehr. Busse und Bahnen müssen momentan auch bei reduziertem Takt so regelmäßig fahren, dass Menschen, die im Gesundheitswesen und anderen unverzichtbaren Einrichtungen arbeiten, zuverlässig auch im Schichtdienst ihrer Arbeit nachgehen können.

Konjunkturprogramme mit Klimaschutz im Blick

Fluggesellschaften, Autoindustrie, Bahnunternehmen und Verkehrsbetriebe werden es ohne staatliche Hilfen kaum durch diese Krise schaffen. Primär geht es jetzt darum, dass die Beschäftigten nicht arbeitslos werden und weiterhin Löhne gezahlt werden können. Unsere Forderungen zur Verkehrswende dürfen wir darüber aber nicht vergessen oder zurückstellen, denn auch die ebenfalls dramatische Klimakrise verlangt von uns entschlossenes Handeln. Wir müssen überlegen, wie wir Konjunkturprogramme für in Not geratene Branchen mit den Chancen für einen besseren Klimaschutz verknüpfen. Bei Investitionen müssen wir auf Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit setzen, damit wir Arbeitsplätze dauerhaft sichern und neu schaffen können.

Nachdenken müssen wir auch darüber, wie Jobs im Mobilitätsbereich ökologisch nachhaltig verlagert werden können. So hat sich beispielsweise die Bahnbranche in den letzten Jahren zum Jobmotor entwickelt. Wenn die von der Corona-Epidemie schwer getroffene Branche gut aufgefangen wird, kann sie auch nach der Krise jedes Jahr für tausende neue Jobs sorgen. Konkrete Umweltauflagen für die angeschlagenen Fluggesellschaften und Autokonzerne sind erforderlich, im Gegenzug für umfangreiche staatliche Hilfen in der Krise. Umweltvorgaben zu lockern oder aufzuschieben ist keine Lösung. Notwendige Innovationen würden versäumt.

Viele Fragen stellen sich gerade neu und unter anderen Vorzeichen. Für andere gelten dieselben Antworten wie vor der Corona-Krise. Lasst uns das Thema nachhaltige Mobilität mit Blick auf beides, Corona und Klimakrise, mutig angehen.

Kerstin Haarmann

ist seit November 2018 Bundesvorsitzende des VCD.

Quelle: VCD/Katja Täubert

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