VCD Verkehrswende Blog

Sorgenfrei durchatmen

Atemmasken sind keine Lösung um Radfahrer*innen und Fußgänger*innen vor Abgasen zu schützen. Deutschland braucht die Verkehrswende für saubere Luft und lebenswerte Städte.

Kurz vor der Rheinbrücke unterbricht Katharina Mercier jeden Morgen ihren Arbeitsweg und legt ihre Atemmaske an. Es ist kein Mundschutz aus Vlies, wie ihn manche gegen Bakterien und Viren tragen, sondern eine richtige Maske mit Aktivkohlefilter. Die Mittdreißigerin steigt wieder aufs Rad und fädelt sich in den Bonner Stadtverkehr ein. Die Autos stehen hier morgens oft im Stau, immerhin führt ein separater Rad- und Fußweg über die Brücke. Die zierliche Frau auf dem sportlichen Rad sieht mit der Atemmaske unheimlich aus. Provokant. Dass sie mit Maske unangenehme Gefühle bei anderen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern erzeugt, ist ihr bewusst. Deshalb lag die Atemmaske auch lange Zeit in der Schublade, bevor sie sich traute, sie auszuprobieren.

Radfahrer*innen, Fußgänger*innen und Anwohner*innen stark befahrener Straßen sind Auspuffgasen schutzlos ausgesetzt. Verkehr stinkt, lärmt und raubt einem je nach Verkehrsdichte die Luft zum Atmen. Schadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide stammen aus Motoren, Verbrennungsvorgängen in Industrieanlagen und Kraftwerken. Besonders gefährlich ist Stickstoffdioxid, das in luftverschmutzten Städten hauptsächlich aus Dieselmotoren stammt. Es greift die Atemwege an, erhöht das Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekommen, und führt zu chronischen Lungenkrankheiten, Husten und Asthma. Besonders schadet es Menschen, die ohnehin gesundheitlich angeschlagen sind.

So in etwa erklärte es die Ärztin der Radfahrerin, als sie nach dem Zusammenhang von Autoabgasen und Allergien fragte. Viele Jahre lang hatte Katharina Mercier ihre Hausstauballergie gut im Griff und keine größeren Beschwerden. Seit dem Umzug der vierköpfigen Familie aus der Innenstadt an den Stadtrand hatte die junge Frau plötzlich ständig Infekte, gereizte Augen- und Nasenschleimhäute, dazu kam Reizhusten – vor allem nachts. Sie konnte kaum noch schlafen. „Das Schlafzimmer hatten wir schon komplett hausstaubal­lergikerfreundlich umgerüstet. Ein Test zeigte, dass es keine weiteren Al­lergien gibt. Besonders gestresst war ich auch nicht. Die Beschwerden blieben und ich wusste keine Lösung“, sagt Mercier. Sie hatte schnell den Verkehr in Verdacht. Das Haus der Familie liegt zwar dörflich am Stadtrand, aber in der Nähe eines Autobahndreiecks. Und ihr jetzt 25-minütiger Arbeitsweg führt über sehr stark befahrene Straßen. Mercier recherchierte. Damals – es war vor dem Dieselskandal – drehte sich die Diskussion vor allem um Feinstaub und Ozon. Im Internet stieß sie auf den Hersteller von Atemmasken für Radfahrer „Respro“, der versprach Hilfe. Sie bestellte.

Autofrei für bessere Stadtluft

Wären die giftigen Partikel sichtbar wie Smog, würde niemand mehr Katharina Mercier wegen der Maske einen Vogel zeigen. Dieselmotoren wären vermutlich verboten und viele Menschen würden freiwillig aufs Autofahren verzichten, so wie die Merciers, die mit ihren beiden fünf und acht Jahre alten Kindern überzeugt autofrei leben. Würden wir täglich Milliarden Schadstoffe durch die Straßen wabern sehen, dann würde auch jeder sehen, wo sie sich ansammeln und verdichten. Zum Beispiel im Auto. In einem Test hat die Autobild-Redaktion im Autoinnenraum Spitzenwerte von 500 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft gemessen. Die EU schreibt Grenzwerte von 40 Mikrogramm im Jahresmittel vor. Spitzenwerte dürfen höchstens 18-mal pro Jahr über 200 Mikrogramm steigen. Forscher*innen gehen sogar davon aus, dass es keine unbedenkliche Menge an Stickoxiden gibt.

Die Gifte aus dem Auspuff sind aber unsichtbar und so bleibt die Luft belastet – aus den Augen, aus dem Sinn. Vor allem die großen Städte überschreiten die EU-Vorgaben weiterhin regelmäßig. Alle Versuche, die Probleme technisch zu lösen, ob mit Treibstoffzusätzen, Software, sparsameren Autos, Hybridantrieben oder E-Motoren – blieben bisher ohne Erfolg. Neben manipulierten Motoren, fahren immer mehr und immer größere Autos durch die Städte. So werden alle Einsparungen zunichtegemacht. Dank des Drucks, den der VCD als Mitglied einer Expert*innengruppe der Bundesregierung zum Nationalen Forum Diesel gemacht hat, steht jetzt immerhin Geld für die Nachrüstung von Bussen mit Filtern zur Verfügung. Die Bundesregierung hat zudem Förderrichtlinien für E-Busse und kommunale E-Fahrzeuge sowie den Aufbau der Ladeinfrastruktur beschlossen. „Das ist positiv, leistet aber nur einen geringen Beitrag, denn das Hauptproblem – die manipulierten Dieselautos – wird nicht angegangen“, sagt Michael Müller-Görnert, VCD-Experte für saubere Luft.

Die Maske polarisiert

„Die Atemmaske trage ich im Stadtverkehr, weil es mir dann gesundheitlich besser geht. Natürlich erregt sie auch die Gemüter. Aber ich will nicht provozieren oder sagen, dass jetzt alle solche Atemmasken tragen sollen. Lieber wäre mir, dass meine Mitmenschen weniger Auto fahren – vor allem in der Stadt. Dann hätten wir mehr Platz, bessere Luft und es wäre auch gut für den Klimaschutz“, sagt Katharina Mercier.

„Eine lebenswerte Stadt, die ihre
Bewohner schützt, muss drin sein“, Katharina Mercier, Radfahrerin.

Autoarme Städte und klimafreundlicher Verkehr sind in Deutschland aber nicht in Sicht. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) meldet: „Deutsche kaufen immer mehr SUVs (Sport Utility Vehicle) und Geländewagen.“ Ihr Monitoringbericht 2017 zeigt: Der Neuwagenmarkt befindet sich weiter auf Wachstumskurs, der Absatz alternativer Antriebe steigt zwar leicht an, gleichzeitig sinkt aber der Absatz bei emissionsärmeren Pkw. Während seit Jahren die Klimaemissionen insgesamt in Deutschland sinken, steigen sie im Bereich Verkehr weiter an.

Nicht nur in Deutschland, auch weltweit kaufen immer mehr Menschen überdimensionierte Geländelimousinen. Der Autobauer Škoda bejubelt aktuell seinen millionsten verkauften SUV. Er geht an eine spanische Familie. Sollte die in Madrid leben, wird sie den Protzklotz vermutlich bald wieder abschaffen. Die spanische Hauptstadt, regiert von der Bürgermeisterin Manuela Carmena, macht gerade vor, wie Verkehrswende geht: Madrid will bis 2030 seine Verkehrsemissionen im Vergleich zu 2012 halbieren. Damit die Luft besser wird. Der 30-Punkte-Plan heißt Plan A (weil es keinen Plan B gibt) und die Stadt hat 550 Millionen Euro dafür vorgesehen. Zu den Maßnahmen in Madrid zählen: das Parken für Autos mit Verbrennungsmotoren in der Innenstadt teuer und unbequem machen, den öffentlichen Nahverkehr dafür günstiger. Auf Schnellstraßen ins Stadtzentrum die Maximalgeschwindigkeit von 90 auf 70 Kilometer pro Stunde senken und eine Sonderspur für Autos mit mindestens zwei Personen eröffnen, 50er-Zonen in 30er-Zonen umwandeln, das Radnetz kontinuierlich erweitern.

Europa hat noch weitere mutige Städte, die der schlechten Luft mit Konsequenz begegnen: Kopenhagen als Europas Fahrradhauptstadt allen voran, Oslo, das dem Fuß- und Radverkehr Vorrang einräumt. Paris, das seine Flussufer von Autos befreit, flächendeckend und günstig Leihräder eingeführt und keine Angst hat, Fahrverbote zum Schutz der Stadtbewohner auszusprechen. London demotorisiert die Innenstadt durch seine City-Maut und die stetig wachsenden Fahrradinfrastruktur.

Einfach Prioritäten umkehren

Die Lösungen für saubere Luft und das Erreichen der vertraglich vereinbarten Klimaziele liegen auch in Deutschland auf der Hand: Prioritäten umkehren in der Verkehrsplanung. „Weniger Autos in den Städten und mehr Bus-, Bahn- und Radverkehr. Die Bundesregierung muss in ganz Deutschland für entsprechende Maßnahmen sorgen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Städte“, sagt Phi­lipp Kosok, VCD-Verkehrsexperte.

„Mir ist schon klar: Wir leben in der Stadt, da erwarte ich keine Alpenluft oder die Ruhe einer einsamen Waldhütte. Aber eine lebenswerte Stadt, die ihre Einwohner schützt statt belastet, das muss drin sein. Da sehe ich die Politik auf allen Ebenen in der Pflicht. Und jeder kann dazu beitragen und weniger Auto fahren“, sagt Mercier. „Das funktioniert auch mit Kindern“, schiebt sie hinterher. Das klingt fast trotzig. „Ich muss mich oft rechtfertigen für unser Leben ohne eigenes Auto. Das nervt, weil wir finden, dass dieser Lebensstil uns eine hohe Lebensqualität bringt und viel Familienzeit.“

Der Nutzen einer Atemmaske ist durchaus umstritten. Sie bringt nichts, wenn sie schlecht sitzt oder der Filter nicht regelmäßig gewechselt wird. Stickoxide werden nicht hundertprozentig gefiltert, ultrafeine Partikel gehen durch. Merciers Mann besitzt auch eine Atemmaske und trägt sie nur selten. „Ich fahre mit dem Rad gern schnell, so ist der Arbeitsweg gleich Sport. Ich habe das Gefühl, durch den Filter nicht genug Luft zu bekommen“, sagt er. Katharina Mercier ist das egal, auf dem Weg zur Arbeit quer durch die Stadt ist sie sowieso nicht so schnell unterwegs und sie fährt ein Pedelec. Solange die Verkehrswende in Deutschland auf sich warten lässt, radelt sie weiter mit Maske und kann nachts besser atmen und schlafen.

Valeska Zepp

Valeska Zepp ist freie Journalistin, arbeitet seit vielen Jahren bei fairkehr als Redakteurin und hat ein Redaktionsbüro für zukunftsfähige Mobilität & Gesellschaft in Bonn. Sie fährt Fahrrad im Alltag und reist gern zügig durch Europa.
Valeska.Zepp@fairkehr.de

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