VCD Verkehrswende Blog

Was bringen E-Scooter?

Mangelnde Sicherheit, schlechte Umweltbilanz, zugeparkte Gehwege – täglich erscheinen neue, oft negative Presseartikel über E-Scooter. fairkehr hat geprüft, was stimmt und was nicht.

App runterladen, anmelden, ein paar Mal auf den Bildschirm tippen, und schon ist der E-Tretroller freigeschaltet. Also Ständer eingeklappt und rauf aufs Board. Ein-, zweimal ankicken, den Stromknopf an der Lenkerstange gedrückt halten und los geht meine Recherche-Fahrt. Ich möchte herausfinden, ob die E-Scooter das Mobilitätsangebot in Bonn sinvoll ergänzen oder ob sie doch nur ein Spielzeug sind.

Schon bevor die Sharing-Anbieter Circ, Lime, TIER und Voi ihre E-Scooter in deutschen Städten aufstellten, hatten sie mit medialem Gegenwind zu kämpfen. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete die E-Tretroller in einem Artikel über die Klimabilanz als „Nespresso-Kapseln der Straße“. In Paris blockierten Tretroller die Gehwege und würden auch schon mal in der Seine versenkt, berichtet Focus Online. Die Unfallgefahr sei groß, warnten Experten. Drohten auch deutsche Städte im Chaos zu versinken?

Mit der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV), die seit dem 15. Juni 2019 gilt, machte das Bundesverkehrsministerium den Weg für E-Scooter frei. Bereits eine Woche später rollten die ersten 200 türkis-blauen E-Tretroller der Firma TIER Mobility durch Bonn. Einen Monat später hatte der Anbieter seine Flotte bereits verdoppelt. Im August ist mit Lime ein zweiter Anbieter in der Stadt gestartet.

Morgens stehen die TIER-Scooter in Bonn in Dreierpäckchen ordentlich aufgereiht an Bus- und Bahnhaltestellen. Nachts sucht man sie vergeblich, da der Anbieter sie einsammelt, um sie aufzuladen und zu warten. Tagsüber parkt hier und da mal ein E-Scooter mitten auf dem Gehweg. Das ist ärgerlich und unnötig, denn die Nutzer könnten sie an die nächste Hauswand stellen. Doch die E-Scooter haben nicht dazu geführt, dass Geh- und Radwege permanent blockiert sind.

Die E-Tretroller dürfen nur in bestimmten Zonen gefahren und geparkt werden. So ist das Abstellen in Grünanlagen oder an der Rheinuferpromenade verboten. „TIER hat sich vor dem Start in Bonn das Profil der Stadt angeschaut und sich überlegt, wo sie Fahr- und Parkverbotszonen einrichten wollen. Die Pläne hat die Firma mit den Stadtwerken Bonn als Kooperationspartner der Stadt vorgestellt“, sagt Dirk Delpho vom Bonner Stadtplanungsamt. „Wir haben TIER dann mitgeteilt, wo wir Park- und Fahrverbote als notwendig ansehen“, so Delpho. In belebten Einkaufsstraßen mit engen Bürgersteigen hat die Stadt das Abstellen von E-Scootern nicht zugelassen, um Behinderungen des Fußverkehrs zu vermeiden.

Entsprechend der eKFV müssen die Roller auf Radwegen und Schutzstreifen fahren. Dort, wo es keine Radwege gibt, müssen die Roller auf die Fahrbahn ausweichen. Den Gehweg dürfen sie nicht nutzen. Für Radler geöffnete Einbahnstraßen oder Abschnitte der Fußgängerzone sind für Scooter tabu, solange die Stadt nichts anderes anordnet.

Das mühelose Dahingleiten mit den E-Scootern macht Spaß. Als König des Radwegs fühle ich mich bei meiner Probefahrt aber nicht gerade. Die E-Scooter fahren maximal vorschriftsgemäße 20 km/h. Immer wieder überholen mich Pedelec- und Fahrradfahrerinnen.

Die Position der E-Scooter überwacht TIER jederzeit genau. In den Parkverbotszonen kann ich die Scooter nicht per App abmelden und die Kosten laufen weiter. In den Stadtvierteln am äußeren Stadtrand ist das Fahren verboten. Sobald ich aus der Fahrzone rolle, bremst die Elektronik meinen Scooter auf 5 km/h runter.

Mühelos Dahingleiten

Wer als geübter Radfahrer ein gutes Balance-Gefühl und einen Blick für potenzielle Gefahren mitbringt, umkurvt auch auf dem E-Scooter Hindernisse ohne große Mühe: zum Beispiel Lie­ferwagen, die auf dem Schutzstreifen parken. Die kleinen Fahrzeuge liegen recht stabil auf der Straße. Wenn ich eine Hand vom Lenker nehme, um das Abbiegen anzuzeigen, wird es allerdings wackelig. Langfristige Statistiken, die klären, ob das Fahren mit E-Tretrollern gefährlicher ist, gibt es noch nicht. „Der E-Scooter ist an sich kein gefährliches Verkehrsmittel“, sagt VCD-Expertin Anika Meenken. „Da die E-Scooter-Fahrer sich den Platz mit Radfahrerinnen und -fahrern teilen, müssen Kommunen die knappe Fahrradinfrastruktur ausbauen. Für sicheres Fahren braucht es breitere Radwege und Tempo 30 auf den Straßen“, so Meenken.

Presseberichte, dass es sich bei den E-Scootern um Wegwerfartikel handele, die bereits nach wenigen Monaten Gebrauch auf dem Schrottplatz landeten, weist TIER-Pressesprecher Bodo von Braunmühl zurück: „Die ersten Anbieter in den USA setzten Modelle ein, die nicht für die Anforderungen eines Verleihers geeignet waren. Diese waren schnell irreparabel beschädigt. Unsere E-Scooter sind deutlich robuster und werden regelmäßig gewartet und repariert. Wir gehen davon aus, dass sie 14 Monate halten und sind sowohl aus ökologischen, als auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen bestrebt, sie möglichst lange zu vermieten.“

Ob die E-Tretroller eine klimafreundliche Alternative zum Auto sind oder ein klimaschädliches Spielzeug, ist umstritten. Die CO2-Emissionen liegen mit etwa 5 g/km mehr als 25-mal niedriger als bei einem durchschnittlichen Auto. Laut einer Datenanalyse, die die Beratungsagentur civity im Juni durchführte, werden die E-Scooter für durchschnittlich zwei Kilometer lange Wege genutzt und am häufigsten in den Abendstunden und am Wochenende gefahren. Das spricht dafür, dass die Deutschen sie oft in der Freizeit fahren und als Alternativen zum Zufußgehen und Radfahren nutzen. Eine Umfrage aus Paris belegt, dass die Menschen in Frankreichs Hauptstadt die E-Scooter vor allem statt der eigenen Füße oder des ÖPNV nutzen.

Fürs Pendeln zu teuer

Für längere Strecken und fürs tägliche Pendeln kommen E-Roller zurzeit ohnehin nicht in Betracht. Erstens weil sie bislang nicht in abgelegeneren Stadtteilen fahren dürfen, zweitens, weil die Angebote relativ teuer sind. Eine Fahrt mit dem TIER-Scooter kostet einmalig einen Euro und dann weitere 15 Cent pro Minute. Die Mitbewerber verlangen ähnliche Preise. Es fehlen günstige Abo-Modelle für Vielfahrer. 

Wichtig ist, dass E-Scooter-Anbieter und kommunale Akteure wie Verkehrsbetriebe, Stadtwerke und Planungsämter kooperieren: sei es um die E-Scooter in ÖPNV-Tarife einzubinden, grünen Ladestrom bereitzustellen oder Fahr- und Parkzonen festzulegen.

In Bonn sind erste Schritte in diese Richtung bereits getan. Dank einer Kooperation von TIER mit den Stadtwerken werden die Scooter mit Ökostrom geladen. Die Regel ist das nicht. Derzeit fahren sie in den meisten Städten mit konventionellem Strom.

Der mediale Gegenwind für die E-Scooter ist überzogen. Ja, die wachsende Zahl der E-Scooter in den Städten führt zu chaotischen Situationen. Das liegt aber nicht am E-Scooter an sich, sondern ist die Folge jahrzehntelanger autozentrierter Verkehrspolitik, die alle anderen Verkehrsmittel an den Rand gedrängt hat: seien es Radler, Fußgänger oder eben jetzt E-Scooter-Fahrer.

Der Heilsbringer für die urbane Mobilität sind E-Scooter nicht, da die Menschen sie oft für Wege nutzen, die sie auch mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit Bus und Bahn zurücklegen könnten. Autofahrten ersetzen sie unter den aktuellen Rahmenbedingungen zu selten.

Webseite des Umweltbundesamtes zu E-Scootern

Jetzt ist der Moment!

Werdet jetzt mit der ganzen Familie VCD-Mitglied und sorgt mit uns für familienfreundliche Mobilität. 

Jetzt Mitglied werden und Willkommensbox sichern!

Benjamin Kühne

ist seit 2014 als Redakteur beim VCD-Magazin fairkehr tätig. Davor studierte er Politikwissenschaft in Gießen. Er ist in Bonn am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs und reist gerne mit der Bahn.
benjamin.kuehne@fairkehr.de

zurück