Simone Fischer, 46, sitzt seit Februar 2025 für die Grünen im Bundestag. Die Stuttgarterin ist die erste kleinwüchsige Bundestagsabgeordnete.
Respekt | VCD-Magazin 04/2025
Respekt im Straßenverkehr: Sichere und barrierefreie Mobilität für alle
fairkehr-Magazin 04/2025 Soziale Aspekte der Verkehrswende VCD Kernforderungen für die Verkehrswende Vision Zero
Es ist früher Vormittag, die Sonne scheint. Gehen wir mit Frau Schneider, sie ist 72 Jahre alt, auf Radtour durch die Stadt. Frau Schneider ist sportlich und tritt kräftig in die Pedale ihres roten E-Bikes, denn Radfahren bedeutet für sie Freiheit und Lebensfreude. Doch sobald sie auf dem schmalen Radstreifen der stark befahrenen Straße fährt, kommt Unsicherheit auf: Autos rauschen viel zu dicht an der Radfahrerin vorbei – gerade so, als würde sie nicht gesehen, als hätte sie kein Recht auf ihren Weg. Hier hört ihre Freiheit auf. Dabei wünscht sich Frau Schneider nur eines: sicher und mit Würde unterwegs sein zu können. Sie braucht Respekt im Verkehr.
Dieses Bedürfnis teilen Millionen Menschen. Mobilität bedeutet Teilhabe, Zugang zu Arbeit, Bildung, Freundschaften und Kultur. Doch nicht alle erleben den öffentlichen Raum als offen und sicher. Für Kinder, ältere Menschen und besonders für Menschen mit Behinderungen ist die Teilnahme am Verkehr oft mit Unsicherheit, Angst oder Ausschluss verbunden. Respekt im Verkehr heißt deshalb: die Verletzlichsten schützen, gleiche Chancen schaffen und niemanden zurücklassen.
Die Schwächsten zuerst
Kinder sehen die Straße aus einer anderen Perspektive, unterschätzen Gefahren – und sind besonders auf Rücksicht angewiesen. Zu oft entsteht der Eindruck: Für Kinder ist im Verkehr kein Platz. Dabei sind sie in der Lage, viele Wege selbstständig und selbstbewusst zurückzulegen – wenn wir es ihnen zutrauen und gute Rahmenbedingungen schaffen. Schulstraßen, die während der Bring- und Abholzeiten für den Autoverkehr gesperrt sind, lassen Sicherheit entstehen. Respekt heißt, Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen.
Auch viele ältere Menschen erleben den Verkehr als feindliches Territorium. Straßen sind nicht für sie gemacht, sondern für schnelle Verkehrsmittel optimiert. Den Autos hat die Planung den meisten Platz eingeräumt, dann kommen die Radwege. Wer langsam geht oder mit einem Rollator unterwegs ist, erlebt eine begrenzte Welt. Barrierefreie Ampeln, abgesenkte Bordsteine, breite Gehwege sind aber kein Luxus, sondern Ausdruck von Respekt. Für Menschen mit Behinderungen gilt dies noch deutlicher: Blinde benötigen Wege ohne Stolperfallen, tastbare Leitsysteme, Gehörlose klare visuelle Signale, Menschen im Rollstuhl ebene Wege. Eine Stadt, die all das bietet, ist nicht nur barrierefrei – sie ist respektvoll.
Der Verkehr ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Es kommt auf uns alle an und es reicht nicht, nur Verkehrsregeln zu respektieren. Rücksichtnahme verlangt, sich der Anwesenheit anderer Fahrer*innen oder Fußgänger*innen bewusst zu sein. Respektvoll unterwegs zu sein heißt, solidarisch zu sein, sich in die Perspektive Anderer hineinzuversetzen, für sie mitzudenken. Ein achtlos abgestellter E-Scooter auf dem Gehweg oder ein umgekipptes Fahrrad kann für alte oder blinde Menschen lebensgefährlich sein.
Politik der Verantwortung
Respekt ist nicht nur eine persönliche Haltung, sondern auch eine politische Aufgabe. Der VCD fordert, die Vision Zero – null Tote im Straßenverkehr – gesetzlich zu verankern. Dahinter steckt die Überzeugung: Jedes Leben zählt. Tempo 30 innerorts, Tempo 80 auf Landstraßen, 120 auf Autobahnen – das sind keine Schikanen, sondern ist Ausdruck von Respekt vor der Unversehrtheit aller.
Ebenso wichtig sind Investitionen: in sichere Radwege, barrierefreie Haltestellen, digitale Fahrgastinformationen, in den Ausbau von Bus und Bahn im ländlichen Raum. Das erfordert Geld – und zugleich den Abbau klimaschädlicher Subventionen, die heute vor allem Autofahrer*innen zugutekommen. Respekt bedeutet, diese Mittel in eine Mobilität zu lenken, die allen dient.
Ein anderes Miteinander
Respekt im Verkehr verändert den Alltag. Er bedeutet: innehalten, wenn jemand unsicher ist. Abstand halten, auch wenn wir es eilig haben. Warten, wenn Kinder zögerlich über die Straße gehen oder im Spiel vertieft dem rollenden Ball nachlaufen. Und zuhören, wenn Menschen sagen, dass sie sich unsicher fühlen.
Respekt macht Mobilität leiser, sicherer, gerechter und Plätze für alle einladend. Er führt zu weniger Unfällen, zu sauberer Luft, zu lebenswerten Städten. Respekt sorgt dafür, dass Frau Schneider auf ihrem roten Rad nicht angehupt wird, dass Kinder nicht angebrüllt werden, dass Menschen mit Behinderungen nicht ausgeschlossen sind. Respekt ist kein Luxus, sondern die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens.
Am Ende geht es um eine einfache Erkenntnis: Straßen sind keine Kampfzone. Sie sind Lebensraum, geteilt von vielen. Wir haben Menschen getroffen, die mit Einschränkungen durch unsere Welt gehen. Sie haben uns gesagt, was Respekt für sie bedeutet, wo sie ihn vermissen und was sie für ihre selbstständige und sichere Mobilität brauchen.
Autorin

Uta Linnert
ist Redakteurin des VCD-Magazins fairkehr. Seit vielen Jahren schreibt sie über die nachhaltige Verkehrswende. Sie arbeitet bei der fairkehr-Agentur in Bonn.

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