Mobilitätsgarantie

Arm dran

Mobilität ist teuer – vor allem, wenn man keine Wahl beim Verkehrsmittel hat. Familie Schulze wohnt in Katzwinkel (Sieg) und hat es wahrlich nicht einfach in Sachen Mobilität: kein Bahnhof, keine vernünftige Busanbindung, kein Terrain zum Radfahren.

| ÖPNV Soziale Aspekte der Verkehrswende

„Wenn meine Tochter nachmittags Unterrichtsausfall hatte, habe ich sie mit dem Auto abgeholt. Sonst hätte sie zwei Stunden auf den Bus warten müssen“, erzählt Yvonne Schulze. Mit 18 hat ihre Tochter den Führerschein gemacht und die Eltern haben ihr einen günstigen Gebrauchtwagen gekauft. Schulze investierte statt 70 Euro in die Monatskarte für den Bus lieber 70 Euro in die Versicherung des Autos.

Für Familie Schulze ist das Auto das Verkehrsmittel Nummer 1. Und das, obwohl es ein riesiges Loch in die eh schon knappe Haushaltskasse frisst – auch wenn die Tochter ihr Auto inzwischen selbst finanziert. „Rund 12 Prozent unseres Einkommens geben wir allein für Mobilität aus“, sagt Yvonne Schulze. Sie bezieht eine Erwerbsminderungsrente, ihr Mann Arbeitslosengeld II.

Schulze wohnt zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Katzwinkel an der Sieg. „An der Sieg“ ist allerdings relativ, denn das kleine Dorf liegt 120 Höhenmeter über dem Siegtal. Eine Grundschule und einen Kindergarten gäbe es bei ihnen oben auf dem Berg, sonst nichts, erzählt Schulze. Zum Einkaufen fährt sie mit dem Auto hinunter ins Siegtal nach Kirchen. Dort gibt es einen Aldi, einen Lidl und einen Netto. Und sogar einen Bahnhof, um in die Kreisstadt Siegen oder nach Bonn zu kommen. Die Busanbindung nach Katzwinkel aber, die ist an die Schulzeiten gekoppelt und nicht an die Bedürfnisse Erwachsener angepasst.

Viel unterwegs

Ein besonderer Mobilitätsbedarf ergibt sich bei Familie Schulze durch diverse Erkrankungen. „Unser jüngster Sohn hat einmal die Woche Ergotherapie“, erzählt Schulze, „mit dem Bus sind wir da ein paar Stunden unterwegs. Mit dem Auto 20 Minuten. Zur Kinder- und Jugendpsychiatrie nach Limburg, wo wir einmal im Quartal hinmüssen, wäre es mit dem Zug eine Fahrtzeit von zwei bis drei Stunden. Mit dem Auto wiederum eine Stunde.“

Was den Zeitaufwand angeht, könnte selbst der ICE nicht mithalten. Doch den können sich die Schulzes eh nicht leisten. Selbst das Nahverkehrsticket könne – abgesehen vom Neun-Euro-Ticket derzeit – bei drei bis vier Personen nicht mit den Kosten der Autofahrt konkurrieren. „Ich wäre ja gerne klimafreundlicher unterwegs, aber das ist für uns einfach zu teuer“, resümiert Schulze daher.

Leider ist auch das Fahrrad – oft das günstigste und klimafreundlichste Verkehrsmittel – für Yvonne Schulze keine echte Option. „Ich packe ja manchmal das Fahrrad ins Auto, fahre hinunter ins Siegtal und mache dort eine Radtour“, erzählt sie. Aber direkt vor der Haustür aufs Rad zu steigen, sei für sie keine Alternative. „Hier geht es ganz schön bergauf und bergab. Da muss man für ein normales Fahrrad eine hervorragende Kondition haben“, sagt sie. Nur die zwei fitten Söhne nehmen schon mal das Rad.

Keine Wahl

Ganz konkret ist daher der Apell von Yvonne Schulze: Sie wünscht sich eine Förderung von E-Bikes. Auch die Fahrradwege und die Busanbindung auf dem Land seien sehr verbesserungswürdig. Und dass es Sozialtickets nicht flächendeckend gibt, kann sie überhaupt nicht nachvollziehen. Auch für sie ganz persönlich würde ein solches Ticket den ÖPNV deutlich attraktiver machen.

Ein Umzug in einen verkehrstechnisch besser angebundenen Ort ist derweil keine Option für die Schulzes. „Wir zahlen hier 560 Euro Kaltmiete für 130 Quadratmeter. Finden Sie sowas mal woanders!“, sagt Schulze. Und so kommt es nicht von Ungefähr, dass sich bei Yvonne Schulze die Mobilitätsarmut kumuliert: Durch die gesundheitlichen Probleme von ihr und ihrem Mann können sie nicht arbeiten beziehungsweise finden schwer Arbeit. Die schwierige finanzielle Situation erzwingt die ländliche Wohnlage und die Erkrankungen der Kinder verursachen obendrauf einen erhöhten Mobilitätsbedarf. Für manchen mag das ein Härtefäll sein, es ist aber beileibe kein Einzelfall. Und genau hier setzt die Mobilitätsgarantie an: Indem sie Allen bezahlbare Mobilität ermöglicht, selbst Härte- und Einzelfällen.

Katharina Garus

ist seit 2021 Redakteuerin bei der fairkehr.
katharina.garus@fairkehr.de

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